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The Rolling Stones (live in Stuttgart, 2018) © Dominic Pencz

Bestens aufgelegt rocken die Rolling Stones die rund 43.000 begeisterten Fans in der Mercedes-Benz Arena in Stuttgart. Nicht alles läuft perfekt bei der Show - zum Triumphzug wird sie dennoch.

The Rolling Stones gab es schon immer. Es wird sie auch immer geben. Das ist natürlich nicht so, fühlt sich aber häufig so an. In Stuttgart haben sich zehntausende Besucher verschiedenster Generationen in der Mercedes-Benz Arena zusammengefunden, um die unverwüstlichen Rocklegenden live zu erleben – trotz Ticketpreisen, die zum wiederholten Male bei so manchem Fan für nicht gerade wenig Entrüstung gesorgt haben dürften.

Zeitlos rebellisch

Als die Stones mit einer starken Darbietung von "Street Fighting Man" das Set an diesem Abend eröffnen, vergisst man unmittelbar, dass der Song vom legendären "Beggars Banquet"-Album bereits sage und schreibe 50 Jahre auf dem Buckel hat. Die Band präsentiert den Song mit einer räudigen Energie, die man selbst bei jungen Acts heutzutage oft vergeblich sucht.

Der Sound in der Mercedes-Benz Arena ist bereits zu Beginn erfreulich differenziert, während Jagger, der sich gut bei Stimme zeigt, seine Empörung ins Mikrofon bellt. Beeindruckend, wie agil sich der Frontmann auf der Bühne bewegt. Zwar sind die Jagger-typischen, zuweilen manisch bis hysterisch anmutenden Zappeleien mit den Jahren etwas weniger geworden; dennoch rennt und springt der 74-jährige an diesem Abend immer wieder über den Steg in Richtung der vorderen Bühne oder tänzelt mit flatternden Händen wie von Stromschlägen getroffen.

Rockstars, wie sie im Buche stehen

Nach dem überzeugenden Opener geht es ähnlich stark weiter mit "It's Only Rock 'N' Roll (But I Like It)" und "Tumbling Dice". Mit enormer Bühnenpräsenz und Charisma hat Jagger die Menge voll im Griff; überall wo er sich hinbewegt, werden ihm begeistert die Arme entgegengestreckt. Immer wieder stellt er mit Witz seine Deutschkenntnisse unter Beweis, wenn er etwa in Bezug auf Stuttgart verkündet: "Ich wünschte, ich wäre im Baugewerbe". Der Bewegungsradius des Rests der Band beschränkt sich derweil auf die Mitte der riesigen Bühne, die dadurch insgesamt deutlich überdimensioniert wirkt.

Keith Richards ist derweil selbstverständlich die Lässigkeit in Person. Während er die Saiten seiner Telecaster stets auf Höhe des Halses anschlägt, wirken seine Bewegungen auf der Leinwand teilweise, als würden sie in Zeitlupe erfolgen. Fast schon paradox scheint es, dass die Akkorde dennoch (meistens) rechtzeitig erklingen – aber wer erwartet schon, dass physikalische Gesetzmäßigkeiten für einen Keith Richards Gültigkeit haben.

Ron Wood, quasi die Blaupause für einen Rockstar schlechthin, stützt seine Gitarre währenddessen gerne zwischen seinen Beinen ab und schwenkt sie wahlweise wie eine Waffe oder einen überdimensionierten Phallus. Die ganze Band ist sichtlich gut aufgelegt, immer wieder lächeln sich Richards, Wood und Drummer Charlie Watts gegenseitig auf der Bühne zu. Schön zu sehen, dass die Band nach all den Jahrzehnten noch immer zu lieben scheint, was sie tut.

Bombenstimmung trotz kurzem Durchhänger

Mit dem im Vorfeld vom Publikum gewählten "Let's Spend The Night Together", von Jagger eingeleitet mit der hämischen Frage: "Wer ist Gruppensieger?", dem Dylan-Cover "Like A Rolling Stone" und "You Can't Always Get What You Want" verliert der Auftritt dennoch zunächst etwas an Momentum. Etwas zu uninspiriert und leidenschatfslos wirkt die Darbietung der Songs. Das Publikum jedoch zeigt ungebrochene Begeisterung.

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Wer dachte, bei Ticketpreisen von 799,00 € befänden sich womöglich nur gesetztere und wenig feierwütige wohlhabende Besucher ganz vorne, wird schnell eines Besseren belehrt: In der sogenannten "No Filter Pit" zwischen Haupt und Vorbühne springen und jubeln die ausgelassenen Fans mittlerweile, als ob es kein Morgen gäbe.

Gleichzeitig zeigt sich, wie wenig Sinn es macht, Sitzplätze vor der Bühne anzubieten; auf den ebenfalls immens teuren Plätzen sitzt von Beginn an so gut wie niemand. Fast alle Besucher stehen während des ganzen Konzerts, um ihre Helden zu feiern; womöglich teils unfreiwillig, da sie sonst hinter stehenden Besuchern nichts mehr sehen könnten.

Der Kurs schwankt

Mit dem überraschend energiegeladenen "Paint it Black" und dem extrem lässig groovenden "Honkey Tonk Women", bei dem das Publikum im Chorus zuweilen Jagger übertönt, nimmt die Performance wieder an Fahrt auf. Äußerst sympathisch ist, dass sich die Band zudem die Zeit nimmt, nicht nur die festen Mitglieder (die bejubelt werden wie ein Tor im WM-Finale) sondern auch alle Begleitmusiker mit Namen vorzustellen.

So laut und anhaltend ist der Applaus, als Keith Richards anschließend für seinen Leadgesangspart ans Mikro schreitet, dass er kaum mit den Songs beginnen kann. Richards freut sich wie ein kleiner Junge über die Begeisterung und bedankt sich beim Publikum mit einer gefühlvollen Gesangsleistung bei "You Got The Silver", während Ron Wood mit akustischer Slide-Gitarre für Gänsehautstimmung sorgt.

Entgegen der Erwartungen nicht so richtig für Gänsehaut sorgen will ausgerechnet "Sympathy for the Devil", das trotz massiver "Whoo! Whoo!"-Beteiligung des Publikums und infernalischen Flammen auf den Leinwänden nach vielversprechendem Beginn zunehmend ohne richtigen Drive und etwas zahnlos daherdümpelt.

Die Essenz einer Legende

Ganz anders danach das stark 70er-Jahre-Disco-geprägte "Miss You", eines der absoluten Highlights des Abends in ausgedehnter Fassung. Hier zeigt sich auch die ganze Klasse des Bassisten Darryl Jones, der dem Song nicht nur einen unwiderstehlichen Groove verleiht, sondern auch mit einem beeindruckenden Basssolo glänzt. Spätestens beim anschließenden Saxophon-Solo wird endgültig deutlich: Die Stones haben nur absolute Ausnahmemusiker als Begleitband mit auf die Tour genommen.

Auch in ausgedehnter Fassung inklusive Jam-Parts gibt es anschließend "Midnight Rambler", dem Jaggers Performance mit der Blues Harp das i-Tüpfelchen aufsetzt. Die Stones zeigen sich hier voll in ihrem Element: Die zusätzlichen - zumindest wohl teilweise improvisierten - Parts zeigen die ganze Klasse der Band – das unnachahmlich bluesig-rockende Feeling, das sie hier verströmt und das ob der Bekanntheit des Songmaterials sonst zuweilen in der Hintergrund tritt, kommt hier mit einem Schlag überwältigend zum Vorschein – Nächstes Mal bitte mehr davon!

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Nach "Start Me Up" und "Jumpin' Jack Flash" folgt als Abschluss des regulären Sets "Brown Sugar" – erneut mit glänzendem Saxophon-Solo. Die Stimmung im Stadion ist kaum zu toppen – "I said yeah, yeah, yeah, whooo!" wird am Ende aus vollen Kehlen mitgesungen, während scheinbar wirklich jeder der ca. 43.000 Besucher die Arme in die Höhe reißt – ein beeindruckendes Spektaktel.

Als Zugabe liefert die Band natürlich noch "Gimme Shelter", bei der Sängerin Sasha Allen erneut für Gänsehautstimmung sorgt, die die langjährige Backgroundsängerin Lisa Fischer ersetzt. Konnte sie bereits zuvor durch ihren grandiosen Backgroundgesang die Songs veredeln, liefert sie sich nun mit Mick Jagger ein Lead-Gesang-Duell, bei dem sich der Frontmann gänzlich unprätentiös von ihrer Stimmgewalt an die Wand singen lässt und das staunende Gesichter zurücklässt. Gegen diese Magie kann das abschließende, überspielte "Satisfaction" nicht ganz anstinken – der Überhit lässt die Spannungskurve leider am Ende eher etwas absacken.

Übergroße Fußstapfen

Was die Fans in Stuttgart zu hören bekommen, ist sicherlich nicht perfekt. Überraschend viele Fehler schleichen sich insgesamt in das Spiel der Stones ein – rhythmische Stolperer und schiefe Töne in den Solos bei beiden Gitarristen sind nicht wirklich eine Seltenheit an diesem Abend.

Mick Jagger scheint sich zuweilen mehr auf seine Rolle als Entertainer zu fokussieren; höheren Tönen geht er seit geraumer Zeit häufiger aus dem Weg. So wirken manche Gesangsparts verstärkt, als würde er die Lyrics (wie im Blues allerdings nicht unüblich) als Geschichte erzählen; das tatsächliche Singen überlässt er im Chorus zuweilen lieber dem Background und dem Publikum, das ohnehin jeden Song auswendig kennt.

Doch Rock'n'Roll muss nicht perfekt sein. Die Stones liefern in Stuttgart eine Show, bei der auf allzu schmerzliche Weise deutlich wird, was fehlen wird, wenn die Band doch eines Tages nicht mehr da sein wird. "Wir spielen zum dritten Mal hier", verkündet Jagger während des Auftritts, "der Name des Stadions ist immer anders, aber die Songs (oder sagt Jagger "Stones"?) bleiben die gleichen." Keiner der 43.000 Fans in Stuttgart hätte nach diesem Abend wohl etwas dagegen, auch in Zukunft noch die gleichen Songs erleben zu dürfen. "Bis bald!" verkündet verheißungsvoll die Videoleinwand, als die Stones die Bühne verlassen.

Setlist

Street Fighting Man / It's Only Rock 'N' Roll (But I Like It)  / Tumbling Dice / Ride 'Em On Down / Let's Spend The Night Together / Like A Rolling Stone / You Can't Always Get What You Want / Honkey Tonk Women / You Got The Silver / Before They Make Me Run / Sympathy For The Devil / Miss You / Midnight Rambler / Start Me Up / Jumpin' Jack Flash / Brown Sugar // Gimme Shelter / (I Can't Get No) Satisfaction

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