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Fleetwood Mac (live in Berlin, 2019) © Markus Werner

Patschnass aber glücklich waren die rund 20.000 Fleetwood Mac Fans, nachdem sie stundenlang im Regen getanzt und wahre Legenden der Musikgeschichte live in der Berliner Waldbühne erlebt hatten.

Beim 57. und einzigen Deutschland-Konzert der großen Welt-Tournee von Fleetwood Mac ist wohl niemand enttäuscht nach Hause gegangen.

Der Herausforderung, über 50 Jahre Bandgeschichte und entsprechendes Songrepertoire in einen Abend zu packen und dabei allen Fan-Wünschen gerecht zu werden, begegnet die Band mit einer unvergleichlichen, rundum stimmigen Aneinanderreihung von Hits. Besonders Fans der Erfolgsalben "Fleetwood Mac" und "Rumours" kommen auf ihre Kosten. 

Ein feucht-fröhlicher Abend

Der 6. Juni 2019 ist in Berlin ein Open-Air Tag, wie er im Buche steht: morgens strahlender Sonnenschein, am Nachmittag dann Weltuntergangsstimmung der ganz gruseligen Art. Trotz der katastrophalen Vorhersage strömen dann doch fast 22.000 Fleetwood Mac Fans aus aller Welt zur idyllisch gelegenen Waldbühne.

Die Stimmung ist – bestimmt auch dank der bunten, sehr kreativen Regenschutzkonstruktionen – schon vor dem Konzert überraschend ausgelassen. Feucht-fröhlich trifft es wohl am besten.

Power und los

Eröffnet wird der Abend von The Pretenders, deren Frontfrau Chrissie Hynde direkt beweist, dass der Verdienst der Bezeichnung "Powerfrau" absolut nichts mit dem Alter zu tun hat. Breitbeinig und in Overknees-Stiefeln verteidigt sie mit ihrer E-Gitarre bewaffnet ihren Platz in der Mitte der Bühne. Mit cooler, immer noch kraftvoller Stimme dominiert sie den Sound der Band, der ansonsten leider eher breiig daher kommt.

Die rockigen Songs am Anfang, die auch hin und wieder die Punkeinflüsse der Engländer durchschimmern lassen, weichen im Laufe des einstündigen Sets den immer poppigeren Nummern, die den Pretenders in den 80er Jahren zu ihrem internationalen Durchbruch verholfen haben. Hits wie "Don’t Get Me Wrong" und "I'll Stand By You" dürfen natürlich nicht fehlen.

Alles in allem ein erfrischender Start in den Abend, dessen kleine Pannen nur zeigen: hier wird live gespielt!

Fleetwood Mac

Dann heißt es endlich: Showtime! Gleich mit den ersten drei Songs wird klar, dass an diesem Abend mit Hits nicht sparsam umgegangen wird. Der Regen will sich wohl auch nichts entgehen lassen, denn pünktlich zum Beginn des Hauptacts setzt er wieder ein. Gut so, sonst hätte er direkt die Klassiker "The Chain", "Little Lies" und "Dreams" verpasst – ein Einstieg, der kraftvoller nicht sein könnte.

Dem folgen dann bald auch Songs "from the old days", wie Stevie Nicks die Anfangszeit der Band mit Peter Green nennt. Bei "Black Magic Woman" beweist sie, dass sie ihre unverkennbare, raue Stimme immer noch voll im Griff hat. Und wenn sie sich bei Songs wie "Rhiannon" oder "Gypsy" in ihrem langen, fließenden Kleid wiegt und langsam dreht, schimmert hin und wieder die junge Stevie durch, die leichtfüßig über die Bühne tanzte.

Band-Feeling

Bei den Songs von den 80er-Alben wie "Everywhere" werden im Publikum die Disco-Tanzmoves ausgepackt. Obwohl man vor allem bei den Stücken der herzlichen Sängerin und Songwriterin Christine McVie die letzten fünfzig Jahre on the road nicht überhören kann, ist der Band-Geist noch zu spüren.

Die Neuzugänge, Mike Campbell von Tom Petty and the Heartbreakers und Neil Finn von Crowded House, die den ausgestiegenen Ex-Frontman Lindsay Buckingham sehr erfolgreich ersetzen, gehören dabei genauso zur Einheit wie die beiden Urgesteine der Band, John McVie und Mick Fleetwood.

Lieber alles live

Lebende Legenden, ja, aber dennoch haben Fleetwood Mac in der aktuellen Besetzung nicht den Realitätssinn verloren und suchten sich Verstärkung. Anstatt jedoch eine Backingband hinter der Bühne zu verstecken oder auf Playbackspuren zurückzugreifen, hat sich die sechsköpfige Gruppe weitere befreundete Musiker auf die Bühne geholt, die den Gesamtsound unterstützen.

So werden die Stimmen der drei SängerInnen Stevie Nicks, Christine McVie und Neil Finn von Backgroundsängerinnen aufgefüllt, Keyboard und Gitarren bekommen auch hin und wieder einen Schub von hinten und Mick Fleetwood freut sich besonders über seinen "buddy and master percussionist" Taku Hirano.

Das Herzstück

Mit dem liefert sich Fleetwood dann zur Mitte des Sets bei "World Turning" ein ausgiebiges Drum-Battle. Dabei packt er seine Entertainer-Qualitäten aus, bringt die Tribünen zum Beben und das Publikum zum Johlen, Schreien und Singen.

Während der charismatische, immer noch langhaarige Hüne alles aus dem Publikum und seinem Schlagzeug rausholt, zeigen sich seine Qualitäten, die ihn über fünfzig Jahre lang als Kernstück und Rückgrat von Fleetwood Mac die Band durch all ihre Besetzungswechsel, Höhen und Tiefen manövrieren ließen.

Ausflüge

Zur Gleichberechtigung der Band gehören auch Solo-Songs für die Neuzugänge. Mike Campbell (Ex- Tom Petty & the Heartbreakers), der mit seinen langen, dunklen Haaren und einem Schlapphut irritierenderweise aussieht wie Mick Fleetwood in jüngeren Jahren, singt und spielt mit dem Peter Green-Song "Oh Well" eine Hommage an die Blueszeiten von Fleetwood Mac.

Ein Highlight des Abends ist dann der Scheinwerfer-Moment von Neil Finn, der übrigens die Gesangsparts von Lindsay Buckingham sowohl gesanglich als auch in seiner Performance hervorragend übernimmt.

Nicht träumen

Mit "Don’t Dream It’s Over" verzaubert Neil Finn sowohl das Publikum als auch Stevie Nicks. Zur Mitte des Songs kommt sie auch auf die Bühne und verwandelt den ohnehin wunderschönen Song in ein Duett zum Wegträumen.

Sowohl Mick Fleetwood als auch Stevie Nicks überhäufen Finn kameradschaftlich mit Lob. "Ein Song wie dieser wird alle Millionen Jahre mal geschrieben und es muss unbeschreiblich sein, der Songwriter davon zu sein", schwärmt Stevie Nicks.

Im Fan-Himmel

Als dann noch eine schlichte Version von "Landslide" im Duo folgt, ist wohl auch der letzte Zuhörer im Fleetwood Mac-Fan-Himmel angekommen. Finn und Nicks geben dabei ein sehr harmonisches Paar ab, als stünden sie schon seit Jahren gemeinsam auf der Bühne.

Die anfangs noch nicht ganz aufgetaute Stevie Nicks fühlt sich jetzt sichtlich wohler auf der Bühne und erzählt aus dem Nähkästchen. Noch nie habe sie ein Fleetwood Mac-Konzert gespielt, ohne "Landslide" zu singen.

Freunde

Zum Abschluss packt die Band Klassiker von "Rumours" wie "Gold Dust Woman" aus und zum krönenden Abschluss "Go Your Own Way". Obwohl es schon wieder sturzbachartig regnet, will das begeisterte Publikum natürlich noch mehr – nass sind ja jetzt ohnehin alle.

Wer die Zugabe nicht mehr abwarten wollte, hat ein weiteres Highlight des Abends verpasst. Mit "Free Falling" erinnert die Band an ihren guten Freund Tom Petty. Ein unglaublich ehrlicher und bewegender Moment, der von der zwar kraftvollen aber trotzdem emotional-zerbrechlichen Stimme von Stevie Nicks getragen wird.

Nicht aufhören

Die schlichte Fotoshow im Hintergrund mit Bildern aus der gemeinsamen Geschichte von Tom Petty und Fleetwood Mac bestätigt das über den Abend gewachsene Gefühl für die Essenz der Band: Musiker, manchmal sogar Freunde, die es lieben, gemeinsam Musik zu machen.

Nach der letzten Zugabe, dem schwungvollen "Don’t Stop", schließt Mick Fleetwood endgültig mit den Worten: "Wir sind so unendlich dankbar, dass wir als Musiker immer noch tun können, was wir so lieben." Das hat man gemerkt!

Setlist

The Chain / Little Lies / Dreams / Second Hand News / Say You Love Me / Black Magic Woman / Everywhere / Rhiannon / World Turning / Gypsy / Oh Well / Don't Dream It's Over / Landslide / Hold Me / Monday Morning / You Make Loving Fun / Go Your Own Way // Free Fallin' / Don't Stop

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