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Sabaton (live in Frankfurt 2020) © Torsten Reitz

Die Festhalle in Frankfurt stellt das Schlachtfeld, auf dem die schwedischen Metal-Meister Sabaton ihre Versionen der dunklen Seiten der Menschheitsgeschichte präsentieren.

Ein Gespenst geht um in der Musik-Schlandschaft und es schimpft sich Schlager-Metal. Der heutige Headliner Sabaton fällt in dieses Genre und spaltet die Hartwurst-Gemeinde mit seinen eingängigen Stücken, die auf mehr oder minder direkte Weise den Krieg glorifizieren.

Melodienseliger Bombast

Die aus dem beschaulichen schwedischen Städtchen Falun stammenden Sabaton haben sich ihren Headliner-Status in den vergangenen zwanzig Jahren erarbeitet. Das Konzept, die dunklen Seiten der Menschheit zu beackern und dabei auf Emotionen und Explosionen zu setzen, zieht die Massen in Scharen an.

Auf der neuesten Platte „The Great War“ widmet sich das Quintett der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Der erste Weltkrieg dient als Staffage für den melodienseligen Bombast der Schweden. Gott sei Tank gibt es die moderne Kriegsführung, ohne die die Festhalle an diesem Abend nicht in ihren Grundfesten erzittern würde. Ok, Schützengräben hoben auch schon Iron Maiden auf der Bühne aus. Aber in dieser penetranten Konsequenz ist das Fünfer-Bataillon sehr einzigartig.

Zwischen Roxette und Rammstein

Amaranthe geben den Türöffner für vier Stunden Metal im Blockbuster-Format. Das Konzept mit der bezaubernden Sängerin Elize Ryd und ihren männlichen Partnern, wobei einer die cleanen Vocals übernimmt und der zweite sich für die Growls verantwortlich zeichnet, verschafft der Band am heutigen Abend eine Ausnahmestellung.

Irgendwo zwischen Roxette und Rammstein zieht der Melodic Death Metal des Sextetts die Blicke des Publikums auf sich. Brecher wie „Digital World“ oder balladeskes Futter wie „Amaranthine“, das sich perfekt eignet, um die Taschenlampenfunktion zu aktivieren, agieren auf einem hohen Niveau.

Hip Hop-Credibility

„GG6“ klingt zwar wie Slipknot für Arme und fällt ob seiner Rap Metal-Anteile ab. Immerhin trägt Growler Henrik Englund Wilhelmsson Adidas-Sneaker, was ihm zumindest Hip Hop-Credibility verleiht. Kurz, kurz, lang als Drumbeat riecht zwar verdächtig nach „We Will Rock You“, bringt aber selbst Rhythmus-Legastheniker im Saal bei „That Song“ zum klatschen.

„Call Out My Name“ bringt selbst dem steifsten Tänzer den Hüftschwung bei. Ergibt Metal mit Scooter-Keys etwa ein No-Go? Die Masse gröhlt: NEIN! In Flames-Vibes breiten sich bei „Nexus“ im weiten Rund aus, bevor „Drop Dead Cynical“ das Finale mit Bumms und Gloria beschließt. Ms. Ryds Dank an Sabaton wirkt im Synthie-Intro wie die Aufforderung beim Karussell zur letzten Runde.

Drei Celli für ein Halleluja

Mit den fliegenden Finnen von Apocalyptica betritt die feingeistigste Gruppe des Abends die Bühne: Drei Celli und ein Schlagzeug für ein musikalisches Halleluja. Von klassischen Wagner-Adaptionen bis zu Thrash-Gewittern der Marke Metallica deckt die Band ein ziemlich weites Spektrum ab.

Das abwechslungsreiche „Ashes Of The Modern World“ vom brillanten neuen Album „Cell-O“ markiert den Beginn des Auftritts. „En Route To Mayem“ knallt omen est nomen ordentlich. Der Sound ist gnadenlos gut und wuchtig. Selbst der speedige Mittelteil tönt sauber aus den Boxen.

Metallica und Ludwig Van

In Abendgarderobe gekleidet hat Amaranthe-Sängerin Elize Ryd ihren zweiten Auftritt und gibt den Rammstein-Heuler "Seemann" zum Besten. Das ein- und ausleitende Pizzicato von Bandkopf Eicca Toppinen leitet über in einen Song von „Worlds Collide“. Auch bei “I Don’t Care” übernimmt Ryd die Vocals.

“Are you reday to shake your ass a bit?”, kündigt Toppinen an. Dann folgt der Klassiker-Block mit den Metallica-Covern “Seek And Destroy” und “Nothing Else Matters” und Edvards Griegs “Hall Of The Mountain King”. Wobei es sich Perttu Kivilaakso nicht nehmen lässt, den ollen Ludwig Van und seine „Ode an die Freude“ einzustreuen.

Generell setzt Kivilaakso auch die performerischen Höhepunkte an diesem Abend. Ob es wirklich "Nothings Else Matters" benötigt, sei dahingestellt. Ausgenudelt ist noch ein freundliches Adjektiv für diesen Song. Aber in der Celli-Version regt sich wenigstens ein kleines Zucken im Herzen.

Jeder Schuss, ein Stuss

Danach blasen Sabaton zum Halali. Bei "In Flanders Fields" erhebt sich der Rang komplett zum Appell. Das Intro zu "Ghost Division" versprüht Landser-Romantik. Der Opener lässt die männliche Seele frohlocken. Andrea Berg wäre stolz auf den Refrain. „Dankeschön Deutschland“, brüllt Sänger Joakim Brodén.

Und so geht es weiter: Jeder Schuss, ein Stuss. Pyros ohne Ende heizen bei „Great War“ das weite Rund ein. Die Soli des Gitarrendoppels Rörland/Johansson markieren ein Highlight. Nach dem Gas, Wasser, Schießen-Song „The Attack of the Dead Men“, indem der Frontmann in Gasmaske die Bühne beackert, wird erstmal zum Biertrinken aufgefordert. „When Skandinavians get drunk, we get naked“, flachst der Sonnen-bebrillte Sänger. „One more beer“ grölt der Mob.

Massagestab für das Hörzentrum

„Seven Pillars of Wisdom“ übernimmt den Massagestab für das Hörzentrum. Die allgegenwärtigen Keyboards tragen zum Pathos bei. „The Lost Batallion“ lässt die Fäuste in die Höhe schnellen. Der Sound kommt brachial und laut aus den Boxen. Leider etwas undifferenziert, was der Stimmung keinen Abruch tut.

Nun setzt sich Brodén an die Hammond-Orgel, improvisiert zu AC/DCs „Thunderstruck“ und lädt zu einem Mitsingspielchen zum einprägsamen Text „I-K-E-A“ ein. „The Red Baron“ vergeht danach wie im Flug. Die Gitarren sägen, dafür leidet die Textverständlichkeit. „The Last Stand“ trabt gemächlich ins Ziel.

Sunglasses on, Heavy Metal YES!

Joakim nimmt für die kommende Ansage sogar die Sonnenbrille ab und lobt die deutschen Fans über den Klee. „Sunglasses on, Heavy Metal yes“. "82nd All the Way", das im Uptempo galoppiert und gerade im Gitarrensolo stark nach AOR klingt, folgt auf den Fuß.

Luftschutzsirenen künden „Night Witches“ an. Besondere Erwähnung verdient dabei das Drum-Podest, das als Panzer gestaltet ist und hinter dem Schlagzeuger Hannes Van Dahl thront und seiner Band den Takt vorgibt.

Apocalyptica beleben das Bühnengeschehen

Apocalyptica geben sich danach für einen Songblock die Ehre. Die Cellisten beleben das Bühnengeschehen und besetzen mal die Empore neben dem Schlagzeug als auch die Bühnenfront. Der orientalische Mittelteil von „Angels Calling“ stellt einen musikalischen Höhepunkt dar.

„Fields of Verdun“ behandelt thematisch den französisch deutschen Stellungskrieg, der Hunderttausende von Menschen das Leben kostete. „The Price of a Mile“ verfügt über eine interessante Melodieführung, die in ihrer Folklore tatsächlich so etwas wie Melancholie versprüht.

Der Panzer verschießt Feuer

Speed Metal in Reinkultur verkörpert “The Lion From the North”. Beim Hit „Carolus Rex“ verschießt auch endlich der Panzer Feuer. Die Refrain-Rückung am Ende sowie die vetrackte Melodie sorgen für Auflockerung. Vor den Zugaben verabschieden sich Sabaton schelmisch in die "bedtime".

Doch weit gefehlt. Das World War II-Intro vereint einige markante Wortbeiträge. Natürlich animiert der Einwurf „Wollt ihr den totalen Krieg“ manchen Geschichtsvergessenen zu einem bekräftigenden Ja.

Das Publikum kennt kein Halten mehr

„Primo Victoria“ referiert die Landung der Alliierten. Das Schlachtschiff „Bismarck“ läuft im gleichnamigen Track vom Stapel. Bei "Swedish Pagans" kennt das Publikum kein Halten mehr. Aus tausend Kehlen tönen der Refrain und die "Ohohoh"-Chöre.

Der Schlachtruf „Noch ein Bier“ wird zum Running Gag des Abends. Die Band trinkt auf fünfzehn Jahre gute Erinnerung und wünscht sich natürlich für die weiteren fünfzehn Jahre einen anhaltenden Ritt auf der Erfolgswelle.

Das Metal-Musikantenstadl endet mit „To Hell and Back“. Mit Salut wünscht Brodén den Fans noch eine gute Nacht. Mit „Dead Soldier‘s Waltz“ und „Masters of the World“ vom Band lässt sich die Gruppe gebührend feiern. Freunde der gepflegten Unterhaltungskunst finden bei Sabaton ihre Erfüllung. Und das sind an diesem Abend wahrlich einige Menschen.

Setlist Sabaton:

Ghost Division / Great War / The Attack of the Dead Men / Seven Pillars of Wisdom / The Lost Battalion / The Red Baron / The Last Stand / 82nd All the Way / Night Witches / Angels Calling / Fields of Verdun / The Price of a Mile / Dominium Maris Baltici / The Lion From the North / Carolus Rex / Primo Victoria / Bismarck / Swedish Pagans / To Hell and Back

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