Ziemlich genau 31 Jahr ist es her, als Deep Purple mit einem gewissen Richie Blackmore an der Gitarre, in der Maimarkthalle ihr vorletztes Deutschlandkonzert in der legendären MK II Besetzung gaben. Treffend zum 25-jährigen Bandjubiläum und der angespannten Beziehung der Musiker untereinander hieß die dazugehörige Platte damals "The Battle Rages On".
Wer alt genug ist, sich zu erinnern, sah eine Band, die sich auf der Bühne nichts mehr zu sagen hatte, aber immer noch aus der besonderen Spannung zwischen Ian Gillan und Richie Blackmore magische Momente erzeugen konnte. Letzterer zog die Konsequenzen und verließ mitten während der Tour in England die Band für immer.
Langsamer Abschied
Drei Gitarristen und einen neuen Keyboarder später sind Deep Purple eine andere Band, die sich mit zahlreichen Studioalben seit 1996 soundtechnisch geöffnet hat und über ein treues Stammpublikum verfügt.
Trotzdem haben sich Gründungsmitglied Ian Paice (76) am Schlagzeug, Roger Glover (78) am Bass sowie Gallionsfigur und ewiger Blackmore-Rivale Ian Gillan (79) am Mikrofon entschlossen, die Rock-Institution Deep Purple unter dem Motto "1 More Time" langsam live ausklingen zu lassen.
Livetermine sind allerdings noch bis 2026 gebucht. Es ist ein Abschied auf Raten, wie er bei den alten Rockhelden der 70s nun immer öfters zu beobachten ist.
Legenden als Support
So ist es kein geringerer Act als die amerikanische Legende Jefferson Starship, die den Abend eröffnet und in rustikaler Weise alle Hits der Band aus ihren verschiedenen Namensphasen der 60s bis 80s vorträgt.
Allerdings sind Grace Slick und Mickey Thomas am Mikrofon genauso wenig ersetzbar, wie der verstorbene Paul Kantner als Kopf der Ur-Band und Woodstock Legende. Trotzdem ernten die Amerikaner mehr als wohlwollende Publikumsreaktionen für "We Built This City", "Sara" oder "Somebody To Love". Diese Hits kennt jeder in der Halle.
The New Boy
Nach dem spannungsgeladenen Intro "Mars, the Bringer of War" von Gustav Holst steigen Deep Purple mit dem Klassiker "Highway Star" gewohnt mit Vollgas in Ihr Set ein. Alles scheint so wie immer zu sein bis auf die Besetzung der Gitarre.
Der 45-jährige Simon McBride ersetzt Steve Morse, der sich um seine schwer erkrankte Frau kümmern muss, was McBride auch schon vor 2022 gelegentlich tat. Sein forsches und bluesiges Spiel setzt erfrischende neue Akzente bei Purple.
Viele Songs vom neuen Album
Nicht weniger als sechs Stücke des neuen Albums finden daher auch den Weg in das aktuelle Liverepertoire der Band. Ein Rekord. Besonders das quirlige "Portable Door", mit dem sich Ian Gillan als Junge, wie er dem Publikum erzählt, in eine andere Welt versetzen konnte und "Bleeding Obvious", das mit seinem melodischen Break an Gillans Musicalvergangenheit erinnert, überzeugen an diesem Abend.
Hier merkt man besonders die Handschrift von Produzenten-Legende Bob Ezrin, der Purple seit einigen Jahren im Studio betreut und auch bei den Songs mitkomponiert. "Lazy Sod" wiederum klingt leichtfüßig und cool wie lange nicht mehr. McBride verlangt den älteren Herren dabei alles ab. Auf den großen Leinwänden in der Halle sieht man neben Videos zu den neuen Songs, auch die Musiker und farbenfrohe Projektionen mit Vintage-Anleihen, die bestens zur Veranstaltung passen.
Die Chemie von Deep Purple
Den Ruhm der fast 57-jährigen Bandgeschichte erarbeitete sich Deep Purple durch die facettenreiche Interaktion aller Musiker der jeweiligen Besetzung. Egal ob sich einst Richie Blackmores Fender Stratocaster mit John Lords Hammond oder Ian Gillans Gesang giftig duellierte oder David Coverdale und Glen Hughes mehrstimmig "Burn" intonierten: man hatte immer große Könner an Bord.
Heute pumpt Roger Glovers Bass immer noch unnachlässig Öl in den Maschinenraum und Ian Paice funktioniert dazu wie ein präzises Uhrwerk am Schlagzeug. Die genredefinierenden 70s Alben "In Rock" und "Machine Head" sind dabei live nach wie vor omnipräsent. Besonders viel Raum erhält an diesem Abend Don Airey, der sich mehrmals als Virtuose an den Tasten auszeichnen kann. Ausgesprochen gut bei den Fans kommen die Verneigung vor dem 2012 verstorbenen Gründungsmitglied John Lord "Uncommon Man" und das epische "Lazy" an.
Der ewige Frontman
"Into The Fire" sang Ian Gillan als Mittzwanziger als ginge um sein Leben. Der Song wird in Mannheim frenetisch gefeiert, aber natürlich kann der fast 80-Jährige diese Urgewalt nicht mehr entfesseln. Seine alten Skills funktionieren, in modifizierter Form, beim Schlachtross "Space Truckin‘" oder der groovigen Hippie-Zugabe "Hush" besser.
Trotzdem wirkt er im Gesamt-Sound mit der Band teilweise zu leise und singt mit sichtbarer Anstrengung dagegen an. Ian Gillan ist ansonsten jedoch die Entspanntheit in Person. Der ergraute Schlacks strahlt eine Alterswürde aus, die ihm bestens zu Gesicht steht.
Mehrmals gibt er dem Mannheimer Publikum den Tipp: "Take It Easy". Er bedankt sich und genießt nochmals die starke Reaktion des Publikums in der SAP Arena; saugt sie förmlich in sich ein. Ein wenig wirkt es schon wie einen Abschied
Highlights
Stimmlich hat Ian Gillan seinen besten Moment im ruhigsten Song des Abends. "When A Blind Man Cries" singt er so zurückgenommen und authentisch, man kauft ihm jedes Wort ab. Ein "Child In Time" erwartet heute niemand mehr vom Sänger von Deep Purple.
"Smoke On the Water" ist auch an diesem Abend nicht totzukriegen und Gillan lässt die ganze Halle mitsingen. "Anya" vom eingangs erwähnten "The Battle Rages On"-Album ist eine Überraschung auf dieser Tour und kommt wuchtig über die Bretter. Die Single war 1993 eine letzte Großtat mit Blackmore an Bord, dessen Name in den Fluren der Arena nach dem Konzert immer noch häufiger geflüstert wird, als man denken möchte.
In die schwarze Nacht
Deep Purple präsentieren sich ohne Blackmores Eskapaden im Jahr 2024 eine tiefenentspannte Band, ohne Grabenkämpfe, die sich nichts mehr beweisen muss und den Abend in der sehr gut gefüllten SAP Arena auch zum Schluss sichtlich genießt.
"Black Night", eine Single, welche die Band 1970 auf Druck der Plattenfirma als "Hit" liefern musste, funktioniert prächtig als Rausschmeißer und die Band läuft nochmal auf 12 Zylindern. Wenn es ein Ende war, dann war es versöhnlich, erwachsen und würdevoll.
Setlist
Highway Star/ A Bit On The Side / Into The Fire / Uncommon Man / Lazy Sod / Now You’re Talkin‘ / Lazy / When a Blind Man Cries / Portable Door / Anya / Keyboard Solo / Bleeding Obvious / Space Truckin‘ / Smoke On The Water / Old-Fangled Thing / Hush / Black Night









