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Roger Hodgson (live in Mannheim 2018) © Torsten Reitz

Roger Hodgson, die ewig junge Stimme von Supertramp, schenkt dem Publikum im Mannheimer Rosengarten nicht nur viel Liebe, sondern lässt bei seiner Zeitreise auch keine Phase seiner Karriere aus. Wünsche bleiben so keine offen.

1983, vor ziemlich genau 35 Jahren, warf Roger Hodgson nach einem denkwürdigen Konzert im Münchener Olympiastadion bei Supertramp das Handtuch, um fortan eine Solokarriere zu verfolgen.

Von den Fans geliebt

Bis dahin hatte die 1969 gegründete Band seit der LP "Crime Of The Century" (1974) fünf Megaseller und ein Maßstäbe setzendes Livealbum ("Live in Paris") veröffentlicht.

Von der Musikpresse wurde die Band zwar eher belächelt, aber dafür von ihren Fans in ausverkauften Konzertarenen weltweit hemmungslos verehrt. Supertramp trafen mit ihrer Vision von progressivem Pop genau den Nerv der Zeit. 

Ende und Neubeginn

So richtig rund lief die Solokarriere von Hodgson allerdings nicht und auch Supertramp hatten ohne Hodgsons Stimme nicht mehr den Charme vergangener Tage. Zahllose Versuche die erfolgreiche Originalbesetzung wieder zusammenzuführen, scheiterten bereits in einem frühen Stadium.

Noch im Frühjahr 2018 ließ John Heliwell mit Bob C. Benberg (a.k.a. Bob Siebenberg) im Vorfeld eines Auftritts ebenfalls im Rosengarten, verlauten, dass der schwer erkrankte Rick Davies wieder genesen sei, eine Reunion aber wegen der Unnahbarkeit von Roger Hodgson sicher nicht stattfinden werde.

Keine Reue, aber viel Liebe und Dankbarkeit

Dieser bereue den Ausstieg nicht, lässt bereits der euphorisierte Ansager im ausverkauften Mannheimer Rosengarten das ungeduldige Publikum wissen. Als Hodgson komplett in Weiß erscheint, wirkt er mit seinen langen Haaren und seinem federndem Gang wie eine Lichtgestalt aus den 70s. 

Unter tosendem Applaus stapft er zum E-Piano und mit dem markanten Mundharmonika-Intro zu "Take The Long Way Home" beginnt die zweistündige Zeitreise. Völlig untypisch für ein Popkonzert nimmt Hodgson sich schon zu Beginn Zeit, um mit einer Tasse Tee in der Hand über Mannheim zu plaudern und das Publikum auf einen Nostalgie-Trip einzuladen: "Vergesst eure Sorgen für zwei Stunden und kommt mit auf die Reise". Dabei strahlt er viel Ruhe und Dankbarkeit aus. 

Durchbruch mit Verbrechen

"School" setzt den Reigen an Supertramp-Hits und einigen ausgewählten Solostücken fort. Das legendäre Stück vom 74er "Crime Of The Century" Album galoppiert, von Hodgson an der der E-Gitarre vorangetrieben, mitten hinein in das Herz der vorwiegenden älteren Zuhörerschaft, die förmlich an Hodgsons Lippen hängt.

Was Pink Floyd 1979 mit "The Wall" dramatisch überspitzen sollten, hatten Supertramp 1974 schon im Miniatursongformat parat; Teenage Angst und Systemkonformität: "And You're Full Of Doubt". Auch vor dem viel umjubelten "Hide In Your Shell", ebenfalls von "Crime Of The Century", beschreibt sich Hodgson als Suchender, der gerade in den frühen Jahren noch nach Inspiration, Halt und Gottesnähe gesucht habe. Der Evergreen "Dreamer" besticht immer noch durch seine hohe Musikalität und die Mehrstimmigkeit des Gesangs.

Der Gipfel ist erreicht

Die Zeitreise lässt keinen der Radiolieblinge aus. "Breakfast in America" schrieb er innerhalb einer Stunde als Neunzehnjähriger und die Mischung aus Pop, Vaudeville und Klezmer ist auch knapp vierzig Jahre später immer noch unwiderstehlich. "The Logical Song" nannte Paul McCartney seinerzeit den besten Song des Jahres 1979, ein Beleg für die Güte der Kompositionen, die Supertramp damals parat hatten.

Das nahezu symphonische "Child Of Vision" vereint die progressiven Elemente von Supertramp mit dem Pop der Spätsiebziger. Das alles machte "Breakfast In America" zum erfolgreichsten Album der Band, das damals die Sehnsucht nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten so pointiert auf die Plattenspieler und in die Wohnzimmer der Hörer brachte.

Stücke der Solokarriere

Hodgsons Zeitreise umfasst wie schon 2015 in Weinheim auch Material seiner letzten Soloplatte "Open The Door" aus dem Jahr 2000, die in besseren Momenten an alte Supertramp-Tage anknüpfen kann. "Along Came Mary" klingt akustisch und mit Tin Whistle nahezu keltisch und "Death & The Zoo" mahnt, dass für Wildtiere die Wahl ob "Tod oder Zoo" nicht wirklich eine Option darstellt.

Natur- und Tierschutz ist Hodgson nicht nur in Form der dekorativen Grünbepflanzung im Bühnenhintergrund ein echtes Anliegen. Einem Publikumswunsch kommt der Sänger mit dem anrührenden "Lovers In The Wind" von seinem Solodebut "Eye Of The Storm" nach. Später legt er mit "Had A Dream" nochmals kernig an der der E-Gitarre nach und reißt das Publikum mit der Ansage "Feels Like Getting Up" von den Sitzen.

Ein etablierter Künstler mit eigenem Willen

Es bleibt an diesem Abend niemandem verborgen, dass Hodgson seine frühere Band und die alten Kollegen mit keinem Wort erwähnt. Er spricht bei der Führung durch die Zeitreise von "seinen Songs" und erläutert ihre Entstehungsgeschichte völlig losgelöst von den damaligen Bandmitgliedern. 

Obwohl alle Stücke einst als gemeinsame Kompositionen von Hodgson/Davies vermarktet wurden, betont Hodgson inzwischen, dass die größten Hits aus seiner Feder stammen und zwar in Hinblick auf Text und Musik. Die hohe Individualität, welche die Band damals mit ihren fünf Charakterköpfen auszeichnete, fehlt heute allerdings gänzlich.

Mehr als die Summe der Einzelteile

Die vier Begleitmusiker spielen Ihre Parts sauber und passend. Rick Davies prägnante zweite Gesangsstimme und Gegenpart zu Hodgsons glockenhellem Organ wird von Michael Ghegan übernommen, der gleichzeitig auch John Heliwell am Saxofon und diversen Holzblasinstrumenten ersetzt.

Das alles tut der Tatsache keinen Abbruch, dass Hodgson schon vor knapp 20 Jahren gemerkt hat, wie wichtig den Leuten die Supertramp-Songs sind und wie gerne sie diese live hören. Nach eigenen Aussagen genießt er es, die Menschen auf diese Weise glücklich zu machen und tourt im Moment so intensiv wie nie zuvor. An diesem Abend begrüßt er auch seinen Superfan Carol persönlich, die ihren hundertsten Konzertbesuch feiert.

Krise, Stille und Finale

Bei "Sister Moonshine" geht der Mann aus Portsmouth zurück zu den feinen akustischen Momenten der "Crisis, What Crisis?" Platte von 1975 und die 12-saitige Gitarre perlt. "Sie ist schwer zu stimmen und hat Temperament" verrät er lachend dem Publikum.

"Even In The Quietest Moments…" von der gleichnamigen LP gerät mit seiner Schlichtheit und zeitloser Eleganz zum Höhepunkt des Konzerts. Roger wird dabei nur von seinem Tour-Keyboarder begleitet und huldigt der einfachen Stille wiederum mit seiner 12-Saitigen. Wundervoll!

Vom gleichen Album gibt es das ausladende "Fool‘s Overture" zum Abschluss des regulären Konzerts. Er habe neun Jahre an diesem Stück gearbeitet und in der Tat ist der Mammut-Song mit seinen Sprachfetzten, Keyboardschlachten und Harmonie-Brüchen ein  Höhepunkt der progressiven Supertramp-Phase. Das Publikum im Rosengarten erhebt sich komplett von den Sitzen und drängt in Richtung Bühnenrand.

Die beiden größten Hits als Zugabe

Als die Band "Give A Little Bit" anstimmen will, erhält Roger Hodgson ein Geschenk. Ein kleines Mädchen wird auf die Bühne geholt, darf exklusiv zuhören und der ganze Saal singt lauthals dieses unverwüstliche Stück mit, das die Zeit seit 1977 so prächtig überdauert hat.

Das unvermeidbare "It’s Raining Again" beschließt dann diesen hemmungslos nostalgischen Abend. Ein Blick in die Augen der Zuschauer verrät, dass jeder in unserer schwierigen Gegenwart gerne ein Stück aus der "heilen Welt" der Siebziger und frühen Achtziger zum Festhalten hätte. Die alten Hippiewerte, wie sie Roger Hodgson transportiert, scheinen eben der einzige Gegenentwurf zu Hass und Entfremdung zu sein.

Nachdem der letzte Kinderreim verklungen ist, verabschiedet sich der Mann, der auch Supertramp war, sichtlich gerührt und verspricht wieder zu kommen. Sehr gerne!

Setlist

Take The Long Way Home / School  / Lovers In The Wind / Breakfast In America / Sister Moonshine / Hide In Your Shell / Along comes Mary / The Logical Song / Lord Is It Mine / Death And A Zoo / Even In The Quietest Moments / Had A Dream (Sleeping With The Enemy) / Child Of Vision / Dreamer / Fool's Overture / Give A Little Bit / It's Raining Again

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