Rami Malek (Freddie Mercury) und Gwilym Lee (Brian May) in Bohemian Rhapsody.

Rami Malek (Freddie Mercury) und Gwilym Lee (Brian May) in Bohemian Rhapsody. © Alex Bailey

Der lange ersehnte Queen-Film "Bohemian Rhapsody" erzählt eine kontroverse Version der Geschichte der Band um ihren legendären Frontmann Freddie Mercury, die der komplexen Wirklichkeit nicht wirklich gerecht wird.

Es gab Zeiten, in denen es keineswegs vermessen war, von Queen als der wohl größten Rockband unseres Planeten zu sprechen. Von "We Will Rock You" bis "Another One Bites The Dust" hat die Band Megahits am Fließband geschaffen.

Der größte Queen-Hit aller Zeiten ist zweifelsohne "Bohemian Rhapsody", das Meisterwerk aus der Feder ihres farbenfrohen und leider viel zu früh verstorbenen Frontmannes Freddie Mercury. Seine Lebensgeschichte von den Anfangsjahren auf Sansibar bis zu seinem tragischen AIDS-Tod ist derart facettenreich, dass sie sich vermutlich nicht einmal der kühnste Autor hätte erdenken können.

Stoff für Zelluloid

Die Produktionsgeschichte des Queen- und Freddie-Films liest sich aber mitnichten unproblematisch: Anfangs war "Borat"-Star Sacha Baron Cohen in der Rolle des exzentrischen Sängers vorgesehen. Er überwarf sich wegen unterschiedlicher Sichtweisen auf den legendären Frontmann jedoch mit den übrigen Queen-Mitgliedern, so dass das Projekt jahrelang nicht vom Fleck zu kommen schien. 

Dem Film merkt man dieses jahrelange Gezeter um das Leben Freddie Mercurys und seiner Band leider auch an – nicht so sehr in dem Sinne, dass er nicht aus einem Guss wirken würde. Das tut "Bohemian Rhapsody" in seinen 135 Minuten Laufzeit irgendwie schon, wird aber der Geschichte des englischen Quartetts aus Mercury, May, Taylor und John Deacon kaum gerecht. 

Aller Anfang ist schwer?

Der Film beginnt im Jahr 1970, als Farookh Bulsara (Rami Malek) in einer Londoner Bar auf die hübsche Mary Austin (Lucy Boynton) trifft und einem Trio namens Smile lauscht, in dem die beiden Studenten Brian May (Gwilym Lee) und Roger Taylor (Ben Hardy) spielen. Bulsara, der sich selbst Freddie nennt, hat große Träume. Da trifft es sich nur allzu gut, dass die Band gerade ihren Frontmann verloren hat und dringend einen neuen Sänger braucht.

Bereits nach den Anfangsminuten dürfte sich bei alteingesessenen Queen-Fans erstes Kopfschütteln breitmachen. Mercury, der damals noch nicht unter diesem Künstlernamen firmierte, kannte seine beiden zukünftigen Bandkollegen nämlich bereits sehr viel früher, da er gemeinsam mit Smile-Sänger Tim Staffell am Londoner Ealing College of Art Kunst studierte und mit Taylor befreundet war.

Ärgerliche Ungenauigkeiten

Dass "Bohemian Rhapsody" die Frühphase der Band stark komprimiert und John Deacon (Joseph Mazzello) als Bassisten schon bei deren ersten Gig und nicht erst ein Jahr später ins Boot holt, könnte man noch unter selbst bei einer Filmbiographie erlaubter künstlerischer Freiheit abhaken. Allerdings komprimiert und verdreht das Werk auch in der Folgezeit derart viele Tatsachen aus der Bandhistorie, dass dies einem Queen-Fan einfach nur sauer aufstoßen muss.

So wird Elton Johns Manager John Reid (Aidan Gillen), der die Gruppe für etwa drei Jahre in den 1970ern betreute, eine wesentlich größere Rolle zuteil als in der Realität. Im Film feuert Mercury ihn fast eine Dekade später, als er ihm einen Plattendeal als Solokünstler anbietet. 

Aus der Zeit gefallen

Dafür ist "Fat Bottomed Girls" auf einmal auf der vermeintlich ersten US-Tour der Band zu hören, die in der Realität allerdings viel früher stattfand. "We Will Rock You" wird auf Zelluloid erst Jahre nach dessen eigentlichen Erscheinungsdatum aufgenommen, als Freddie bereits seine markanten Schnurrbart trug, und vor dem großen Finale Live Aid sind die filmischen Queen schon seit Ewigkeiten zerstritten, weil sich der Frontmann vom Rest der Band lossagte.

All dies hat mit den wahren Begebenheiten ebenso wenig zu tun, wie Mercurys Leinwandgeständnis seiner HIV-Infektion just vor dem wichtigen Benefizkonzert. Denn in der Realität war Freddie kurz vor diesem grandiosen Auftritt noch mit der Band auf der Tour gewesen und wusste zu diesem Zeitpunkt von seiner Erkrankung überhaupt nichts. Auch die Streitigkeiten innerhalb der Band waren wohl nie so ausgeprägt wie im Film.

Abende in der Oper und Tage im Stadion

Gelungen sind hingegen die Passagen rund um die Entstehung des Meisterwerkes "A Night At The Opera" und Mercurys Opus Magnum "Bohemian Rhapsody", inklusive der ursprünglichen Weigerung seitens EMI, das rätselhafte sechsminütige Stück als Single zu veröffentlichen. Labelmanager Ray Foster (Mike Myers) dient hierbei als der Sündenbock, an dem vorbei der Sänger mit dem befreundeten DJ Kenny Everett (Dickie Beau) dem Lied zu Ruhm verhelfen muss.

Live Aid als großes Finale des Films weiß ebenso zu überzeugen, wenn das Vorgeplänkel denn einmal beendet ist. Rami Malek und seine Schauspielkollegen kommen der realen Band bei ihrem Jahrhundertauftritt in diesem Punkt recht nahe. Es wird deutlich spürbar, wie sehr Queen an jenem denkwürdigen 13. Juli 1985 die Massen im Stadion und an den Fernsehschirmen rund um den Globus bewegten, trotz aller Ungenauigkeiten in "Bohemian Rhaspody".

Großartige Raumklänge, stereotypische Bilder

Über jeden Zweifel erhaben ist selbstverständlich auch die Musik im Film. Die großen Hits der Briten erklingen in glasklarem, dynamischem Surroundsound – sei es bei den Passagen aus echten Queen-Liveauftritten, Studioaufnahmen oder bei den Neueinspielungen für "Bohemian Rhapsody", bei denen der kanadische Sänger Marc Martel die Stimme von Freddie Mercury gibt. Die Stücke der Band sind und bleiben weiterhin zeitlos.

Fragwürdig ist allerdings die Darstellung des Sexual- und Partylebens des Titelhelden. Hier schwankt der Film zwischen zwei unvereinbar wirkenden Gegensätzen und geizt dabei nicht mit Hollywood-Klischees. War Freddie zu Beginn des Films noch eindeutig heterosexuell, wenn auch mit einer leichten Drama-Queen-Attitüde, so wandelt er sich im Laufe von "Bohemian Rhapsody" zum klar erkennbaren Homosexuellen.

Der Teufel steckt im Detail

Ganz so offensichtlich, wie es das von Brian May und Roger Taylor abgesegnete Biopic darstellt, war der erotische Lebenswandel Mercurys jedoch nie. Selbst in seinen Münchener Jahren, der wohl ausschweifendsten Phase seines Lebens, hatte er noch Liebhaberinnen, darunter die bekannte österreichische Schauspielerin Barbara Valentin. In "Bohemian Rhapsody" ist Freddie zu dieser Zeit aber eigentlich nur von Männern umgeben.

Der Schlimmste davon ist Paul Prenter (Allen Leech). Im Film wie im wahren Leben war er lange Mercurys persönlicher Manager. In der fiktiven Variante ist er zugleich der Bösewicht, der den Sänger auf den in der Kinointerpretation teuflischen Irrweg bringt, der zur zwischenzeitlichen Trennung der Band führt. Retten kann ihn nur der nette Jim Hutton (Aaron McCusker), der Freddie in der Realität in den letzten Jahren seines Lebens beistand.

An den falschen Stellen ausgespart

Diese Phase, in der Queens Frontmann schwer erkrankt war, aber bis zu seinem Tode nicht damit aufhörte, Musik zu machen, hätte vielleicht sogar eine deutlich interessantere Geschichte ergeben als die in "Bohemian Rhapsody". Man muss Mercury nämlich bis heute dafür bewundern, wie er sich auf eigenen Wunsch vom Sterbebett aus ins Studio schleppte und noch zu Gesangsleistungen à la "Innuendo" und "The Show Must Go On" in der Lage war.

Prenter befand sich zu dieser Zeit auch in der Realität nicht mehr im Dunstkreis von Queen. Freddie hatte ihn bereits Jahre zuvor aus seinem Leben entfernt, nachdem sein früherer Manager dem Boulevardblatt "Sun" ein enthüllendes Interview über den exzessiven Lebensstil gegeben hatte. Hier kommt "Bohemian Rhapsody" der Realität wieder recht nahe – nur dass Prenter sich im Film an das Fernsehen und nicht die Zeitung wendet.

Glattgebügelt

Die Kinoversion der Mercury-Biographie rettet diese Tatsache indes nicht. Die sexuelle Freizügigkeit des Sängers scheint zu keinem Zeitpunkt eine selbstbestimmte Entscheidung zu sein, sondern wird immer durch andere herbeigeführt. Um als "familienfreundlich" zu gelten und seine FSK6-Einstufung nicht zu riskieren, lässt der Film ständig außen vor, wie wild und exzessiv Freddies Partys in seinen besten Jahren wirklich waren. 

Laut Definition ist eine Rhapsodie ein "ekstatisches Gedicht in freier Gestaltung". Letzterer Punkt mag auf die Leinwandvariante durchaus zutreffen. Der Film wirkt wie berauschte, bruchstückhafte Erinnerungen an einen unglaublich komplexen Freigeist und Bohèmien, der nie wirklich greifbar ist und in dessen Kopf sich wohl selbst seine engsten Vertrauten, geschweige denn ein Drehbuchautor, auch nur irgendwie hineinversetzen konnten.

Wenig mitreißend

Im Vergleich zu modernen Blockbustern mit unzähligen Fortsetzungen und haufenweise Neuauflagen mag "Bohemian Rhapsody" als "unterhaltsam" durchgehen. Letztlich kratzt der Film aber höchstens an der Oberfläche der wahren Queen-Geschichte, die nicht nur wegen der vielen Ungereimtheiten im Drehbuch so viel ergiebiger gewesen wäre, und bringt dem Zuschauer Freddie Mercury als Person zudem nicht wirklich näher. 

"Macht nach meinem Tod aus mir, was ihr wollt, aber bitte macht mich nicht langweilig", soll der Sänger seinen Bandkollegen kurz vor seinem Ableben sinngemäß mit auf den Weg gegeben haben. So ganz ist das den inoffiziellen Queen-Nachlassverwaltern Brian May und Roger Taylor mit "Bohemian Rhapsody" leider nicht gelungen. Man darf gespannt sein, ob dies bei dem angekündigten Biopic über den zweiten großen John Reid-Schützling Elton John besser funktioniert.

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