Das Set startet mit "Get Ready for Love" und damit einem Song des 2004 erschienenen Albums "Abattoir Blues / The Lyre of Orpheus", dem 13. Album der Band. Inzwischen kann die Gruppe auf vier Jahrzehnte Bandgeschichte und insgesamt 18 Studioalben zurückblicken.
Dennoch präsentiert sich Nick Cave in Stuttgart nach wie vor voller Energie, verbringt direkt den ersten Song ganz vorne beim Publikum, setzt sich beim zweiten nur einmal ganz kurz an seinen schwarzen Flügel, nur um kurz darauf bereits schon wieder am vordersten Bühnenrand zu stehen.
Von dort aus greift er nach Händen, grüßt und dirigiert das Publikum während er mit “From Her to Eternity” einen Song des Debütalbums der Gruppe performt.
Alte Bekannte und neue Gesichter
Seit der Veröffentlichung des Liedes im Jahr 1984 ist viel passiert. Einige Mitglieder haben die Gruppe verlassen, andere sind dazugestoßen.
Während Gitarrist George Vjetica an der Gitarre und Multitalent Warren Ellis, der sowohl singt als auch die Violine, Gitarre sowie zeitweise die Keys übernimmt, zu den üblichen Vertretern auf der Bühne zählen, wird die Gruppe seit Beginn der Wild God Tour live durch Radioheads Colin Greenwood am Bass begleitet.
Seit 2022 gehören außerdem Schlagzeuger Larry Mullins (u.a. The Stooges und Swans) und die Soundtrack-Komponistin Carly Paradis zur Livebesetzung der Band. Unterstützt wird die Konstellation außerdem von vier Backgroundsänger*innen.
Das kurze Aufflackern eines Einstürzende Neubauten Tattoos eines Zuschauers auf den Videoleinwänden neben der Bühne hingegen erinnert derweil an die frühen Jahre der Band und zollt dem ehemaligen Gitarristen Blixa Bargeld Tribut.
Gar nicht so düster
Auch Nick Cave & The Bad Seeds selbst scheinen ihre Wurzeln nicht vergessen zu haben. Denn als Cave das Stuttgarter Publikum mit den Worten "Das ist verdammt furchterregend… Tageslicht!" begrüßt, ist das wenig überraschend für eine Band, die ihre ersten Auftritte in Venues gespielt haben, die sich Batcave oder The Caves nennen und sich auch selbst namentlich nur in der zweiten Hälfte von der Höhlen-Assoziation verabschiedet hat (ehemals Nick Cave & The Cavemen).
Trotz Tageslicht und der Tatsache, dass die Gruppe auf einem Jazz Festival spielt – was Cave nach eigener Aussage "tief besorgt" – beweist die sonst eher mit Genres wie Postpunk oder Gothic Rock assoziierte Gruppe, dass sie alles andere als fehl am Platz ist.
Das unterstreicht unter anderem Ellis, der nach Caves Aussage prompt ein virtuoses Violinen-Solo hinlegt, aber auch die Stimmung des Publikums, das die Band nach jedem Song mit großem Applaus belohnt und sich auch sonst willig zur Mitwirkung zeigt.
Engagiertes Publikum
Kurz bevor die ersten Klänge von Tupelo ertönen, animiert Cave das Publikum zu rhythmischem Klatschen, bevor er selbst am Flügel mit einsteigt. Das lässt sich sogar das Publikum in der letzten Reihe auf der Tribüne nicht zweimal sagen. Auch als Cave seine Gäste bei "Bright Horses" darum bittet, ihre Telefone beiseite zu legen und stattdessen im Einklang mit Ellis an Sigur Rós erinnernden Gesangseinlage die Hände zu heben und zu senken, wird dieser Anweisung gewissenhaft gefolgt.
Hin und wieder verschwindet Cave dann auch selbst im Publikum oder lässt sein Mikrofon von Zuschauenden beaufsichtigen. Sowohl Cave als auch das Mikrofon sind dort bestens aufgehoben und kehren früher oder später wohlbehalten wieder auf die Bühne zurück.
Auch gesanglich erhält Cave Unterstützung seitens des Publikums. Übt er mit diesem vor "O Children" und "Into my Arms" vorsorglich noch einmal den Text, stimmt dieses nach "Red Right Hand" selbstständig noch einmal die Melodie des Songs an, sodass sich Cave mit den Worten "Stuttgart, du brichst mir das Herz" kurzerhand zurück an den Flügel begibt und ein kleines improvisiertes zweites Ende des Songs spielt. "Das ist Jazzfestival", kommentiert er trocken.
Viel Emotion
Zwischendurch gibt es dann aber auch ein paar stillere Momente. Etwa dann, wenn Cave die Lieder spielt, die ihm dabei geholfen haben, die schweren Schicksalsschläge in seinem Leben zu verarbeiten. Trotz all der Trauer bahnt sich darin aber auch stets eine gewisse Zuversicht ihren Weg.
Besonders deutlich wird das bei "Joy", einem Song, in dem Cave von dem Besuch eines Geisterjungen erzählt, der daran erinnert, dass es in Ordnung ist, nach großer Trauer auch wieder Freude in das eigene Leben zu lassen.
Bei "Papa Won’t Leave You, Henry" wiederum ist es dann Cave selbst, der einzelnen Personen im Publikum tröstend die Hand auflegt. Ab und zu lassen sich vereinzelte Feuerzeuge im Publikum aufflackern sehen, zu einem Lichtermeer kommt es jedoch nicht, stattdessen wird nahezu andächtig zugehört, was Cave zu sagen hat.
Insgesamt treffen an diesem Abend Songs verschiedenster Lebens- und Schaffensphasen von Nick Cave & The Bad Seed aufeinander. Der Song "Hiding All Away", feiert in Stuttgart sogar sein Tourdebüt. Es ist der vorletzte Song vor der Zugabe, die schließlich mit "Into My Arms" ihr Ende findet.
Nach einer großzügigen Spielzeit von fast zweieinhalb Stunden, bedankt sich Cave dann noch einmal bei allen Beteiligten, holt dabei auch Gebärdendolmetscherin Cindy ihre eigene Runde Applaus ein und verabschiedet sich dann von der Bühne.
Nach einem wirklich eindrucksvollen Konzert und einem Abend, der beweist, dass Nick Cave & The Bad Seed den Höhepunkt ihres Schaffens lange noch nicht hinter sich gelassen haben, bedankt sich das Publikum dann noch einmal mit ausführlichen Standing Ovations, bevor es den Veranstaltungsort ebenfalls verlässt.Setlist
Get Ready for Love / From Her to Eternity / Train Long-Suffering / Wild God / O Children / Tupelo / Carnage (Nick Cave & Warren Ellis Cover) / Joy / Rings of Saturn / Henry Lee / The Mercy Seat / Papa Won’t Leave You, Henry / Red Right Hand / Jubilee Street / Hiding All Away / Hollywood // Zugabe: City of Refuge / The Weeping Song / Into My Arms








