"Eine Konzerthaus-Tour – ist das nicht etwas steif?", fragt Sven Regener in seiner gewohnt norddeutsch-lakonischen Art, nur um die pragmatische Antwort gleich selbst zu liefern: "Ja, aber so können alle sitzen."
Doch darin erschöpft sich das Konzept der Tour nicht. Während des gut zweistündigen Konzerts präsentieren Element of Crime einen ebenso abwechslungsreichen wie mitreißenden Querschnitt ihrer Karriere.
Zahlreiche Höhepunkte
Tatsächlich erschien das englischsprachige Debütalbum "Basically Sad" bereits 1986 – vor genau 40 Jahren. Große Bekanntheit erlangte die Band jedoch vor allem nach ihrem Wechsel zu deutschsprachigen Texten. "Damals hinterm Mond" etwa hat inzwischen ebenfalls schon 35 Jahre auf dem Buckel.
Der Alben ist aber keineswegs ein rein nostalgische Reise in das, was einmal war. Dass Element of Crime auch heute noch großartige Songs schreiben, beweisen sie mit einer brillanten Version von "Unscharf mit Katze" vom aktuellen Album "Morgens um vier".
Überhaupt reiht sich an diesem Abend ein Höhepunkt an den nächsten. "Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang", einer der vielen Songs über Trennungen und enttäuschte Liebe, entfaltet seine melancholische Schönheit in besonders eindrucksvoller Weise.
Herausragender Gesang
Dass sich die Band im Laufe ihrer Karriere zu einer herausragenden Live-Band entwickelt hat, ist kein Geheimnis. Die eigentliche Überraschung des Abends ist jedoch Sven Regeners Gesang. Vor einigen Jahren schien seine Stimme eine zunehmende Rauheit und Brüchigkeit zu entwickeln, wie sich beispielsweise auf dem Livealbum "Live im Tempodrom" nachhören lässt.
Davon ist an diesem Abend nichts zu hören. Elegant und mit bemerkenswerter Sicherheit bewältigt Regener sämtliche gesanglichen Herausforderungen. Ob schnelle oder langsame Stücke – jeder Ton sitzt. In dieser Selbstverständlichkeit ist das durchaus bemerkenswert.
Viel Energie
Zudem scheint die Band eine Extraportion Energie getankt zu haben. Wer sich ein Konzert von Element of Crime als Übung in gepflegter Melancholie vorstellt, dürfte über die Wucht von Liedern wie "Immer unter Strom" oder dem Dylan-artigen Bluesrocker "Immer da wo du bist bin ich nie" überrascht sein.
Zu den Höhepunkten des Abends zählt auch die Single "Ein Hotdog unten am Hafen", einst für den Film "Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe" geschrieben. Der Song gerät zu einem wilden, atemlosen Parforceritt durch Beziehungsschmerz mit Hamburger Lokalkolorit.
Element of Crime können rocken, doch natürlich möchte niemand auf die melancholischen, lebensklugen Lieder verzichten. "Die letzte U-Bahn geht später" gehört ebenso dazu wie die Stücke des aktuellen Albums. Besonders "Morgens um vier" und "Dann kommst du wieder" überzeugen, letzteres nicht zuletzt dank Tristan Brusch, der den Song mit seinem Gesang wirkungsvoll bereichert.
Ein Auftritt voller Harmonie
Natürlich stehen auch Lieder auf der Setlist, die lange nicht mehr oder überhaupt nur selten gespielt wurden, etwa "Wahr und gut und schön", "Du hast die Wahl" oder "Gelohnt hat es sich nicht". Gerade darin liegt eine besondere Stärke dieses Konzerts: Die unterschiedlichsten Songs fügen sich zu einem schlüssigen Ganzen zusammen.
Das gilt auch für die beiden englischsprachigen Stücke aus der Frühzeit der Band. "You Shouldn't Be Lonely" ist entweder ein Lied über die gescheiterte Beziehung von Sven Regeners Schwester – wenn man Regener fragt – oder über seine eigene gescheiterte Beziehung, wenn man die Schwester fragt. Gute Popmusik lebt eben auch von kleinen Ungenauigkeiten und Legenden.
Das abschließende "Long Long Summer", gemeinsam mit Tristan Brusch vorgetragen, beschließt den Abend auf euphorische Weise. Im Vergleich zur 40 Jahre alten Studioversion wirkt das Lied beinahe wie neu erfunden und erweist sich als perfekter Schlusspunkt.
Die Zuschauer sind begeistert und spenden reichlich Standing Ovations. Nach vier Jahrzehnten gelingt Element of Crime etwas, das nur wenigen Bands vergönnt ist: Sie klingen nicht wie ihr eigenes Denkmal, sondern erstaunlich lebendig.
Setlist
Wenn der Morgen graut / Unscharf mit Katze / Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang / Wahr und gut und schön / Die letzte U-Bahn geht später / Dann kommst du wieder / Gelohnt hat es sich nicht / In mondlosen Nächten / You Shouldn't Be Lonely / Immer unter Strom / Morgens um vier / Im Himmel ist kein Platz mehr für uns zwei / Seit der Himmel / Wenn der Wolf schläft müssen alle Schafe ruhen / Straßenbahn des Todes / Delmenhorst / Immer da wo du bist bin ich nie / Am Ende denk ich immer nur an dich // Mehr als sie erlaubt / Du hast die Wahl / Ein Hotdog unten am Hafen / Weißes Papier / Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin / Long Long Summer









