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Rammstein (live in Frankfurt 2019) © Leonard Kötters

Beim deutschen Abschlusskonzert ihrer diesjährigen Stadiontournee in der Frankfurter Commerzbank-Arena beweisen Rammstein mit einem fulminanten Auftritt vor ca. 40.000 Fans erneut eindrucksvoll, warum sie seit Jahren den größten Exportschlager des Landes im Musikbereich darstellen.

Rammstein – die bloße Erwähnung dieses Namens versetzt Millionen Musikfans auf dem gesamten Globus in wahre Verzückung und macht die Berliner Band zum vielleicht interessantesten Export Deutschlands. Die Popularität des Sextetts aus der Bundeshauptstadt ist und bleibt ungebrochen. Das zeigte sich erst vor wenigen Tagen wieder dadurch, dass die für das kommende Jahr angesetzten europäischen Stadionkonzerte der Truppe um Sänger Till Lindemann binnen weniger Minuten restlos ausverkauft waren.

Auch die Karten für die diesjährigen Shows von Rammstein waren bereits seit langer Zeit vergriffen. Die Frankfurter Commerzbank-Arena ist deshalb bereits während des Auftritts der Pariser Vorgruppe Duo Jatekok, die die Klassiker der Band in Klavierversionen darbieten, in Teilen des Stadions jedoch leider kaum zu hören sind, gut gefüllt. Ein Stück weit mag das mit dem zeitweilig einsetzenden Platzregen zu tun haben, der zahlreiche Fans von den Essens- und Getränkeständen ins Innere der Arena drängt. Viele möchten sich aber auch einfach nur einen guten Platz sichern.

Am Anfang war ein (Ur-)Knall

An dieser Stelle sei einmal die gute Organisation des lokalen Veranstalters Batschkapp erwähnt. Denn trotz der Menschenmassen, die sich in die Commerzbank-Arena drängen, funktionieren Einlass, Sicherheitskontrollen und Platzeinweisung zügig und reibungslos. Als Rammstein schließlich, wie inzwischen üblich, die Bühne im ehemaligen Waldstadion mit einem großen Knall betreten, ist im Innenraum kaum noch eine freie Stelle zu finden. Laut wird es ab dem Opener „Was ich liebe“ – aber nicht nur seitens der Band, sondern ebenso seitens des Publikums.

Rammstein werden ab der ersten Sekunde euphorisch von den zahlreichen Zuschauern gefeiert. Dabei ist es fast egal, was die internationalen Ikonen aus dem Osten der Republik ihren Fans auftischen. Zu Beginn des Sets halten sie sich für ihre Verhältnisse in Sachen Inszenierung beinahe noch vornehm zurück. Das für Rammstein-Konzerte so stilprägende Feuer(werk) wird zunächst fast nur rein musikalisch gezündet und greift auf diese Weise auf die bisweilen ekstatisch agierenden, etwa 40.000 Anwesenden im Rund der Frankfurter Commerzbank-Arena über.

Feuer frei!

Ab dem zweiten Drittel ihres Auftritts bedient sich die Band dann auch mehr visueller Stilmittel als der bewährten, dezent an Leni Riefenstahl angelehnten Ästhetik wie etwa im Rahmen von „Links 2-3-4“. Es wird noch heißer und noch lauter: Irgendwann verschwindet Till Lindemann beispielsweise kurzzeitig von der Bühne, um mit einem überdimensionalen Wagen zurückzukehren, in dessen Inneren zu guter Letzt die dem Song ihren Namen gebende „Puppe“ abgefackelt wird. Den Fans gefällt es: Massiver Jubel hallt nach jeder Nummer durch das Stadion.

Das gesamte Konzert ist konsequent durchgetaktet. Die Band und ihre große Crew lassen den Fans kaum einmal Luft zum Durchatmen. Teils liegt das am markanten Duft der pyrotechnischen Extravaganzen etwa bei „Du hast“ und „Sonne“, der nun unter dem Stadiondach schwebt. Ansagen von Till Lindemann zwischen den Stücken bleiben aber ebenso rar gesät. Er gibt sich stattdessen lieber als eine Art Zeremonienmeister, der das Publikum anpeitscht und ganz nebenbei zahlreiche Utensilien bedient.

„Deutschland, Deutschland über allen“ – „Amerika“ bleibt auf der Strecke

Dazu gehört unter anderem ein riesiger Flammenwerfer, mit dem er Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz röstet, nachdem dieser bei „Mein Teil“ gerade noch einmal dem obligatorischen Kochtopf entronnen ist. Eine ähnlich geartete Waffe kommt später auch als Phallussymbol bei „Pussy“ zum Einsatz, auf dem der Frontmann reitet, um schließlich tonnenweise Konfetti (oder doch Schaum?) auf das Publikum zu spritzen. Die Band nimmt sich – trotz aller zur Schau gestellten Seriosität – Gott sei Dank selbst nicht ganz so ernst. Ironisch waren die Berliner dabei aber schon seit Beginn ihrer Karriere.

Rammstein provozieren eben gerne. Die größte Kontroverse ihres neuesten Albums stellt wohl „Deutschland“ mit seinem umstrittenen Musikvideo und eben solchen Textzeilen dar. Auf der aktuellen Tour gibt die Band das Stück in gleich zwei Versionen zum Besten. Zunächst erklingt der Song als Technoremix von Gitarrist Richard Kruspe. Als DJ thront er dabei mit seinem Pult oberhalb der Bühne, auf der sich an Kraftwerk erinnernde Tänzer in Leuchtanzügen bewegen. Dann folgt der Song als feinstes Hardrockbrett. Dass „Amerika“ bei ihrem aktuellen Set außen vor bleibt, ist da geradezu sinnbildlich.

Zerbrechliche(r) Rammstein

Über weite Strecken bleibt der Auftritt in der Commerzbank-Arena also eine knallharte Angelegenheit. Doch es gibt als eine Art Verschnaufpause immer wieder Momente wie „Diamant“ und „Ohne dich“, in denen die Band demonstriert, dass sie auch anders kann. Es sind gerade diese Kontraste zwischen Brachialität und fast schon zerbrechlichen Elementen, die zur Rammsteinschen Faszination beitragen. Den Höhepunkt des Frankfurter Konzerts bildet in dieser Hinsicht wohl „Engel“, das die Band gemeinsam mit den Pianistinnen der Vorgruppe als Klavierversion auf der kleinen B-Stage darbietet.

Nachdem ca. 40.000 Kehlen gemeinsam mit Till Lindemann und Co. den Refrain des ersten großen Hits der Berliner gesungen haben, begeben sich Rammstein dann mit Schlauchbooten über das Publikum hinweg zurück auf die massive Hauptbühne. Dort bestreiten sie schließlich das mit „Ausländer“ beginnende und mit der Mitsinghymne „Ich will“ endende große Finale, das noch einmal die gut geölte Maschine, die Rammstein inzwischen nicht nur musikalisch ist, in all ihren Facetten in den Vordergrund rückt. Inszenierungs- wie klangtechnisch sitzt hier jeder einzelne Handgriff.

Grandioses Gesamtkunstwerk

Als es zum Abschluss der danach vom Band erklingenden Pianofassung von „Sonne“ noch einmal knallt, haben die vielen Fans im früheren Waldstadion ein von vorne bis hinten stimmiges Gesamtkunstwerk erlebt, das mit seinem Unterhaltungsfaktor nicht nur hierzulande seinesgleichen sucht. In einer Welt voller Konflikte ist es ironischerweise vielleicht gerade die von vielen so kritisch beäugte hemmungslose Inszenierung teutonischer Tugenden (oder besser: Klischees), die mehr Menschen auf dem gesamten Globus zu einen scheint, als so manches andere – sofern man sich darauf einlässt.

Setlist

Was ich liebe / Links 2-3-4 / Tattoo / Sehnsucht / Zeig dich / Mein Herz brennt / Puppe / Heirate mich / Diamant / Deutschland (Richard Z. Kruspe Remix) / Deutschland / Radio / Mein Teil / Du hast / Sonne / Ohne dich // Engel (Klavierversion mit Duo Jatekok) // Ausländer / Du riechst so gut / Pussy // Rammstein / Ich will

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