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Thirty Seconds To Mars (live bei Rock am Ring, 2018) © Peter H. Bauer

Im Gegensatz zu den letzten beiden Jahren verläuft Rock am Ring 2018 am Festivalfreitag störungsfrei. Einen gehörigen Teil zum gelungenen Auftakt am Nürburgring trägt das vielschichtige musikalische Programm auf den beiden Hauptbühnen bei – wobei allerdings die Headliner nicht vollends überzeugen.

In den letzten Jahren kam Rock am Ring an seinen Freitagen einfach nicht zur Ruhe.

War das Festival an seinem zwischenzeitlichen Austragungsort auf dem Flugplatz Mendig anno 2016 von schweren Unwettern geplant, die schließlich zur Absage des gesamten mehrtägigen Events führten, so sorgte nach der Rückkehr an die alte Wirkungsstätte Nürburgring im vergangenen Juni eine Terrorwarnung für die vorübergehende Unterbrechung der Kultveranstaltung.

Hoffen und Bangen

Daher stellten sich im Vorfeld des diesjährigen Rock am Ring für die zahlreichen Fans gleich mehrere Fragen: Würde Petrus mitspielen und dem Festival in der witterungsmäßig erfahrungsgemäß etwas schwierigen Vulkaneifel grandiose Sommertemperaturen wie in den Wochen zuvor bescheren? Würde die 2018er-Ausgabe ohne Sicherheitsbedenken vonstattengehen? Als die meteorologischen Wochenendprognosen eintreffen, geht zumindest in Sachen Wetter das große Bangen wieder los.

Nachdem in der Nacht von Donnerstag auf Freitag Unwetter über den Ring hinwegzogen, präsentiert sich der Nürburgring am Freitag wolkenverhangen und nass – und damit eigentlich genau, wie befürchtet. Festivalgänger sind zwar generell ein hartgesottenes Völkchen, das sich so schnell von nichts unterkriegen lässt.

Allerdings dürften selbst unter den eingefleischtesten Campern einige ins Grübeln gekommen sein, wenn sie die schweren Unwetter in etlichen Teilen Deutschlands in den vergangenen Tagen vor ihrem geistigen Auge Revue passieren lassen.

Fragen über Fragen…

Im Verlauf des Nachmittags, so scheint es, ist der Wettergott des Öfteren einmal mit sich darüber im Unreinen darüber, ob er dem Nürburgring nun weiter Regen bescheren soll oder nicht. Vor der Qual der Wahl steht etwa zur gleichen Zeit auch das Rock am Ring-Publikum: die zuckersüßen J-Pop-Damen von Babymetal nebst ihrer Begleitband auf der Crater Stage oder doch lieber die gleichzeitig auftretenden Alternative Rocker von Jimmy Eat World auf der Hauptbühne unweit der Boxengasse?

Letztere können sich jedenfalls ob des vergleichsweise frühen Stündchens, das es geschlagen hat, über hinreichend Zuschauer kaum beschweren. Die bereits Anwesenden jedenfalls sind guter Dinge, während sich die Mannen aus Arizona im Trockenen durch die Hits ihrer inzwischen 25-jährigen Laufbahn wie "Bleed American", "Sweetness", "Pain" oder "The Middle" rocken. Einzelne kleinere Moshpits im vorderen Teil des Areals sowie lauter Jubel am Ende der Show gehören da zum guten Ton.

Milchig mit Aussicht auf Sonnenschein

Etwas ruhiger, aber nicht minder interessant lässt es im Anschluss die Kasseler Folktronica-Truppe Milky Chance auf der Volcano Stage angehen. Mit ihren experimentellen Klängen aus Synthesizersounds und akustischen Instrumenten sorgen die Durchstarter aus Nordhessen für eine entspannte Atmosphäre unter den Zuschauern, die eigentlich gut zu den sommerlichen Tagen Ende Mai 2018 gepasst hätte. Stattdessen weht ein leichter Wind über das immer noch bewölkte Gelände.

Wie üblich, hält die Aussicht auf Regen jedoch keinen der zahlreichen Festivalgänger vom Besuch ab. Ganz im Gegenteil – die Reihen füllen sich langsam, aber sicher. Dabei werden aus dem Publikum die ersten obligatorischen "Scheiß Tribüne!"-Rufe des Jahres an all diejenigen laut, die sich das kunterbunte Treiben vom Dach der Boxengasse ansehen. Zum Finale des Milky Chance-Sets dringen schließlich vereinzelte Sonnenstrahlen zwischen der dichten Wolkendecke über der Eifel hindurch.

That’s alt, Folk(s)!

In eine ähnliche musikalische Kerbe wie zuvor bereits Milky Change schlagen auch die Briten von alt-J kaum später auf der Volcano Stage. Folkiges gemischt mit elektronischen Anleihen, die anfangs in Form eines ohrenbetäubenden Dröhnens daherkommen und das gesamte Areal zum Vibrieren bringen. Dieser in den ersten Minuten wenig transparente Sound verbessert sich im Verlauf der Show des Trios merklich, lässt das Gelände allerdings weiterhin durch seine Bässe vibrieren.

Den Stücken der von Kritikern bereits als "moderne Fairport Convention" gefeierten Band lauschen die Zuschauer entweder passiv oder andächtig. Gelegentlich fällt es schwer, die Reaktion des Publikums wirklich einzuschätzen. Der Jubel nach den einzelnen Nummern von alt-J zeigt allerdings, dass die Formation aus Leeds bei den Ringrockern gut ankommt. Entspannte Klänge am späten Nachmittag sind eben genau das, was der Festivalgänger vor einem strapaziösen Abend so braucht.

Ein freundlich rappender Geist

Auf der in Nebel und Blitzer gekleideten Volcano Stage tritt nämlich kurze Zeit darauf Casper zu den Klängen des Themas aus dem Kultwestern "Die glorreichen Sieben" vor die inzwischen imposante Rock am Ring-Kulisse und macht dabei gleich ab der ersten Sekunde mächtig Stimmung. Schon beim Opener "Alles ist erleuchtet" gehen die Hände der Zuschauer nach oben und so einige hüpfen im Takt mit, als der Deutsch-Amerikaner auf dem vorderen Steg umherrennt und sich von seinen Fans feiern lässt.

Wie groß die Resonanz auf den Auftritt von Casper und seiner fünfköpfigen Begleitband ist, demonstrieren auch einige ein Ruderboot simulierende Menschen hinter dem zweiten Wellenbrecher und vereinzelte, aber zivilisierte Moshpits in den vorderen Reihen. Für viel Stimmung sorgt zudem der Gruß des Festivallieblings an die Leute auf dem Dach der Boxengasse, die mit einem standesgemäßen ohrenbetäubenden "Scheiß Tribüne!" seitens der Ringrocker kommentiert wird.

Kannibalische Kreise für den Elefanten

Zur gleichen Zeit wartet am anderen Ende des Geländes ein Teil des Publikums bereits sehnsüchtig auf den Auftritt von A Perfect Circle. Kurz vor der Jahrtausendwende als Projekt des umtriebigen Tool-Frontmanns Maynard James Keenan gestartet, entwickelte sich die Formation bald zu einer Kultband – bevor der Sänger, wie auch bei seinem Hauptarbeitgeber, eine lange Pause einlegte, um sich anderen Unternehmungen zu widmen. Insofern ist die Rock am Ring-Teilnahme 2018 eine kleine Sensation.

Ähnlich gestaltet es sich mit der erst kürzlich erschienenen Scheibe “Eat The Elephant". Bis auf ein "Greatest Hits-Album vor fünf Jahren stellt die neue Scheibe das erste wirkliche musikalische Lebenszeichen von A Perfect Circle seit etwa 15 Jahren da. Insofern durfte wahrlich gespannt sein, wie sich die Band nach der langen Live-Abstinenz wohl schlagen würde – und Keenan und Co. enttäuschen nicht. Insgesamt sechs neue Stücke präsentieren sie den vielen Anwesenden vor der Crater Stage.

Eine runde Sache

Die Bühne ist in düsteres, stimmungsvolles Licht gehüllt, als sich der aktuell langhaarige und für den Auftritt stark geschminkte Sänger und seine Mitmusiker durch eine ausgewogene, aber auf "Eat The Elephant"-Stücke fokussierte Songauswahl arbeiten. Dabei lassen sich gesellschaftskritische Untertöne nicht verleugnen, ebenso wenig wie die Hommagen an verstorbene Legenden wie David Bowie und Muhammad Ali im nach einem Douglas Adams-Zitat benannten "So Long, And Thanks For All The Fish".

Das Publikum nimmt die in einem knackigen Soundgewand daherkommende Performance sehr wohlwollend zur Kenntnis. Auch wenn Keenan anno 2016 noch mit Puscifer zu Gast bei Rock am Ring war, erlebt man schließlich nicht aller Tage ein Konzert von A Perfect Circle. Die Band beeindruckt mit ihrer ganz eigenen, markanten Fusion elektronischer, metallischer und alternativer Klänge, die jedoch natürlich weiterhin starke Parallelen zu Tool, der eigentlichen Hauptband des Sängers, aufweisen.

Verspäteter Landeanflug

Auf Starpower warten derweil die Fans auf dem inzwischen prall gefüllten Gelände vor der Volcano Stage. Oscar-Preisträger Jared Leto und seine Band Thirty Seconds To Mars haben sich als Freitags-Headliner angesagt – und betreten, wie sich für Hollywood gehört, direkt mit einer 15-minütigen Verspätung die Bühne. 

Ob man bei Thirty Seconds For Mars wirklich von einer Gruppe sprechen sollte, erscheint allerdings von der ersten Sekunde an fraglich. Alles ist zu sehr auf den "Personal Jesus" Jared Leto zugeschnitten, auf den auch sämtliche Kameras über die gesamte Show hinweg gerichtet sind. Außer ihm und seinem schlagzeugspielenden Bruder Shannon sieht man sonst niemanden auf der riesigen Volcano Stage.

Marsianischer Messias

Jared Leto ist ein Meister der Selbstinszenierung - das muss man ihm wahrlich lassen. Im Publikum herrscht eine enorme Stimmung. Das Ganze hat beinahe schon den Charakter eines Fußballstadions, inklusive dazugehörigen Fangesängen und Fahnenmeer. Doch im Großen und Ganzen ist die Show an Belanglosigkeit kaum zu überbieten – außer man möchte einem Idol huldigen, das sich 90 Minuten lang frei nach dem Motto "Schaut mich an, ich bin der Messias" in den Mittelpunkt rückt.

Das Konzert bedient dabei gefühlt sämtliche Mechanismen der seichten Unterhaltung. Dazu gehören auch Feuerwerkselemente und überlebensgroße Luftballons, die über der Menschenmenge schweben. Den Massen vor der Bühne gefällt es, denn die Reaktion auf den bärtigen Heilsbringer mit Jesus-Optik ist enorm. Dennoch kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass dem Konzept irgendwie die Substanz abgeht – vermeintliche Volksnähe ob diverser Fans auf der Bühne hin oder her.

Nächtlicher Schock(rock)

Einen ähnlichen Personenkult gab es einst um Marilyn Manson, den Star des Freitags-Nachtprogramms bei Rock am Ring 2018. Als er auf die Crater Stage steigt, darf die passende Portion Schocksymbolik in Form eines riesigen umgedrehten Kreuzes und Horror-Makeups natürlich nicht fehlen. Schnell wird jedoch klar, dass der selbsternannte "Fürst der Finsternis" seine besten Zeiten wohl hinter sich hat. Der Skandalfaktor früherer Tage scheint nicht mehr wirklich vorhanden zu sein.

Zwar zieht der stark geschminkte und grotesk aussehende Brian Warner, alias Marilyn Manson, weiterhin nicht wenige Fans in seinen Bann. Stimmlich ist er auch immer noch in guter Form. Allerdings bleibt der Jubel gerade bei neueren Songs wie "Kill4Me" und "Say10" vergleichsweise verhalten. Es hilft zudem wenig, dass sich der Schockrocker bei "Deep Six" den Fauxpas erlaubt, seinen Text zu vergessen, und das Stück deshalb mittendrin abbricht und von vorne beginnen lässt.

Out Of The Dark

Längst gezählt sind die Tage, als Nine Inch Nails-Maestro Trent Reznor seinen früheren Protegé mit Industrial-Hits wie "The Beautiful People" zu einem echten "Antichrist Superstar" werden ließ. So ist es bezeichnend, dass die breite Masse lieber von dannen zieht. Auf dem Spielplan stehen schließlich in den kommenden beiden Tagen noch zahlreiche weitere Highlights, die man womöglich lieber halbwegs ausgeschlafen erleben will.

An einem komplikationslosen ersten Rock am Ring-Tag im Jahr 2018 hat das Publikum ein in den späten Nachmittags- und frühen Abendstunden musikalisch teils herausragendes Programm erlebt, das lediglich gegen Ende bei den Headlinern ein wenig abzufallen schien. Als Festivalgänger ist man angesichts der letzten beiden Jahre zudem froh darüber, dass der Wettergott mitgespielt hat und es zu keinen weiteren Schwierigkeiten kam. Samstag und Sonntag können also kommen!

Setlists

 

Setlist von Jimmy Eat World

Bleed American / A Praise Chorus / Sure & Certain / Big Casino / Futures / Pain / Work / Lucky Denver Mint / Love Never / Hear You Me / The Authority Song / Sweetness / The Middle

Setlist von Milky Chance

Ego / Blossom / Flashed Junk Mind / Doing Good / Down By The River / Peripeteia / Bad Things / Running / Cocoon / Firebird / Stolen Dance / Sweet Sun

Setlist von alt-J

Deadcrush / Fitzpleasure / Something Good /The Gospel Of John Hurt / In Cold Blood / ❦ (Ripe & Ruin) / Tessellate / Every Other Freckle / Hunger Of The Pine / Bloodflood / Matilda / Dissolve Me / Taro / Left Hand Free / Intro (An Awesome Wave) / Breezeblocks

Setlist von Casper

Alles ist erleuchtet / Im Ascheregen / Alles endet (aber nie die Musik) / Auf und davon / Lass sie gehen / Sirenen / Die letzte Gang der Stadt / Ganz schön okay (mit Felix Brummer) / So perfekt / Das Grizzly-Lied / Der Druck steigt (Die Vergessenen Pt. 1) / Blut sehen (Die Vergessehen Pt. 2) / Freestyle / Mittelfinger hoch / Wo die wilden Maden graben / Lang lebe der Tod / Keine Angst (mit Drangsal) / Hinterland / Jambalaya

Setlist von A Perfect Circle

Counting Bodies Like Sheep To The Rhythm Of The War Drums / Hourglass / The Hollow / Weak & Powerless / Rose / Disillusioned / The Contrarian / Thomas / The Package / 3 Libras (All Main Courses Mix) / So Long, And Thanks For All The Fish / TalkTalk / The Doomed / The Outsider

Setlist von Thirty Seconds Of Mars

Monolith / Up In The Air / Kings & Queens / Night Of The Hunter / This Is War / Dangerous Night / Do Or Die / Hail To The Victor / The Kill (Bury Me) / Rescue Me / Walk On Water / Closer To The Edge

Setlist von Marilyn Manson

Irresponsible Hate Anthem / Angel With The Scabbed Wings / Deep Six / This Is The New Shit / Disposable Teens / mOBSCENE / Kill4Me / Rock Is Dead / The Dope Show / Sweet Dreams (Are Made Of This) / Say10 // Antichrist Superstar / The Beautiful People / Cry Little Sister

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