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Joan Baez (live in Schwetzingen 2018) © Rudi Brand

Joan Baez verabschiedet sich auf ihrer "Fare Thee Well"-Tour von ihrem treuen Publikum. Das Konzert bei Musik im Park 2018 im Schlossgarten Schwetzingen wird aber zunächst von äußeren Umständen dominiert.

Dunkle Wolken und bedrohlich am Himmel zuckende Blitze – die Voraussetzungen für das Abschiedskonzert von Joan Baez in Schwetzingen sind nicht gut.

Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn öffnet der Himmel seine Schleusen und die gesamte Veranstaltung wird mehr als eine Stunde lang gut gewässert. Was unter normalen Umständen eine willkommene Abkühlung für Natur und Mensch gewesen wäre, erschwert den Zuschauern im Schwetzinger Schlossgarten den Konzertgenuss.

Regen und Regenbogen

Die meisten sind allerdings gut vorbereitet oder gewillt, den Regen einfach auszuhalten – mancher genießt vermutlich auch die Abkühlung während der Hitzewelle. Als Joan Baez um kurz nach 20 Uhr die Bühne betritt, klappen die meisten Zuschauer ihre Schirme ein, um der Folksängerin zu lauschen.

Für einen besonders schönen Moment sorgt ein Regenbogen, der sich im Hintergrund der Bühne am Himmel aufspannt. Als Joan Baez das mitbekommt, eilen sie und ihre Musiker zum Bühnenrand, um einen Blick zu erhaschen. Aber kein Grund zur Eile: der Regenbogen begleitet das Konzert fast bis die Sonne untergeht.

Souverän und sympathisch

Joan Baez präsentiert sich als gewohnt souveräne und sympathische Gastgeberin, dankt zum Abschluss der Security für ihre Freundlichkeit, freut sich über ein kleines Mädchen, das tanzt und verneigt sich dankbar unter dem großen Applaus der Zuschauer. 

Der Anlass der Konzerte ist klar: Die Sängerin nimmt Abschied von der Bühne und von ihren Fans – und man fragt sich zeitweise, weshalb sie gehen will, so verfügt sie nach wie vor über eine beeindruckende Ausstrahlung. Ihre Stimme ist klar und eindringlich, wirkt weder "kratzig" und schon gar nicht "gebrochen", wie das offensichtlich in Ludwigsburg der Fall war.

Vertraute Stärken und kleine Aussetzer

Im Vergleich zu ihren Konzerten in den vergangenen fünfzehn Jahren gibt es nur einen Unterschied: Zweimal vergisst Joan Baez den Text, ausgerechnet in "Diamonds & Rust", dem einzigen von ihr selbst geschriebenen Lied an diesem Abend, und dann beim abschließenden "Blowin' In The Wind". Vielleicht möchte sie deshalb aufhören, im Alter von 77 Jahren kann man diese Entscheidung verstehen.

Musikalisch unterscheidet sich das Konzert nicht sehr von ihren Auftritten der letzten Jahre. Zwei der Lieder, "The House of the Rising Sun" und "Donna Donna", hat sie erstmals auf ihrem 1960 erschienen Debütalbum gesungen. Dennoch gelingt es ihr "Donna Donna" mit so viel Emotion zu singen, dass die Zuschauer voller Begeisterung applaudieren.

Während die Zuschauer nach dem Regen ein wenig Zeit brauchen, um in Fahrt zu kommen, ist Baez von Beginn an voll da und durchweg überzeugend, egal ob sie alleine auf der Bühne steht oder mit ihrer Band spielt. Mit "God Is God" von Steve Earle, seit langer Zeit ein Fixpunkt ihrer Konzerte, sorgt sie für einen frühen Höhepunkt.

Enttäuschte Liebe

Das könnte man über viele Lieder an diesem Abend sagen, nicht aber über "Whistle Down the Wind", das Titelstück ihres neuen Albums, geschrieben von Tom Waits. Ein weiteres neues Stück ist "Silver Blade", eine offensichtliche Bezugnahme auf "Silver Dagger" von ihrem Debütalbum.

Es erzählt die morbide Geschichte eines Mädchens, das ihren schamlosen Liebhaber ermordet, begräbt und jeden Abend an sein Grab zurückkehrt. "It's international women's day", ruft Baez scherzhaft aus. Enttäuschte Liebe (in diesem Fall zu Bob Dylan) ist auch das Thema von "Diamonds & Rust". Obwohl tausendfach gehört, gelingt Baez an diesem Abend eine besonders berührende Interpretation. 

Politische Seite

Natürlich zeigt sich Baez auch von ihrer politischen Seite, beispielsweise in der Fast-Heiligsprechung von Ex-US-Präsident Barack Obama in "The President Sang Amazing Grace". Die Kreatur, die aktuell im Weißen Haus wütet, erwähnt sie nicht namentlich, stattdessen setzt sie sich mit dem Woody Guthrie-Klassiker "Deportees (Plane Wreck at Los Gatos)" für einen menschlichen Umgang mit Flüchtlingen und Migranten ein.

Das Lied behandelt den Absturz eines Flugzeugs im Jahr 1948, mit dem mexikanische Farmarbeiter nach Mexiko zurückgebracht werden sollten. Die 28 Opfer des Absturzes wurden vor wenigen Jahren mit einem Denkmal geehrt – eine Mahnung zum humanen Umgang mit Migranten und Flüchtlingen in den USA und hierzulande.

Viel Publikumsbeteiligung

Mit zunehmender Dauer des Konzerts und abklingendem Regen steigt die Begeisterung der Zuschauer. Besonders die deutschen Lieder werden euphorisch aufgenommen, obwohl auch diese keineswegs neu sind. Besondere Wirkung erzielt das überragende "Sag mir, wo die Blumen sind", das schon bei den ersten Klängen ein Raunen im Publikum erzeugt und eifrig mitgesungen wird.

Baez animiert immer wieder die Zuschauer zum Mitsingen und erinnert damit an die Konzerte von Pete Seeger, den sie auch namentlich erwähnt, die eher musikalischen Gemeinschaftsevents denn Konzerten glichen. 

Nicht nur in dieser Hinsicht kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit Joan Baez' Abschied von der Bühne eine Ära zu Ende geht. Ihr Engagement für die gute Sache wird nicht vergessen und von anderen fortgeführt werden.

Setlist

Don't Think Twice, It's All Right / God Is God / Farewell, Angelina / Whistle Down the Wind / Silver Blade / It's All Over Now, Baby Blue / Deportee (Plane Wreck at Los Gatos) / Diamonds & Rust / Me and Bobby McGee / Another World / Der Mond ist aufgegangen / The Times They Are A-Changin' / The President Sang Amazing Grace / Joe Hill / The House of the Rising Sun / Darling Corey / Gracias a la vida // Sag mir, wo die Blumen sind / Imagine / The Boxer / Kinder (Sind so kleine Hände) / Donna Donna / Blowin' In The Wind

 

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