Ein bewölkter Freitag, ein verregneter Samstag und ein sonniger Sonntag - das Wetter beim Heimspiel Knyphausen 2024 präsentierte sich wechselhaft. Dass am Ende nicht alle über das Wetter sprachen, lag an der grandiosen Musik.

Der Freitag bleibt trotz dunkler Wolken am Horizont von Regen verschont und so können Brockhoff, Dekker und Gisbert zu Knyphausen gleich zum Auftakt beweisen, dass das Heimspiel Kyphausen musikalischen Erfindungsreichtum über alles stellt. 

Musikalische Vielfalt

Während Indie-Sängerin Brockhoff mit der ersten betörenden Stimme des Festivals aufwartet, bringt Dekker die nötige Portion Americana nach Eltville. Live klingt seine Musik deutlich rockiger und weniger sanft als auf den sehr dezent instrumentierten Studioaufnahmen.

Das hat Vorteile und Nachteile zugleich, denn manchmal droht der Bandsound den sehr subtilen Gesang des US-Amerikaners in den Hintergrund zu drängen. An anderen Stellen reißt die Dynamik von Dekkers Songs die Zuschauer vollkommen mit.

Bei seinem Heimspiel darf natürlich Gastgeber Gisbert nicht fehlen, dessen Auftritte immer zu den umjubelten Momenten des Festivals zählen. Sein Konzert mit Band offenbart, wie gut ihm ein rockiger Sound zu Gesicht steht. Und da auch die Zuschauer voll mitgehen, ist bereits der Auftakt ein voller Erfolg.

Ausdrucksstarker Folk

Vieles können die Veranstalter eines Festivals beeinflussen – das Wetter aber nicht. Und so trifft es sich, dass das vielleicht beste Line-up eines Samstags in der Heimspiel Geschichte auch mit den schlechtesten Wetterbedingungen klarkommen muss. 

Beim Auftritt der irischen Folksängerin Susan O'Neill ist noch alles (relativ) trocken, obwohl die sommerliche Picknick-Idylle der letzten Jahre bei diesem Wetter schlichtweg keine Option ist. Aber es geht ja auch um die Musik und die ist bemerkenswert.

O'Neill hat ein fantastisches Album mit ihrem Landsmann Mick Flannery veröffentlicht, aber beim Heimspiel ist sie als Solokünstlerin mit ihrer ersten EP am Start, an der Flannery kräftig mitgeschrieben hat. O'Neill singt die vielversprechenden Songs mit großer Leidenschaft und einer ausdrucksstarken Stimme, die ihr sicher zahlreiche neue Fans gewonnen hat.

Die andere Hamburger Schule

Die Sterne und das Heimspiel erscheinen wie eine so logische Kombination, dass es erstaunt, dass die Band dort noch nie aufgetreten ist. Da sich Die Sterne aktuell mit ihrem Best-Of-Album "Grandezza" auf Tour befinden, bekommen die Zuschauer die geballte Ladung Klassiker der Hamburger Schule.

Die Stimmung ist von Anfang an exzellent, aber als Die Sterne ihre bekanntesten und besten Songs wie "Der Sommer in die Stadt wird fahren" oder "Du musst gar nix" spielen, feiern die Zuschauer ausgelassen. Bei den Signature Songs "Die Interessanten" und "Was hat dich bloß so ruiniert" herrscht pure Euphorie. "Hallo Euphoria", sozusagen.

Abgründiges im Regen

Danach ist es mit der vorrübergehenden Trockenheit vorbei. Wenn der immer schlecht gelaunt wirkende Taylor Kirk von Timber Timbre bei seiner einzigen Interaktion mit dem Publikum fragt: "Are you guys okay?", weiß man: Die Lage könnte besser sein. Immerhin ist der Regen warm. 

Timber Timbre spielen ein Set mit vielen Songs von ihrem neuen Album Loveage, darunter "Mystery Street" und das abgründige "Ask The Community". Von ihren bekanntesten Song gibt es "Curtains?!" und "Do I Have Power", aber nicht "Hot Dreams" oder "Run From Me". Dennoch zeigt die kanadische Band, warum sie zu den Geheimtipps der Folk-Rock-Szene zählen.

Das Beste kommt zum Schluss

Mit Calexico tritt eine weitere Band auf, die für das Heimspiel wie gemacht ist. Ihre aktuelle Tour widmet sich "Feast of Wire", einem ihrer besten Alben – und so kommen die Zuschauer in den Genuss von Klassikern wie "Quattro (World Drifts In), "Across The Wire" und "Sunken Waltz". "Not Even Stevie Nicks" geht sogar in den Joy Division-Klassiker "Love Will Tear Us Apart" über.

Für besondere Momente sorgt dann ein Cover von Neil Youngs "Heart Of Gold", das Calexico gemeinsam mit Susan O'Neill performen und der Auftritt von Gisbert zu Knyphausen, der mit den US-Amerikanern den Kid Kopphausen Klassiker "Hier bin ich" performt. Das macht sogar den zeitweilig heftigen Regen vergessen.

Der Sonntag entpuppt sich dann als der lange verdiente Sonnentag und so kann das Publikum die abschließenden Auftritte von Willow Parlo, Enno Bunger und Emiliana Torrini entspannt genießen. Damit geht eine weitere ausgezeichnete Ausgabe des Heimspiel Knyphausens zu Ende. Es war wieder einmal wunderbar.