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Liam Gallagher (live in Hamburg, 2017) © Falk Simon

Es gibt ungeheuer viel zu erleben beim Reeperbahn Festival 2017. Kleine Showcases, große Stars, Entdeckungen, Neuerungen. Wie fasst man vier randvoll mit Musik gefüllter Tage zusammen? Man versucht es erst gar nicht.

Als Festivalmacher kann man unbegrenzt Zeit und Geld in die Planung investieren – am Ende braucht man auch etwas Glück. Das gilt auch für das Reeperbahn Festival in Hamburg, das von vier Tagen trockenem und warmen Spätsommerwetter profitiert. So können die Besucher bis in die Nacht auf dem Spielbudenplatz sitzen und ohne Schirm entspannt durch St. Pauli schlendern. Die Folge ist ein neuer Rekord von 40.000 Besuchern.

Neu – das Festival Village

Das Reeperbahn Festival wartet 2017 mit vielen vertrauten Elementen und einigen Neuerungen auf. Neu ist beispielsweise das Festival Village auf dem Heiligengeistfeld, wo sich die Ticketschalter, einige Aussteller und ein paar neue Spielorte befinden. Jeden Abend lädt der deutsche Avantgarde-Pianist Martin Kohlstedt die Besucher ein, seine Musik in Liegestühlen im Dome zu genießen – eine schöne Abwechslung zum Club-Gedränge.

Insgesamt entzerrt das Festival-Village das Reeperbahn Festival fraglos und schafft neue Möglichkeiten, die sich mit Sicherheit erst in den kommenden Jahren vollständig realisieren lassen. Platz ist jedenfalls genug da!

Erstmals in der Elbphilharmonie

Jede einzelne Veranstaltung in der Elbphilharmonie ist bis zum Ende der Spielzeit 2018 ausverkauft – und bei den wenigen Konzerten im Rahmen des Reeperbahn Festivals war das nicht anders.

Es war nötig, sich vorher zu registrieren, um eine der begehrten Karten zu ergattern – nur wenige Restkarten wurden am Festivalsamstag an (schnelle) Besucher vergeben. Auch das ist fraglos eine bemerkenswerte Kooperation.

Ansturm auf Liam

Ansonsten findet das Festival natürlich nach wie vor in der Hauptsache in den bekannten Clubs um die Reeperbahn statt. Für den größten Ansturm sorgte fraglos Liam Gallagher, dessen Überraschungskonzert am Freitagabend im Docks eine Schlange bis zur Polizeiwache am anderen Ende des Spielbudenplatzes nach sich zieht. Über die musikalische Qualität gingen die Meinungen allerdings auseinander – und das ist milde formuliert.

Weniger kontrovers geht es anschließend bei Beth Ditto zu, die ihre Fans sowohl mit neuem Solomaterial als auch mit Gossip-Songs verwöhnt. Das eigentliche Highlight des Abends ist allerdings die Frontfrau selbst, die mit ihrer einnehmenden Persönlichkeit und ihrer ausdrucksstarken Stimme das Publikum mühelos auf ihre Seite zieht und zu Begeisterungsstürmen treibt. 

Warum nicht mal Mali?

Es ist ein wenig vermessen, von Highlights beim Reeperbahn Festival zu sprechen, da selbst der ausdauerndste Besucher nur einen Bruchteil der 500 Konzerte besuchen kann. Herausragend waren allerdings die Auftritte zweier Acts aus Mali, nämlich des blinden Duos Amadou & Mariam am Freitag in der Großen Freiheit 36 und der Blues-Rock-Band Songhoy Blues im Mojo.

Beide Acts aus dem westafrikanischen Land sorgen mit tanzbaren Rhythmen für jede Menge Jubel unter den Zuschauern. Die leicht federnde Musik von Amadou & Mariam entwickelt einen ungeheuren Sog, wirkt fremdartig und vertraut zugleich. Bei Songhoy Blues beeindruckt vor allem der Leadsänger, der mit verrückten, manischen Bewegungen über die Bühne fegt. Aber auch die Musik verfügt über jede Menge Energie und lässt mit funkigem Blues kein Bein stillstehen, gibt sich dabei aber nicht brachial, sondern elegant.

Newcomer aller Facetten

Wer nicht tanzen mag, ist im Resonanzraum gut bedient. Dort spielt der israelische Pianist Omer Klein ein ausdruckstarkes Solo-Konzert, das vom Publikum sehr positiv aufgenommen wird. Normalerweise musikziert Klein im Trio, aber im akustisch exzellenten Resonanzraum beweist er, dass seine Solokonzerte genauso hörenswert sind. Sein neues Album "Sleepwalkers" sollten sich Fans des Klaviertrios nicht entgehen lassen.

Wer sich lieber mit krachend lauten Gitarren auseinandersetzt, kann sich mit einer neuen Welle junger, wilder Bands aus Deutschland auseinandersetzen, die beispielsweise von Razz und Leoniden auf dem Reeperbahn Festival würdig vertreten werden. Überhaupt gibt es Rockmusik in Hülle und Fülle wie auch die gefeierten Auftritte von Death From Above oder All Them Witches zeigen.

Auf die große Bühne

Darüber hinaus präsentieren verschiedene Institutionen, Städte, Länder und Label aktuelle Bands. An den schon traditionellen Empfang "Meet The Mannheimers" im Indra Club ist ein Showcase dreier aktueller Bands der Popakademie angeschlossen.

Ingold, Fibel und Vincent Hall können sich über zahlreiches Publikum freuen und nutzen die Chance mit ausdrucksstarken Auftritten. Und wer weiß, vielleicht steht einer der drei Acts nächstes Jahr dort auf der Bühne, wo dieses Jahr Alice Merton spielt – auch sie ein Produkt der Popakademie.

Es ist genau diese fast unüberschaubare Vielfalt, welche die vier Tage in Hamburg so lohnenswert machen. Am Ende des Tages gilt aber stets: Das Reeperbahn Festival ist, was du daraus machst.

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