Vom ersten Augenblick ist klar: Das wird kein gewöhnliches Konzert. Die Musiker haben keine festen Positionen, stattdessen tragen sie ihre Instrumente mit sich, verändern ihre Positionen in komplexen Choreographien, die aber dennoch flüssig und natürlich wirken.
Die Musiker kommen und gehen durch die Öffnungen der großen Videoleinwand, sind aber nie weit weg. Die Band wirkt wie ein emsiger Bienenschwarm, rastlos und konzentriert arbeiten sie an der einzigen Sache, die zählt: an der Musik.
Kein Blick zurück
Fans des Ex-Talking-Heads-Frontmannes sollte das nicht überraschen, denn eine geradezu lustvolle Freude an ungewöhnlichen Stagemoves war schon immer sein Markenzeichen, wie man im legendären Konzertfilm "Stop Making Sense" sehen kann.
Dieser Film war es auch, der in den USA vor einigen Jahren ein Talking Heads-Revival auslöste, mitsamt Phantasien einer Reunion-Tour. Doch David Byrne erklärte zurecht, man könne nicht einfach die Zeit zurückdrehen.
Grandiose Stimmung
Stattdessen gibt es "An Evening with David Byrne", ein Konzert, das gleichzeitig als Teil der "Who is the Sky"-Tour fungiert. Aber natürlich spielt David Byrne auch viele Songs seiner Ex-Band, beispielsweise den Opener "Heaven" in einer akustischen Version wie vor 45 Jahren.
Die Stimmung ist von Beginn an bombastisch, "Everybody Laughs", das beste Lied vom aktuellen Album sorgt gleich für wippende Füße und "And She Was", einer der geradlinigsten Popsongs der "Talking Heads" bringt die Fans in Wallung.
Nach kurzer Zeit sitzt nur noch eine Minderheit, der Rest tanzt und bewegt sich zu den lässigen Grooves, mit denen die Band die Halle flutet. Den ganzen Abend über bleibt die Stimmung fröhlich und lebensbejahend, so wie das neue Album. David Byrne ist offensichtlich im Reinen mit sich selbst und das spürt man in jeder Sekunde.
Plädoyer für Menschlichkeit
Das bedeutet nicht, dass er nicht willens ist, die Dinge beim Namen zu nennen. Der neue Song "T-Shirt", eine Kollaboration mit Brian Eno, wird auf den großen Videoleinwänden von Slogans wie "Make America Gay Again" unterlegt.
Der Klassiker "Life During Wartime" wiederum wird von einem Clip begleitet, auf dem ein Fahrradfahrer zu sehen ist, der gerade so den ICE-Schergen entkommt – eine unterhaltsame, aber eindeutige Kritik an der absurden Politik der Trump-Regierung.
Das Konzert ist aber keineswegs eine wütende Abrechnung mit Donald Trump, so wie Bruce Springsteens Auftritt in Frankfurt im Sommer 2025, sondern ein positives Plädoyer für Menschlichkeit, Vielfalt und Toleranz. Oder wie Byrne es ausdrückt: "Love and kindness are a form of resistance".
Beeindruckende Konsistenz
Musikalisch besitzt der Abend eine wunderbare Energie, die auf jeden ansteckend wirkt. David Byrne gönnt sich keine Pause, gibt eindreiviertel Stunden Vollgas ohne abzubauen oder müde zu werden. Elegant bewegt er sich über die Bühne, immer eingebettet in ein Kollektiv aus Instrumenten und Stimmen weitaus jüngerer Musikerinnen und Musiker, die ihn zu beflügeln scheinen.
Im Live-Kontext fällt auch das Solo-Material nicht wirklich ab, vielleicht mit der Ausnahme von "My Appartment is my Friend", das zwar einen spannenden Einblick in David Byrnes Wohnung in New York City bietet, aber musikalisch arg banal daherkommt.
Unsterbliche Klassiker
Das aber bleibt der einzige Ausfall. Eine zentrale Rolle nimmt die lange Interpretation von "Houses in Motion" ein, die der Band erstmals Gelegenheit gibt, sich richtig zu entfalten. "Slippery People" besitzt die gleiche mitreißende Dynamik wie damals und "Once in a Lifetime" bleibt der große hintersinnige Klassiker, bevor "Burning Down The House" dieses tatsächlich abreißt.
Allein "Psycho Killer" fehlt die paranoide Nervosität, welche die frühen Live-Aufnahmen auszeichnet. Aber schon auf "Stop Making Sense" ist das Lied nicht mehr dasselbe. Aber natürlich wird das Lied dennoch gefeiert.
Ein großes Verdienst
Das Konzert unterstreicht, wie viel möglich ist, wenn man als Musiker bereit ist, liebgewonnene Traditionen zu verlassen und mit überkommenen Konzerttraditionen zu brechen. Die überbordenden Ideen und die herrliche Kreativität machen den Abend zu etwas ganz besonderem.
Aber noch etwas anderes verdient Beachtung: In einer Zeit, in der jeder Tag absurdere und unmenschlichere Nachrichten bringt, in der Wahnsinn zur Norm geworden zu sein scheint und positive Entwicklungen eine Seltenheit sind, gelingt es David Byrne für 100 Minuten all das vergessen zu machen und eine offene, einladende Atmosphäre zu schaffen. Dafür gebührt ihm großer Dank.


