John Cale mag inzwischen 82 sein, aber auf seiner längsten Deutschlandtour seit langem präsentiert er seine Musik in einer rockig-lauten Inszenierung. Das funktioniert oft, aber nicht immer.

Im Alter von 82 Jahren sind die meisten Männer froh, wenn sie sich ohne fremde Hilfe die Schuhe binden können – John Cale hingegen möchte hingegen auf Tour gehen und so richtig Krach machen.

Also hat er drei Musiker ausgewählt, die seine Kinder oder Enkel sein könnten und spielt seine Songs in sehr rockigen Versionen, was bisweilen hervorragend funktioniert, aber sich gelegentlich auch als Fehlentscheidung erweist, besonders in der Songauswahl.

Es ist eindeutig, dass John Cale aktuell einen Kreativitätsschub erlebt. Nach seinem Album "Mercy" aus dem Jahr 2023 veröffentlichte er 2024 "POPtical Illusion", beides respektable Alterswerke mit einigen herausragenden Songs. 

Leider spielt John Cale nicht die wirklich guten Stücke sondern das langatmige und bisweilen anstrengende "Setting Fires" und das flache "Company Commander" vom neuen Album. "Out Your Window" gelingt hingegen ordentlich in seiner rockigen Version.

Eine echte Überraschung

Nach einem sehr rockigen Auftakt folgt mit "Antarctica Starts Here", eine echte Überraschung, denn Cale hat das Lied von "Paris 1919" seit 2014 nicht mehr gespielt.

Das ruhige Klavierstück erklingt in Karlsruhe in einer elektronischen Interpretation am Keyboard, die sich völlig von den vertrauten Versionen unterscheidet. Aber gut, John Cale ist nicht gekommen, um "Fragments of a Rainy Season" nachzuspielen.

Starke zweite Hälfte

Spätestens mit "Helen of Troy" hat John Cale aber dann seine Stimme gefunden. Das Titelstück des gleichnamigen Albums aus dem Jahr 1975 eignet sich hervorragend als Basis für eine ausladende Rock-Version, die zu großer Begeisterung im Publikum führt.

"Long Way Out Of Pain" ist so neu, dass es noch gänzlich unveröffentlicht ist. Die Einschätzung fällt etwas schwer, aber wie ein neuer Klassiker hörte sich das Lied nicht an.

Fast vergessenes und Klassiker

Mit "Do Not Go Gentle" macht Cale einen Abstecher in die 1990er, genauer gesagt zu "Wrong Way Up", seiner Kollaboration mit Brian Eno, einem anderen großen Exzentriker. Wirklich herausragend ist dann "Chums of Dumpty" von der fast vergessenen "5 Tracks" EP aus dem Jahr 2003.

Für Lacher bei sich selbst und anderen sorgt Cale, indem er (vermutlich unabsichtlich) Dumpty wie "Trump" ausspricht. Einen lachenden John Cale erlebt man auch nicht jeden Tag auf der Bühne.

Dann folgt mit "I'm Waiting for the Man" einer der gewohnten Abschlusstracks eines John Cale Konzerts. Die Zuschauer danken es ihm mit langem Applaus. Die beste Nachricht des Abends ist aber: John Cale macht nicht den Eindruck, schon alles gesagt zu haben.

Setlist

My Maria / Out Your Window / Setting Fires / Company Commander / Antarctica Starts Here / Rosegarden Funeral of Sores / Helen of Troy / Cable Hogue / Long Way Out Of Pain / Do Not Go Gentle Into That Good Night / Chums of Dumpty / I'm Waiting for the Man / Barracuda