Bon Iver (2016)

Bon Iver (2016) © Konzertbüro Schoneberg

An einem lauen Sommerabend demonstriert Bon Iver im Kulturpark Schlachthof Wiesbaden, warum er in der aktuellen Musikszene eine Ausnahmeerscheinung darstellt.

Zunächst aber einmal: Was für ein wunderbares Konzertgelände haben die Verantwortlichen des Schlachthofs da hingezaubert!

Der weitläufige Kulturpark bietet genug Platz für eine riesige Vielfalt kulinarischer Angebote und ausreichend Getränkestände. Dazu gibt es hochwertige sanitäre Anlagen, Sitzmöglichkeiten und Stände von Organisationen wie Amnesty International und Sea Shepard. Toll gemacht!

Große Erwartungen

Das gelungene Ambiente und das gute Wetter steigern die Vorfreude auf das Konzert von Bon Iver. Nachdem der US-Amerikaner, der eigentlich Justin Vernon heißt, zwischen 2009 und 2012 häufig in Deutschland aufgetreten war, hat er seitdem nur ein einziges Konzert in Berlin gespielt. 

Das langerwartete Konzert in Wiesbaden beginnt aber wenig verheißungsvoll mit drei Songs von Bon Ivers umstrittenen dritten Album "22, a Million". Der durch Autotune (und wer weiß was noch) heftig verfremdete Gesang und die prozessierte Musik dröhnen wenig einladend über die Besucher hinweg.

Was für eine Stimme

Aber spätestens mit einer wunderbaren Version von "Towers" verfliegt dieser Eindruck und macht einem wunderbaren Konzerterlebnis Platz. Sobald Bon Iver seine Stimme nicht so stark verfremdet, entfaltet sich die faszinierende Ausdrucksstärke seines Gesangs. 

In der zweiten Hälfte des ersten Sets fügen sich die Songs ganz unterschiedlicher Schaffensphasen zu einem perfekten Ganzen zusammen: Das unangreifbare "Flume" vom Debüt, der neue Song "Hey, Ma", "Towers" und "Michcant" vom selbstbetitelten Album und "8 (circle)" von "22, a Million". 

Zeit zum Zuhören

Man kann die Musik von Bon Iver am besten genießen, wenn man einfach nur zuhört. Das vornehmlich junge Publikum macht mehrheitlich genau das. Sicherlich werden Handys gezückt, Erinnerungsfotos geschossen und Videos geflimt, aber insgesamt hält sich das doch sehr in Grenzen.

Das liegt auch vielleicht daran, dass weder das Bühnenbild noch Bon Ivers vierköpfige Band optisch sonderlich viel hergeben. Im ländlichen Wisconsin, aus dem viele der Musiker stammen, legt man auf Firlefanz nicht viel Wert. Auch Bon Iver würde man nicht unbedingt für einen Künstler halten, wenn man ihm mit seinem Pickup-Truck an der Tankstelle treffen würde.

Der größte Hingucker ist sein Shirt, das ursprünglich die Aufschrift trug "Abuse of power comes as no surprise", aber geschickt überdruckt wurde, so dass es jetzt lautet: "Absue of flower comes as no surprise". Die Kreativität, aus wenig viel zu machen, und die Liebe zum Detail passen zur Musik.

Kreative Änderungen

Das zweite Set beginnt mit einer schlichtweg großartigen Soloversion von "Skinny Love", einem seiner besten Lieder. Während dieser Song nahe am Original erklingt, ist es das Besondere des Abends, dass Bon Iver seine besten Lieder nicht einfach nur nachspielt.

Stattdessen variiert er Gesang und Arrangements geschickt, so dass er ihnen neue Aspekte abgewinnen kann, die Songs aber ihren ursprünglichen Zauber behalten. Ein gutes Beispiel ist die prominente Verwendung des Saxophones, beispielsweise in "Holocene".

Obwohl Bon Iver seine Setlist jeden Abend wild durcheinanderwürfelt, was sich nicht nur auf die Auswahl, sondern auch auf die Reihenfolge der gespielten Songs bezieht, passt im Konzert alles zusammen.  

Ehrliche Worte

Das Publikum wird im Verlauf des Konzerts stetig enthusiastischer. Den meisten wird klar, dass sie einen wirklichen Künstler auf der Bühne erleben, nicht nur einen Musiker, der sich für einen Künstler hält. 

Der meistens schweigsam agierende Justin Vernon bedankt sich mehrfach beim Publikum für so viel Zuspruch – und man glaubt ihm seine ehrliche Rührung. Es ist vielleicht der sympathischste Zug des Mannes aus Eau Claire, der mit leisen Tönen so viel erreichen kann.

Setlist

Set 1: 666 ʇ / 10 d E A T h b R E a s T / 715 – CREEKS / Heavenly Father / Towers / Michicant / 8 (circle) / Blood Bank / Flume / Hey, Ma / Perth // Set 2: Skinny Love / Minnesota, WI / Holocene / ____45_____ / Creature Fear / 33 “GOD” / 29 #Strafford APTS / The Wolves (Act I and II) / For Emma // 22 (OVER SOON)

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