Die Sterne (2017)

Die Sterne (2017) © Robin Hirsch

Ein Vierteljahrhundert ist ein stolzes Alter für eine Band, da kann man ruhig mal feiern. Dachten sich auch Die Sterne, ließen musikalische Freunde ein Cover-Album der eigenen Songs aufnehmen und nutzen dies als Aufhänger, um mal wieder auf Tour zu gehen. Auch in Heidelberg machten die Diskurspopper Halt.

In Zeiten von Fake News und Postfaktualität ist es als Journalist wichtig, der Leserschaft seine Standpunkte und Methoden offenzulegen. Ich bin Jahrgang 1990 und damit immerhin ganze zwei Jahre älter als Die Sterne. Meine ersten Berührungspunkte mit der Band hatte ich im Programm von 1live, vermutlich mit "Big in Berlin". Glaube ich.

Wirklich zu der Musik gefunden habe ich erst in meinem Studium, was auch irgendwie bezeichnend ist. Und nun also den Bericht schreiben. Ich stehe in der halle02 in Heidelberg zwischen lauter Leuten, die mit dieser Musik aufgewachsen sind, zumindest ist das mein Eindruck. Eigentlich kann ich mich nur blamieren. Das nennt man wohl Berufsrisiko.

"Deutsche Waffen töten immer noch am besten"

Der Club der halle02 ist nicht ausverkauft, aber angenehm gefüllt. Es dauert nicht lange bis Nicolas Sturm mitsamt Band auf der Bühne steht. "Wir sind heute die Anheizer." Das scheint auch von Anfang an zu funktionieren. Das Publikum wahrt Anstand und verkriecht sich nicht an der Wand, sondern schenkt der Band seine Aufmerksamkeit.

Nicolas Sturm hat den Sound der deutschen 90er offensichtlich mit den ganz großen Löffeln gegessen, was aber nicht negativ aufgenommen werden soll. Mit luftig-leichten Pop-Akkorden bringt er die anwesenden Kniegelenke zum Wippen. Und auch textlich kann man dem Anheizer nichts vorwerfen. Besonders "Im Land der Frühaufsteher" glänzt mit einem Kontrast aus unaufgeregtem Pop-Fundament und textlicher Auseinandersetzung mit dem aktuellen Zustand der deutschen Gesellschaft.

Keine Hektik

Der Auftritt von Nicolas Sturm dauert gut eine halbe Stunde. Nach einer kurzen Umbaupause betreten Die Sterne die Bühne. Live-Unterstützung an den Tasten erhält die Band um Frank Spilker von Dyan Valdes, die mit ihrer Band The Blood Arm auch eines der Coverlieder auf dem Jubiläumsalbum beitrug.

"Diesmal spielen wir nicht im Karlstorbahnhof. Schön, dass ihr trotzdem hergefunden habt", begrüßt Spilker das Publikum. Zustimmendes Raunen. Es müssen noch einige Feinjustierungen am Schlagzeug unternommen werden, also unterhält der Frontmann die Anwesenden noch eine Weile alleine. Dann aber geht es los.

Covern gegen Deutschland

Die Band ist gut eingespielt, die Technik eingepegelt. "Den ersten Song des Abends haben Egotronic gecovert. Scheiss auf deutsche Texte". In Anbetracht meiner weitläufigen Unkenntnis des Stern’schen Werks kann ich ab dieser Stelle nicht allzu viel über die Setlist schreiben. Sei es drum, Spaß macht es allemal. Die Sterne spielen sicher, ohne unangenehm routiniert zu wirken. Und vor allem ist die ganze Schose tanzbar und ungezwungen ohne Ende.

"Ja, pustet ruhig kalte Luft auf die Bühne, damit die Krüppel sich mal bewegen", kommentiert Spilker die Belüftung im Saal. Generell verfügt der Mann über eine Ausstrahlung und Schlagfertigkeit, die mich in Anbetracht von 25 Jahren Bandgeschichte eigentlich nicht überraschen sollte.

Das war fast ein Zitat von Peter Hein

Der ganze Abend ist geprägt von einem lockeren Umgang mit dem Publikum, der zu keinem Moment aufgesetzt wirkt. So etwa, als zur Ansage von "Nach Fest kommt lose", das auf dem Jubiläumsalbum von Fehlfarben gecovert wurde, Unklarheit ob des Werdegangs von Peter Hein herrscht. Schlagzeuger Christoph Leich, der offenbar kein eigenes Mikrofon bekommen hat, kommt zur Hilfe. Erst Fehlfarben, dann Family 5, wird man sich schließlich einig.

Die Sterne spielen ihre Lieder größtenteils in der ursprünglichen Version, Spilker weist aber immer darauf hin, wer das entsprechende Cover zu verantworten hat. Überhaupt sei die ganze Tour auch als Dank an alle Mitwirkenden, wie etwa Nicolas Sturm, zu sehen. "Stell die Verbindung her" spielen sie dann aber doch in der Cover-Version, wie Mint Mind sie produziert haben. Funktioniert auch.

"Wo ist der Logikfehler?"

Zum krönenden Abschluss des Hauptteils erklingt dann – wie sollte es anders sein – "Was hat dich bloß so ruiniert". Hier bin sogar ich textsicher und singe fleißig mit. Applaus. Die Band verlässt die Bühne. Es gibt aber natürlich eine Zugabe. In der Leistungsgesellschaft muss man auch nach 25 Jahren noch liefern.

Die Band kramt einen ihrer ältesten Songs aus, der aber erst vor kurzem veröffentlicht wurde: "Sturm über der Hallig". Dazu gibt es eine Quizfrage mit Verlosung, die an dieser Stelle aber aus Gründen der Fairness verschwiegen werden soll. Die Tour läuft schließlich noch.

Bei zehn erst K.O.

Die Zugabe endet mit "Fickt das System" inklusive verlängerter Akkordschleife zum extra langen Mittanzen am Ende. Es macht einfach Spaß. Dann aber ist Zapfenstreich, täusche ich mich. Auf dem Weg zur Garderobe erklingen noch einmal Stimmen aus dem Club. Schnell zurück, mitnehmen was geht.

Als wirklich letztes Lied geben Die Sterne gemeinsam mit Dyan Valdes "Bis neun bist du O.K." in einer fast-Acapella-Version zum Besten. Gut fünf Minuten wird sich gemeinsam mit dem Publikum in einer unendlich anmutenden Schleife in den Abend gesungen. Dann ist das Konzert nach insgesamt knapp zweieinhalb Stunden wirklich vorbei.

Ich gehe nach Hause und fühle mich wie ein SPEX-Heft. Die 90er-Jahre mag ich mit Klötzchen bauen und Grundschuldiktaten verbracht haben, doch an diesem Abend konnte ich Einblick in eine alternative Jugend gewinnen. Aber man ist nun mal Kind seiner Zeit.

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