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Tool (live in Berlin, 2019) © Johannes Rehorst

Tool sind zurück: Neue Songs, ein neues Album, eine Tour, ein einziges Deutschlandkonzert in Berlin. Wir waren vor Ort und versuchen euch zu verraten, ob der mit größter Spannung erwartete Auftritt hielt, was er versprach.

Fast so lange wie Tool-Fans nun schon auf ein neues Album warten, so lange war auch auch die Zeit, in der die Band sich hierzulande im Hinblick auf Live-Auftritte rar gemacht hat.

Fieberstimmung

Seit über 12 Jahren haben Maynard James Keenan & Co. in Deutschland keine Konzerte mehr gegeben. Auf der letzten ausgedehnten Tour promotete die Band ihr im Jahr zuvor veröffentlichtes Album "10.000 Days". Das war 2007.

Jetzt endlich die Erlösung für alle Wartenden: Ein exklusives Deutschlandkonzert in Berlin – klar, dass die Mercedes-Benz-Arena in Rekordzeit ausverkauft war und die Stimmung dementsprechend euphorisch ist.

Alles unklar

Gleichzeitig stellen sich die Tool-Fans viele Fragen: Wird es neue Songs geben? Wie präsentiert sich Sänger Maynard James Keenan, der nicht gerade für seine umgängliche Art bekannt ist? Wie ist der Sound? Und vor allem: ist das alles 2019 noch immer genauso wichtig und relevant wie noch vor 12 Jahren?

Letztere Frage muss wohl jeder selber beantworten, denn Tool sind für nicht wenige Fans eine der stilprägendsten Bands der letzten drei Jahrzehnte. Mindestens zwei Alben aus dem überschaubaren Oeuvre der Band zählen zu den wichtigsten Platten der 90er und 00er-Jahre.

Eine gewisse Skepsis

Allerdings haben Tool – und insbesondere Keenan – durch jahrelanges Um-den-Brei-Rumreden, immer wieder bekanntgegebene und aufgeschobene Album-Ankündigungen, seltene Live-Shows und der Arbeit an Side-Projekten den Unmut der Fans befördert und eine gewisse Skepsis geschürt, was den Enthusiasmus der einzelnen Mitglieder betrifft, die Band fortzuführen. 

Neuer Ansatz

Tool im Jahr 2019 sind in erster Linie eine Band, die sich und der Welt nichts mehr beweisen muss. Bestand bei früheren Touren die Ambition vor allem darin, das Material möglichst nahe am Original zu spielen, hat sich das inzwischen grundlegend gewandelt.

2019 lassen Tool Raum für Experimente, spielen mit Hörerwartungen, um sie zu brechen – etwa mit einer erweiterten Sequenz bei Schism oder mit Maynards Gesangslinien – und wirken auch sonst erstaunlich locker und gelöst.

Beeindruckende Visuals

Dafür erhebt sich der Perfektionismus auf ganz andere Ebenen – vorrangig die visuelle. Tool waren schon immer dafür bekannt, das optische Element mit dem akustischen zu verschmelzen. Ihre Video-Clips waren zum Teil revolutionär.

Mit dem aktuellen Stand der Technik gelingt das auch in der Live-Umsetzung beängstigend beeindruckend: Da verschmelzen auf riesigen mehrteiligen Leinwänden geometrische Formen mit biomechanoiden Wesen und Regenbogenprismen, zeichnen Laser komplexe Muster in den Nebel – kurzum: ein einziger großer Leinwand-Trip.

Unscheinbare Einheit

Die Band wirkt daneben auf der riesigen Bühne fast klein – aber bildet trotz der Distanz zwischen den Musikern eine geschlossene, präzise Einheit. Maynard James Keenan – optisch eine Mischung aus Cyberpunk und Comic-Bösewicht – verschanzt sich wie gewöhnlich im hinteren Bühnenbereich, bleibt meist markante Silhouette vor gigantischer Leinwand. Dafür scheint die Stimme omnipräsent.

Die anderen drei Bandmitglieder agieren ohne große sichtbare Kommunikation auf gespenstische Weise perfekt miteinander: hier regiert Routine auf hohem Niveau. Gitarrist Adam Jones wirkt stoisch wie immer, Bassist Justin Chancellor sucht ab und an mit großen Gesten den Publikumskontakt und Drummer Danny Carey sieht wie immer so aus, als ob er die hochkomplexen Rhythmen einfach lässig aus dem Handgelenk schüttelt.

Einziger Schwachpunkt ist der manchmal etwas zu dominante Schlagzeugsound zu Beginn. Später wird er dem restlichen musikalischen Treiben angepasst, so dass der Sound über weite Strecken sehr gut bis brillant ist.

Frische Klassiker

Die Setlist bietet einen Querschnitt durch das letzte Vierteljahrhundert Bandgeschichte: Vom ersten Akkord von "Ænema" an bis zum donnernden Finale mit einem fulminanten "Stinkfist" ist das Publikum elektrisiert.

"How many of you are 26 years or younger" lautet die Frage von der Bühne und bevor dann die ersten Akkorde von "Intolerance" (vom Album "Undertow", 1993) erklingen, folgt die Feststellung, dass alle diejenigen bei der Entstehung des Songs wohl noch Spermien waren. Klassiker wie "Forty-Six & 2" oder "Parabolal" klingen dagegen auch nach langer Zeit noch taufrisch.

Auch mal was Neues

Auch zwei neue Songs hat die Band dabei: "Descending" und "Invincible" wirken ein wenig wie Fremdkörper im ansonsten sehr homogenen Set.

Während die älteren Songs live relativ hart klingen, wirken die neuen Stücke mit ihren ausufernden, verspielten Parts, psychedelischen Sequenzen und relativ harmonischem Sound wie Skizzen, die noch nicht ganz fertig sind. Dennoch werden sie frenetisch gefeiert.

Minutenlanger Applaus

Statt eines Zugabeblocks erscheint nach einem ominösen Countdown von 11:52 Minuten und der darauffolgenden Albumankündigung via Projektion für den 30. August Danny Carey wieder auf der Bühne, um von einem ausufernden, zum Teil Synthesizer-unterstützten Schlagzeugsolo in den finalen Block einzuleiten.

"Vicarious" bildet hier mit dem Wechselspiel aus brachialem Sound und Alex Greys beeindruckenden psychedelischen Videosequenzen klar das Highlight des Abends, bevor sich dann bei "Stinkfist" auch die letzten Sitzenden von den Rängen erheben und die vier Musiker erst nach minutenlangen Applaus von der Bühne lassen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Tool die hohen Erwartungen, mit denen viele Fans angereist sind, größtenteils erfüllt haben, wenngleich manchmal eine gewisse Routine spürbar war. Für viele Fans war es dennoch ein großartiges Erlebnis, die Band endlich mal live erlebt zu haben.

Keine Hochkantfilmer

Das konsequent durchgesetzte Handyfotoverbot, das man ja auch von anderen Tool-Nebenprojekten kennt sorgt für ein erstaunlich angenehmes Konzerterlebnis ohne leuchtende Displays und störende Blitzlichter.

Und niemand musste ohne Schnappschüsse nach Hause gehen, denn zum letzten Song forderte Maynard James Keenan sogar explizit zum Fotografieren auf – was dann erstaunlich wenige taten. Manchmal ist der Augenblick des Live-Erlebnisses eben doch am Schönsten. Hoffentlich müssen wir nicht wieder so lange darauf warten.

Setlist

Ænema / The Pot / Parabol/Parabola / Descending / Schism (mit erweiterter Bridge) / Invincible / Intolerance, Jambi, Forty Six & Two // CCTrip, Vicarious, (-)Ions, Stinkfist

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