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Deep Purple (live in Frankfurt) © Mathias Utz

Offiziell sind Deep Purple – zumindest dem Namen nach – auf großer Abschiedstournee. Mit einer fulminanten Performance in der Frankfurter Festhalle und neuen Songs von ihrem aktuellen Album “inFinite“ im Gepäck beweisen die gesetzten Herren, dass sie deshalb aber noch längst nicht aufs Altenteil gehören.

Deep Purple sind unersättlich. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man bedenkt, wie aktiv die lebenden Legenden auch im Herbst ihres Lebens weiterhin sind. Seit Jahren touren sie derart ausgiebig, dass ihr streitbarer Ex-Gitarrist Ritchie Blackmore einst anmerkte, man müsse seine früheren Bandmitglieder und ihre neuen Kollegen wohl eines Tages im Sarg von einer Bühne tragen.

Dazu hat die aktuelle Besetzung kürzlich mit "inFinite" ein neues Album veröffentlicht, das man guten Gewissens als ihre wohl beste Scheibe seit zwanzig Jahren bezeichnen kann. Was läge für Deep Purple also näher, als mit der neuen Platte im Gepäck auf ausgedehnte (Abschieds-)Tour zu gehen und einmal mehr in der Frankfurter Festhalle, Stätte vieler legendärer Performances, zu gastieren?

Monstermäßiges aus Kanada

Los geht der musikalische Abend in der Mainmetropole mit feinstem blueslastigem Hardrock aus Kanada. Als Unterstützung für Deep Purple bei den Deutschlandkonzerten sind Monster Truck am Start und wühlen sich vierzig Minuten lang durch weitgehend knallharte, beinahe nach 1970ern klingende Stücke, die sofort ins Ohr gehen und das Publikum recht schnell auf Betriebstemperatur hieven.

Nur an der Bühnenpräsenz darf das Quartett aus Ontario um den Sänger und Bassisten Jon Harvey ruhig in Zukunft noch ein wenig feilen. Zu statisch präsentieren sich Monster Truck hinsichtlich ihrer praktisch nicht vorhandenen Interaktion mit den Zuschauern, sodass trotz mitreißender Songs die ganz große Begeisterung im inzwischen prallgefüllten Innenraum noch auf sich warten lässt.

Ungewohnter, aber fulminanter Beginn

Dieser Zustand ändert sich bald, als Deep Purple die mit verschiedenfarbig ausgeleuchteten Eisblöcken im "inFinite"-Stil gehaltene Bühne betreten. Zunächst steht Frontmann Ian Gillan alleine im Fokus. Ein Spotlight ist auf ihn gerichtet, während er ein effektbeladenes Gesangsintro zelebriert – und damit gleich für die erste Überraschung des Abends sorgt. Zum ersten Mal seit unzähligen Jahren eröffnet nämlich nicht das obligatorische "Highway Star" den Reigen, sondern "Time For Bedlam".

Nur weil sich Deep Purple für eine Nummer ihres neuen Albums als Opener entschieden haben, bedeutet dies aber nicht, dass das Konzert deshalb weniger fulminant würde. Druckvoll und für Festhalle-Verhältnisse geradezu unglaublich transparent tönt der Fünfer um das einzig verbliebene Gründungsmitglied Ian Paice aus den Lautsprechern und schiebt ohne Unterbrechung mit dem ins Set zurückgekehrten "Fireball" sowie "Bloodsucker"  und "Strange Kind Of Woman" gleich drei Songs nach.

Er kann es immer noch…

Gerade Ian Gillan, dem man in der Vergangenheit seine inzwischen über siebzig Lenzen stimmlich doch häufiger anmerken konnte, scheint in der Anfangsphase im tiefen Eis von "inFinite" eine Art Jungbrunnen gefunden zu haben. Bei "Fireball" und "Bloodsucker" zaubert er hohe Töne aus dem Hut wie zu seinen Glanzzeiten – und mittendrin hält er sogar sekundenlang einen Schrei, den man dem älteren Herren beim besten Willen nicht mehr zugetraut hätte. Ein leichtes Staunen macht sich breit.

Dazu erzählt der Sänger seinem Gitarristen Steve Morse nach einem ausgedehnten Duell zwischen Tasten- und Saiteninstrumenten in Windeseile eine tragische wie urkomische Geschichte, die den Saitenmann zum Schmunzeln bringt und sich fast schon in Richtung Rap deuten lassen könnte. Auch in diesem Punkt geben sich Deep Purple auf der aktuellen Tour also ähnlich farbenfroh wie die teils mit Hippieanleihen ausgestalteten Animationen auf der großen Videoleinwand oberhalb der Band.

Episch und so gar nicht faul

Im Anschluss widmen sich die Rocklegenden mehreren neueren Stücken in Serie. Auf das vom aktuellen Album stammende "Johnny’s Band" folgt ein von Morse mit einem längeren Gitarrenintro eingeführten "Uncommon Man", das die Festhalle beinahe zum Wackeln bringt, und mit dem epischen "The Surprising" der wohl beste Song von "inFinite". Dass dabei ganz kurzzeitig Don Aireys Klavier übersteuert, darf angesichts des ansonsten wirklich guten Sounds gekonnt ignoriert werden.

Der Keyboarder ist es dann auch, der zu mandalaartigen Animationen auf der Videoleinwand das Publikum auf den nun anstehenden Klassiker einstimmen darf. Dabei geht der Tastendrücker bisweilen beinahe brachial zu Werke und heimst sich großen Applaus ein, als er langsam, aber sicher zum Intro von "Lazy" übergeht. Als Deep Purple schließlich in der groovigen "Machine Head"-Nummer mit ihrem Gitarren- und Keyboardaustausch angekommen sind, wippen und tanzen die Zuschauer im Takt mit.

Alters-, aber keine Ausfallerscheinungen

Beim Intro zu "Birds Of Prey", dem zweiten epischen Track des neuen Albums, kommt es dann zu einer kleinen Schrecksekunde: Steve Morse beißt die Zähne zusammen. Ist er bloß konzentriert oder verbirgt sich etwas ganz anderes dahinter? Wer die sehenswerte Dokumentation "From Here To inFinite" kennt, weiß auch, dass der Gitarrist unter starker Arthritis leidet und nur mit speziellen Bandagen und anderer Technik überhaupt noch spielen kann.

Doch dieser kurze beängstigende Moment scheint unbegründet, denn "Birds Of Prey" mit seinem massiven, schleppenden wie stampfenden Groove lebt gerade von Morses langem, eleganten Solo zum Ende hin. Es macht aber deutlich, warum Deep Purple wohl ganz bewusst den Titel "The Long Goodbye" für ihre wie lange auch immer dauernde Tour gewählt haben. Sie sind sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst, auch wenn sie in der Festhalle weiterhin einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Neues statt Altbewährtem

Was aber bei ihrem Frankfurter Auftritt ebenso hervorsticht, ist die Tatsache, wie gut sich gerade die "inFinite"-Nummern inmitten der Klassiker aus der Blackmore-Ära schlagen. Zu keiner Zeit wirken sie wie ein Fremdkörper, sondern sorgen eher für erfrischend Neues in einer in den vergangenen Jahren etwas statisch gewordenen Setlist des Quintetts um Bassist Roger Glover – selbst wenn dafür eigentlich seit gefühlten Ewigkeiten gesetzte Lieder wie "Highway Star" aus dem Programm weichen müssen.

Im Anschluss an "Hell To Pay" ist es an Don Airey, seine Solokünste ausgiebig zu demonstrieren. Dazu beginnt er mit einem spacigen, effektbeladenen Synthesizerteil, das in von Streichern begleitetes klassisches Klavierspiel übergeht, in das der Keyboarder auch eine vorübergehend recht schräg daherkommende Version der deutschen Nationalhymne integriert. Dafür erhält Airey großen Applaus, woraufhin er sich erneut in viele weltraumartig krachende Sounds und Glockenschläge verabschiedet.

Der (Schall-)Druck steigt

Als der Tastenspieler schließlich zum Intro von "Perfect Strangers" ansetzt, explodiert die Festhalle beinahe – einerseits wegen des massiven Drucks, den die Hammond erzeugt, andererseits aufgrund des fast grenzenlosen Jubels seitens des Publikums. Mittlerweile ist auch die Lautstärke der Band gefühlt noch um einiges angewachsen, ohne jedoch an Transparenz zu verlieren. Gitarre und Orgel bohren sich geradezu durch Mark und Bein und direkt in die Gehörgänge der zahlreichen Zuschauer.

Nur Ian Gillan beginnt gegen Ende des Konzerts langsam, aber sicher ein wenig zu schwächeln. Die anfängliche Hochform kann er nicht ganz halten, dafür wirkt sein Gesang ab "Space Truckin", bei dem sich Glover prominent in der Mitte der Bühne platzieren darf, auf einmal wieder seltsam gequält. Ebenso komisch ist es, dass sich der sonst so redefreudige wie eloquente Frontmann mit Ansagen am heutigen Abend merklich zurückhält, wohingegen er sonst mit spaßigen Anekdoten kaum geizte.

Hymnisches Finale

Natürlich darf bei einem Auftritt von Deep Purple auch die unsterbliche Hymne "Smoke On The Water" nicht fehlen, bei der die Tausenden in der Festhalle vorübergehend den Gesang im Refrain übernehmen. Allerdings wird gerade bei diesem Stück weiterhin der Unterschied zwischen Morse und seinem Vorgänger Blackmore deutlich, denn man erwartet an dieser Stelle einfach das Originalsolo. Dafür hätte der alte Saitenmann aber wohl nie die neuen Stücke so grandios umsetzen können.

Schallender Jubel verabschiedet die Band daraufhin kurz von der Bühne. Die Abstinenz ist aber nicht von langer Dauer. Bald taucht Drummer Ian Paice auf, simuliert einen Hexenschuss und begibt sich wieder hinter sein Kit. Eine ausgefallene Version des aus "Blues Brothers" bekannten "Peter Gunn"-Themas leitet die von viel Improvisation geprägte erste Zugabe "Hush" ein, woraufhin Glover das Kommando übernimmt und mit einem von viel Spielwitz geprägten Bass-Solo das Ende des Abends einleitet. 

Das letzte große Aufbäumen?

Aus der von Paice unterstützten Einlage des Tieftöners geht es ohne Umschweife weiter in den mittlerweile obligatorischen Abschluss "Black Night", in dem sich Morse, der sonst an diesem Abend keinen wirklichen Solospot erhalten hat, daran versuchen und mit dem Publikum interagieren darf. Nachdem er Led Zeppelins "How Many More Times" angespielt hat, gibt er den Zuschauern eine Reihe von Melodien vor, die diese – quasi als großes Finale des Abends – lautstark nachsingen.

Nach beinahe zwei Stunden verabschieden sich Deep Purple von einem begeisterten Publikum in der Festhalle. Angesichts der Form und der Spielfreude, die die alten Herren dabei an den Tag gelegt haben, darf man weiterhin hoffen, dass dieser Auftritt – trotz des Tournamens – nicht ihr letztes Stelldichein in Deutschland gewesen ist. Zu wünschen wäre es Band wie Publikum, denn Deep Purple sind in noch viel zu guter musikalischer Verfassung, um den Bühnen der Welt bereits Lebewohl zu sagen.

Setlist

Time For Bedlam / Fireball / Bloodsucker / Strange Kind Of Woman / Johnny’s Band / Uncommon Man / The Surprising / Lazy / Birds Of Prey / Hell To Pay / Don Airey Keyboardsolo / Perfect Strangers / Space Truckin’ / Smoke On The Water // Hush / Roger Glover Bass-Solo / Black Night

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