Nibelungen-Festspiele: Überwältigung (live in Worms 2019) Fotostrecke starten

Nibelungen-Festspiele: Überwältigung (live in Worms 2019) © Rudi Brand

Sind Menschen in der Lage sich zu ändern oder dazu verdammt, das immer gleiche Schicksal zu erleiden? Diese Frage stellt "Überwältigung" von Thomas Melle bei den Nibelungen Festspielen 2019 in Worms. Die Antwort ist weit weniger klar.

Wer versucht, sich einen Eindruck von der Inszenierung von "Überwältigung" (Regie: Lilja Rupprecht, Dramaturg: Thomas Laue) bei den Nibelungen Festspielen 2019 zu gewinnen, bleibt nach der Lektüre einiger Kritiken ratlos zurück.

Reizvoll oder enttäuschend?

Die Bewertungen des Stückes fallen sehr unterschiedlich aus. Das zeigt sich schon bei der Lektüre der Lokalmedien: Das WO Magazin findet "nur einen Hauch von Überwältigung", die Wormser Zeitung veröffentlicht zwei unterschiedliche Kritiken, die längere bewertet das Stück als "nicht durchweg fesselnd", am Schluss aber dennoch "lohnend", die kürzere als "enttäuschend", weil zu "verkopft".

Während das WO Magazin "keine neuen Aspekte" erkennen kann, erklärt nachtkritik.de, das "verrückt-verquere" Stück mache "Lust auf weitere Varianten des Nibelungenstoffs". Sogar der stets mürrische Mannheimer Morgen findet die Inszenierung "reizvoll" und erkennt "neue Inspirationsquellen". Puh.

Schreiben oder schweigen?

Da geht es dem Kritiker wie dem Autor. Soll er der Kakophonie noch eine weitere Stimme hinzufügen oder lieber schweigen? Was kann dem hinzuzufügen sein, was in den teilweise sehr ausführlichen Kritiken nicht schon gesagt wurde?

Am besten würde man wohl sagen: "Geht selbst hin und schaut euch das Stück an." Aber das geht ja nicht – alle Vorstellungen sind ausverkauft. Alle Optionen sind schlecht – wie bei den Nibelungen. 

Untergehen oder überleben?

Diese stellt Thomas Melle in "Überwältigung" vor die Aufgabe, sehenden Auges in ihren Untergang zu gehen oder sich für ein anderes, besseres Schicksal zu entscheiden. Wie gehen sie mit dieser Chance um?

Die Frauen schneiden schlecht ab: Kriemhild (Kathleen Morgeneyer) ist bereit ihren Sohn Ortlieb zu opfern, damit die Geschichte genauso ausgeht, wie sie immer ausgegangen ist. Ortlieb (Lisa Hrdina), kein Mann, kein Kind, sondern eine Art Geist, streitet für sein Recht zu leben. Am Ende begreift er, dass die Menschen nicht bereit sind, sich wirklich zu verändern, wenn das bedeutet, ihre Privilegien aufzugeben.

Veränderung oder Stillstand?

Brünhild (Inga Busch) weist das Angebot König Gunthers (Moritz Grove) nach einem Neuanfang zurück und fordert Siegfrieds Tod. Brünhilds Amme (Winfried Küppers) hält einen brillanten Monolog, in dem sie Männer als "Geschwüre mit Problemen" bezeichnet – und jede Veränderung barsch ablehnt, bis sie schließlich durch die Umstände dazu gezwungen wird.

Die Männer sind etwas flexibler: Hagen (Klaus-Maria Brandauer) erweist sich als "Realpolitiker" der klügeren Sorte, wenn er den bestehenden Frieden lobt und davor warnt, unnötige Risiken einzugehen.

Ist der Stein erst einmal ins Rollen gekommen, drängt Hagen aber zum Handeln und ist bereit, alles zu risikieren: seine Stellung, das Burgunderreich, dessen eigentliche Machtquelle er ist, und schließlich auch sein Leben, um zu verhindern, dass die Geschichte eine neue Wendung nimmt.

Happy End oder Groundhog Day?

Die Schwachen sind demnach diejenigen, die der Geschichte ein Happy End geben wollen – die Starken ziehen die Sache durch, bis (fast) alle tot auf der Bühne liegen. Das macht wenig Hoffnung für die Zukunft.

Ist es aber nicht zu viel vom einem Theaterstück verlangt, abschließende Antworten zu liefern? Immerhin stellt "Überwältigung" die richtigen Fragen: Wie soll unsere Zukunft aussehen? Was wollen wir verändern? Und was erhalten? Sind wir in der Lage zwischen notwendigen Veränderungen und dem irren Niederreißen, um des Zerstörens willen zu unterscheiden? 

Manche empfinden diese Frage möglicherweise als zu schwierig oder unpassend für ein Freilufttheater. "Überwältigung" prescht nicht lustvoll in den Untergang wie "Siegfrieds Erben", dafür eröffnet es einen Perspektivwechsel, indem es die Katastrophe vor den Zuschauern ausbreitet und ganz unvoreingenommen fragt: "Wie soll die Geschichte ausgehen?"

Alles zum Thema:

nibelungen-festspiele

Das könnte Sie auch interessieren