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Philipp Poisel (live in Schwetzingen, 2017) © Beatrix Mutschler

Bei strahlendem Sonnenschein bietet der Sänger / Songwriter Philipp Poisel den Zuschauern im gut gefüllten Schlossgarten in Schwetzingen eine kreative Bühnenshow und präsentiert eine Seite von sich, die man dem emotionalen Sänger so nicht zugetraut hätte.

Pünktlich um 19:30 Uhr eröffnet Sänger/Songwriter Johannes Falk aus Heidelberg den Abend. Mit einem Deutsch-Pop-Sound, der ähnlich wie bei Poisel mit nachdenklichen und philosophischen Texten angefüllt ist, liefert er in Begleitung seiner Band den perfekten Vorgeschmack.

Geschlossener Vorhang

Es ist 20:30 Uhr. Philipp Poisel hat bereits eine halbe Stunde Verspätung. Die Fans erwarten den Sänger sehnsüchtig. Fünf Minuten später ist alles vergessen: Poisel betritt die Bühne, die Paare rücken zusammen, ein paar Smartphones werden gezückt und es kann losgehen.

Mit geschlossenen Augen stimmt er seinen ersten Song "Im Garten von Gettis" an. Die Bühne ist zunächst minimalistisch gehalten und der Vorhang geschlossen. Ganz nach dem Motto: "Ein Mann, eine Gitarre", umhüllt Poisel den Schlossgarten in sanften Tönen.

Nichts für schwache Nerven

Philipp Poisel ist bekannt für seine emotionale Texte, die er mit seiner außergewöhnlichen und sehr zerbrechlich klingenden Stimme singt. Für Menschen mit Liebeskummer sind seine Songs genau das Richtige, denn geschätzt 80 Prozent seiner Songs handeln von Verlust und der Verarbeitung gescheiterter Beziehungen.

Dennoch besteht das Publikum zu einem Großteil aus verliebten Pärchen und einigen Frauengruppen. Unglückliche Singles mit Pärchenphobie sollten sich daher zweimal überlegen, ob sie ein Philipp Poisel-Konzert besuchen.

Fast schon ironisch wirkt es, wenn Pärchen bei Zeilen wie: "Wie soll ein Mensch das ertragen dich alle Tage zu sehen" plötzlich hemmungslos knutschen. Dieses Szenario zieht sich durch das ganze Konzert: Lediglich bei den unterhaltsamen Tanzeinlagen Poisels können die Paare voneinander lassen.

Die erste Steigerung 

Weiter gehts mit "Wo fängt dein Himmel an". Bereits hier hat es Poisel geschafft: Seine Emotionen kommen beim Publikum an. Viele Augen sind geschlossen, einige wippen im Takt mit und fast alle singen: "Wie sieht der Himmel aus, der jetzt über dir steht"? Der Himmel über dem Schlossgarten ist jedenfalls strahlend blau. 

Für den nächsten Song "Roman", sei der Roman: "Robinson Crusoe" verantwortlich, so Poisel zu den Besuchern. Sein Vater habe ihn in seiner Kindheit zum Lesen bewegen wollen und ihm damit zu seinem Lieblingsroman verholfen. Das Lied ertönt, die ersten klatschen mit.

Duett mit dem Publikum

Bei den drei folgenden Songs: "Halt mich", "Mit jedem deiner Fehler" und "Froh dabei zu sein" wird deutlich, wie gut die gefühlvollen Texte den Zuschauern liegen. Das scheint auch Poisel zu merken und lässt die Zuschauer diverse Parts der Songs übernehmen.

Eine magische Atmosphäre entsteht während des Duetts von Philipp Poisel und den Besuchern des Schlossgartens. Eine Welle der Emotionen ergreift das Publikum und die ersten Tränen der Rührung fließen. Wirklich bemerkenswert ist, dass Philipp Poisels Stimme live sogar noch besser und melodischer klingt als auf seinen Platten.

Der Vorhang fällt

Die aufwendige und sehr kreative Kulisse kommt zum Vorschein, als der schwarze Vorhang fällt. Viele Lichteffekte und zwei Flamingos, die sich gegenüber stehen, bilden das Bühnenbild. Fast wirkt es, als hätte man ein Symbol für das Publikum geschaffen.

Bei "Zum ersten Mal Nintendo" verwandelt sich die Kulisse in eine Super-Mario-Landschaft, während für den schnelleren und fröhlicheren Song "San Francisco Nights" eine VW-Bus Atrappe mit vier Sängerinnen besetzt ist, die vergnügt auf die Bühne radeln und Poisel während des Songs begleiten. Das Publikum ist begeistert.

Passend dazu legt Philipp Poisel zahlreiche Tanzeinlagen aufs Parkett, die beweisen, dass er auch anders kann. Der Sänger verabschiedet sich jedoch mit dem Liebeskummer-Lied schlechthin "Ich will nur" von der Bühne und bedankt sich reichlich. Weitere Tränen fließen.

Melancholie pur

Die Zugabe-Rufe lassen nicht lange auf sich warten und kurz danach erscheint Poisel erneut auf der Bühne und singt seinen wohlmöglich bekanntesten und emotionalsten Song "Wie soll ein Mensch das ertragen" in einer langsameren Akustik-Version auf außerordentlich authentische Weise. In Kombination mit der schleichenden Dämmerung des Himmels wird selbst der härteste Brocken weich.

Weniger authentisch wirken die folgenden Elektro-Sounds, für die ein tanzender DJ, zahlreiche Lichteffekte und Leuchtstäbe eingesetzt werden. Eine Elektro-Party bei Philipp Poisel ist dann doch eher ungewohnt.

Dennoch trägt auch dieser Teil zur Unterhaltung bei und sorgt zumindest für Abwechslung. Erstmals zeigt Poisel eine andere Facette von sich: Aus dem traurig und zerbrechlich wirkenden Sänger wird eine echte Rampensau. Wer hätte schon damit gerechnet, das Philipp Poisel shufflen kann. Das Publikum jubelt. 

Mittendrin

Schnell kehrt wieder Ruhe ein: Passend zu dem bereits dunklen Himmel singt er: "Wenn die Tage am dunkelsten sind, dann sind die Träume noch größer". Die zarten und leisen Töne sind zurück. Poisel und seine Band verschwinden von der Bühne. Erneut werden Zugabe-Rufe laut.

Das Publikum dreht sich um 180 Grad, als der Sänger mit seiner Akustik-Gitarre, inmitten der Zuschauerreihen, auf einer Erhebung wieder auftaucht. Doch bei "Liebe meines Lebens", einer der wenigen Songs von Poisel, die nicht die Schattenseite der Liebe betrifft, sind nur wenige Blicke auf den Sänger gerichtet.

Einer geht noch

Wieder muss sich um 180 Grad gedreht werden. Philipp Poisel und seine Band begeben sich wieder auf die normale Bühne und spielen "Pferd im Ozean". "Du musst nur ganz fest an mich glauben, dann können wir ans Ende gehen", heißt es darin.

Damit endet ein zweieinhalbstündiger Konzertabend, das berührt, verführt, überrascht und vor allem mit traumhaften Wetter und dem dazugehörigen Sonnenuntergang zum Träumen verleitet hat.

Setlist

Im Garten von Gettis/ Wo fängt dein Himmel an/ Roman / Halt mich / Mit jedem deiner Fehler / Froh dabei zu sein / Mein Amerika / Geh nicht / Bis nach Tolouse / Zum ersten Mal Nintendo / Zünde alle Feuer / Eiserner Steg / San Fransisco Nights / Erkläre mir die Liebe / Ich will nur // Wie soll ein Mensch das ertragen / Heute hier, morgen dort / Für immer gut / Wenn die Tage am dunkelsten sind / Liebe meines Lebens / Pferd im Ozean 

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