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Guns N' Roses (live in Mannheim 2018) © Rudi Brand

Geschlagene dreieinhalb Stunden feuern Guns N‘ Roses auf dem Mannheimer Maimarktgelände aus allen musikalischen Rohren und zementieren ihre Stellung als herausragender Live-Act mit einer epischen Rock'n'Roll-Show, an der es lediglich eine Sache zu bemängeln gibt.

Wir schreiben Juni 2018: Die wiedervereinigten Guns N‘ Roses mit Axl Rose, Slash und Duff McKagan beehren nach 27-jähriger Abstinenz wieder das Mannheimer Maimarktgelände.

"Im Lebbe net", wird wohl der eine oder andere inklusive der ehemals gefährlichsten Band der Welt selbst gedacht haben. Daher hat sich auch die stolze Anzahl von etwa 50.000 Fans auf dem Areal eingefunden, um ihren Heroen zu huldigen.

Rivalisierende Söhne – und Töchter

Den Auftakt des Tages bestreiten The Pink Slips, bei denen man sich doch das eine oder andere Mal wundert, warum sie im Vorprogramm einer der größten Rockgruppen unserer Zeit auftreten dürfen – bis einem bewusst wird, dass es sich bei Frontfrau Grace um die Tochter von Guns N’ Roses-Basser Duff McKagan handelt.

Besser machen ihre Sache da die Rival Sons, die unlängst nicht nur als Vorband von AC/DC, Black Sabbath und Deep Purple unterwegs waren, sondern mit ihrem erdigen, bluesigen Rock im Stile der 1970er dem Publikum schon ab dem Opener "Electric Man" richtig einheizen.

Mannheim wird überrollt

Schließlich fährt ein animierter Panzer über die Videoleinwände, der zeigt, welche „musikalischen Schlachten“ Guns N‘ Roses seit der bis heute noch unglaubwürdiges Staunen hervorrufenden Wiedervereinigung von Axl, Duff und Slash bereits bestritten haben.

Die Ankunft der einst überlebensgroßen Rocker steht bevor, und auf dem inzwischen sehr gut gefüllten, wenn auch nicht komplett ausverkauften Gelände macht sich eine erste vorfreudige Unruhe breit. Kommen sie denn wirklich? In früheren Zeiten konnte man sich seiner Sache da ja nie so sicher sein.

Feuer frei für Slash & Co.

Heute sind solche Sorgen unbegründet: Die Gunners feuern nämlich schon ab der ersten Sekunde des Eröffnungsstückes “It’s So Easy“ sprichwörtlich aus allen Rohren. Das aktuelle Lineup der Band wirkt tight, spielfreudig und druckvoll und verleiht den Stücken nicht nur durch ihre ständigen Bewegungen auf der riesigen Bühne jede Menge Energie.

Besonders Slash wirkt enorm inspiriert. Er scheint jeden Moment dieses historischen Ereignisses aufsaugen und mit seinem markanten Gitarrenspiel veredeln zu wollen. Sein neuer Sechssaiten-Rhythmus-Partner Richard Fortus steht ihm dabei nur wenig nach.

Dorn im Getriebe

Wenn es denn einen Schwachpunkt bei der gut geölten Guns N‘ Roses-Maschine aus McKagan, Slash, Fortus, Drummer Frank Ferrer sowie den beiden Keyboardern Dizzy Reed und Melissa Reese gibt, dann ist es der Gesang von Frontmann Axl Rose.

Nicht wenig von dem, was er gerade während der ersten Hälfte des Konzerts ins Mikrofon summt, haucht oder schreit, klingt arg gequält – eher wie das Fauchen eines frisch kastrierten Katers – und steht in keinem Vergleich zu seiner Leistung als Ersatzsänger bei AC/DC vor zwei Jahren. Erst etwa ab “Civil War“ scheint er sich langsam etwas gefangen zu haben.

"Je oller, je doller"?

Was ihm stimmlich mittlerweile offenbar abgeht, kompensiert Rose dafür durch unbändige Energie auf der Bühne. Er ist ständig unterwegs und treibt beispielsweise bei “Civil War“ ein kleines Privatspielchen mit einem Roadie: Bei den härteren Passagen wirft er seinen Mikrofonständer hinter sich, nur damit das Crewmitglied diesen für ihn bis zu den ruhigeren Teilen wieder aufstellen darf.

Dennoch wirkt Axl, wegen dessen Eskapaden einst etliche Konzerte wie auch das in Mannheim anno 1991 auf der Kippe standen, im Vergleich zu früheren Tagen beinahe wie ein handzahmer Stubentiger.

Mehr als nur eine Axl Rose Show

Artig bedankt er sich im Laufe seiner wenigen Ansagen beim Publikum dafür, dass die Band hier sein dürfe, und wird dafür von den zahlreichen Zuschauern gefeiert, wackliger Gesang hin oder her. Auch überlässt er streckenweise anderen die Bühne.

So darf etwa Duff bei “New Rose“ zum Mikrofon greifen und Slash sich neben seinem Gitarrensolo ebenso bei langen Instrumentalfassungen von Nino Rotas “Speak Softly Love“ aus „Der Pate“ und neben Fortus bei Pink Floyds “Wish You Were Here“ auszeichnen. Dazu gibt es eine Passage aus Eric Claptons “Layla“ als Intro zu “November Rain“.

Fremde Länder und Stücke

Trotz etlicher, wohlwollend aufgenommener Covers à la “Wichita Lineman“ von Jimmy Webb, Soundgardens “Black Hole Sun“, “The Seeker“ von The Who sowie “Slither“ von Slashs und Duffs gemeinsamen Projekt Velvet Revolver ist der Jubel natürlich am lautesten bei den bereits zuvor durch Guns N‘ Roses bekannten Stücken.

Dazu gehören nach der Reunion überraschenderweise auch weiterhin Songs vom einstigen Running Gag “Chinese Democracy“ wie der Titelsong, “Better“ und “This I Love“. Die früheren Streithähne scheinen also zu etlichen Kompromissen gefunden zu haben.

Chinesische Aufwertung

Dennoch wirken die drei Nummern von der Platte, die Axl seinerzeit im Alleingang unter dem Guns N‘ Roses-Namen veröffentlicht hat, keineswegs wie ein Fremdkörper im restlichen, geschlagene dreieinhalb Stunden dauernden Set. Es ist vielmehr so, dass sie durch die Arbeit von Slash und Duff eher noch aufgewertet werden und man sich fragt, warum die Musiker das Ganze nicht damals in dieser Kombination gemeinsam aufnehmen konnten. So bleibt zumindest die Genugtuung, dass man sich dieser Tage über verspätete Live-Versionen eines Großteils der Ur-Gunners freuen darf.

Die volle Dosis

Natürlich dürfen bei einer derart langen Spielzeit ebenso wenig die Klassiker aus der wilden, dezent drogengeschwängerten Frühphase der Band fehlen. Ob harte Rocker wie “Nightrain“, “Double Talkin‘ Jive“ und das gefeierte “You Could Be Mine“, ausufernde Powerballaden à la “November Rain“ und “Estranged“ oder eigene Interpretationen von “Live & Let Die“ und “Knockin‘ On Heaven’s Door“ – musikalisch vielseitig waren Guns N‘ Roses schon immer, und genau das demonstrieren sie ihrem Mannheimer Publikum auch den ganzen Abend lang auf vorzüglichste, spielfreudigste Art und Weise.

Hart zum Start

Eigentlich reiht sich dreieinhalb Stunden lang Höhepunkt an Höhepunkt, wobei die Gunners auf eine ausgewogene Mischung aus Hartem und (halbwegs) Zartem achten. Lediglich die Anfangsphase mit gleich einer Handvoll Rockern vom Kaliber eines “Welcome To The Jungle“, um das Publikum gleich energiegeladen abzuholen, fällt hierbei etwas aus dem Rahmen.

Dafür bieten Axl, Slash und Duff in der Folge hinreichend epische Kompositionen und ruhigere Passagen, um dem Publikum und sich selbst die nötigen Verschnaufpausen zu gönnen. Speziell Sänger Rose scheinen diese auch wirklich gut zu tun.

Rock'n'Roll-Spitzenklasse

Dafür geben sie musikalisch gesehen aber auch wirklich über die gesamte Show hinweg Vollgas, so dass es einem Mannheimer Besucher bis auf die Gesangsleistung schwerfällt, die laute Kritik am Berliner Konzert vor wenigen Wochen nachzuvollziehen. Von Altersmüdigkeit und Lustlosigkeit zeigen Guns N‘ Roses jedenfalls auf dem Maimarktgelände keine Spur – ebenso wenig wie von Zwistigkeiten innerhalb der Band.

Diese frühere Krankheit scheint die Truppe zumindest momentan überwunden zu haben. Als Axl, Slash und Co. ihre Fans am Ende gen “Paradise City“ schicken, blickt man allerorts in zufriedene bis glückliche Gesichter.

Setlist

It’s So Easy / Mr. Brownstone / Chinese Democracy / Welcome To The Jungle / Double Talkin’ Jive / Better / Estranged / Live & Let Die / Slither / Rocket Queen / Shadow Of Your Love / You Could Be Mine / New Rose / This I Love / Civil War / Yesterdays / Coma / Slash Gitarrensolo / Speak Softly Love (Love Theme from “The Godfather”) / Sweet Child O’ Mine / Used To Love Her / Wichita Lineman / Wish You Were Here / November Rain / Black Hole Sun / Knockin’ On Heaven’s Door / Nightrain // Don’t Cry / Patience / The Seeker / Paradise City

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