Nick Cave (2019)

Nick Cave (2019) © Daniel Boud

Nick Cave ermöglicht mit seinen "Coversations With..."-Shows ganz direkte Einblicke in seine Gedankenwelt und zeigt sich dabei im Kurhaus Wiesbaden als Künstler, dem nichts mehr Freude bereitet als kreative Arbeit.

Die meisten Fans von Nick Cave kennen den Australier nicht nur als herausragenden Sänger, Songwriter, Musiker und Live-Performer, sondern auch als klugen und einfühlsamen Menschen. Diese Eigenschaften durchdringen nicht nur seine Interviews, sondern auch sein immer lesenswertes Blog The Red Hand Files.

Die "Conversations with Nick Cave"-Tour stellt den Versuch dar, mit dem Format des Blogs auf Tour zu gehen. Zuschauer in edlen Hallen erhalten die Chance, den 62-jährigen zu allen möglichen Themen zu befragen, dazu performt er eine ganze Reihe von Klassikern, neuen Songs und Obskuritäten.

Keine peinlichen Fragen

Cave beschreibt die Erfahrung des Dialogs mit seinem Publikum als furchteinflößend ("terrifying"), aber auch immens bereichernd. Er ermutigt die Zuschauer im Kurhaus Wiesbaden ihm direkte, persönliche Fragen zu stellen und verspricht möglichst aufrichtige Antworten. Kein Wunder, dass der Friedrich-von-Thiersch-Saal bis auf den letzten Platz gefüllt ist.

Cave bittet auch die Zuschauer tolerant gegenüber den Fragen anderer zu sein – vielleicht aufgrund der Erfahrung in Baden-Baden am Abend zuvor, an dem einige Besucher wirklich dämliche Fragen gestellt oder sich in unnötiger Weise in den Vordergrund gedrängt haben. Solche Peinlichkeiten bleiben in Wiesbaden aus.

Schwierige Augenblicke

Auf die Aufforderung eines Besucher im annähernden Befehlston, "Lime Tree Arbour" zu spielen, weil er mit diesem Lied um die Hand seiner jetzigen Ehefrau angehalten habe, hätte er wohl gut verzichten können. Cave zögert kurz, steht vermutlich kurz davor, dem Besucher einige deftige Worte entgegenzuschleudern, winkt dann aber mit seinem ganzen Körper ab, und kommt dem Wunsch nach.

Eine besonders emotionale Situation entsteht hingegen, als ein Vater ihm fragt, wie er seinem sechsjährigen Sohn erklären soll, dass er aufgrund einer Herzkrankheit jederzeit an einem Herzinfarkt sterben kann. Man spürt, wie Cave um eine Antwort auf diese wirklich schwierige Frage ringt, aber schließlich plädiert er für größtmögliche Offenheit im Umgang mit Kindern und wird darin von einer Zuschauerin bestärkt, die auch mit einer schweren Krankheit fertig werden musste. 

Trauern und leben

Es dauert erstaunlich lange, bis der tragische Tod seines Sohnes Arthur zur Sprache kommt – und dann geht es von einer indirekten Bemerkung Caves aus. Er erklärt, er habe etwas sehr Kostbares verloren, und dieser Verlust habe ihn mutiger gemacht, weil er absolut nichts mehr zu verlieren habe.

Sein Leben sei jetzt besser als vor Arthurs Tod, weil er und seine Familie offener, emphatischer geworden seien. Das sei eine schreckliche Aussage, fügt er sofort hinzu, natürlich würde er alles tun, um Arthur zurückzubekommen, aber da das nicht möglich sei, versuche er das Licht hinter der Trauer sehen.

Gegensätze ziehen sich an

Natürlich gibt es auch leichtere Momente, so als Cave auf seine Freundschaft mit Henry Rollins zu sprechen kommt. Beide sind vollkommen gegensätzlich: Rollins trinkt keinen Alkohol, nimmt keine Drogen und ist ein Sportfanatiker.

Cave hat kein Interesse an Sport und seine Drogenkarriere (wenngleich beendet) ist allen wohlbekannt. Gemeinsam haben beide aber, dass sie nicht stillstehen können, sie müssen immer etwas tun: Konzerte spielen oder Songs schreiben und aufnehmen. 

Kreativität und Berufung

Viele Fragen behandeln den kreativen Prozess des Songwritings. Cave erklärt dazu, er schreibe immer erst den Text, die Musik folge im zweiten Schritt.

Auf seinem neuen Album "Ghosteen" sei die Musik fast gänzlich improvisiert. Es wird auch klar, dass Cave die Arbeit als Künstler nicht nur als Beruf betreibt, sondern als Berufung versteht, die ihm tatsächlich Spaß bereitet: "Recording is pure fun", erklärt er.

Er benötige niemandes Zustimmung, aber das Urteil seiner Frau sei besonders wichtig, denn wenn seine Musik ihr nicht gefalle, dann falle es ihm schwer, damit umzugehen. Ebenso wichtig sei es, den kreativen Prozess ständig zu verändern, um als Künstler nicht in Routine zu verfallen.

Der unersetzliche Blixa Bargeld

Der Australier versucht, jeden Tag Songs zu schreiben und es bereitet ihm große Freude, sie im Studio einzuspielen, aber auch auf Tour zu gehen. In Hinblick auf Studioaufnahmen betont er die wichtige Rolle, die Blixa Bargeld früher gespielt habe.

In typisch deutscher Manier habe Blixa schnell und in sehr eindeutiger Sprache entschieden, welche musikalischen Ideen gut – und welche schlecht seien. Man kann sich aufgrund der Erzählung bildlich vorstellen, wie Blixa Bargeld bei Studioaufnahmen "Das ist Scheiße!" bellt. 

Aus diesem Grund sei Blixas völlig unerwarteter Abschied aus den Bad Seeds, den er Cave in einer Email mitteilte, ein Schock gewesen. Aktuell bestehe kein Kontakt zwischen den beiden. Auf einen Geburtstagsgruß habe er keine Antwort erhalten.

Unergiebige Religion

Wenig ergiebig sind hingegen die Fragen nach Religion oder Glauben, weil Nick Cave es bei der Bemerkung belässt, dass längst nicht alle Geheimnisse gelüftet seien und er spüre, dass es mehr gäbe als das, was wir wissen.

Für einen heiteren Moment sorgt das Thema dennoch. Auf die Frage, ob er jemals erwogen habe, ein Mönch zu werden, entfährt dem Australier unter dem Gelächter der Zuschauer ein deutliches: "Nein!"

Musikalische Höhepunkte

Die größte musikalische Überraschung ist mit Sicherheit die Aufführung des Birthday Party-Songs "Shivers". Cave lobt den Songs als das beste Lied des 2009 verstorbenen Gitarristen Rowland S. Howard, der gemeinsam mit Cave Mitglied der Post-Punk-Band war. Dazu spielt Cave mit "Sad Waters" ein Lied, das seine Kindheit im ländlichen Australien behandelt.

Ansonsten gibt es viele Klassiker, darunter eine apokalyptische Version von "The Mercy Seat", natürlich "The Ship Song", "The Weeping Song" und das von vielen Zuschauern herbgeisehnte oder gewünschte "Into My Arms". 

Unvergleichlich

Die "Conversations with"-Tour ist für Nick Cave, aber auch für das Publikum eine intensive und gänzlich einzigartige Erfahrung. Es gibt eigentlich keinen anderen Künstler von vergleichbarem Rang, der sich dermaßen seinen Fans öffnet, ihnen Gelegenheit gibt, ihn mehr als zweieinhalb Stunden lang mit Fragen zu traktieren – und dem es dabei gelingt, in jeder Minute gleichzeitig menschlich und überlebensgroß zu wirken. 

Setlist 

God Is In The House / The Weeping Song / Shivers (The Birthday Party) / Avalanche (Leonard Cohen) / Jubilee Street / Sad Waters / Into My Arms / Papa Won't Leave You, Henry / Waiting for You / The Mercy Seat / Palaces of Montezuma / Lime Tree Arbour / Cosmic Dancer (T. Rex) / Stranger Than Kindness / The Ship Song // Skeleton Tree / Love Letter

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