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Swans (live in Wiesbaden, 2016) © Johannes Rehorst

Das letzte Mal Swans, wie wir sie kennen: Die Band zieht erneut alle Register. Das einzige, worin sie sich nicht mehr selbst übertrumpfen können, ist die Lautstärke.

Nachdem Swans-Mastermind Michael Gira die Band 2010 mit "My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky" wiedervereinigte, trägt er sie nun, 6 Jahre und 3 Doppelalben später, wieder zu Grabe. Zumindest in ihrer momentanen "Inkarnation" soll die Band nie wieder auf der Bühne stehen.

Witch-Hauss

Vor dem Auftritt im Wiesbadener Schlachthof steht also vor allem eine Frage im Raum: Wie sieht der würdige Karriereabschluss einer Band aus, die seit ihrer Wiedererweckung dafür bekannt ist, zwischen zwei- und dreieinhalb Stunden zu spielen und bei der Provokation und Konfrontation seit jeher auf dem Programm stand?

Bevor diese Frage geklärt werden kann, eröffnet erst einmal die schwedische Organistin und Sängerin Anna von Hausswolff den Abend. Von Keyboard, Gitarre und gelegentlichen Drums begleitet, steht vor allem die leicht hexenartige, vielleicht mit Kate Bush zu vergleichende Stimme von Hausswolffs im Vordergrund. In Kombination mit der dröhnenden, ätherischen Instrumentierung gelingt es der Gruppe mühelos, eine ganz eigene, entrückte Stimmung zu erschaffen.

Setting the Scene

Zeigen schon die Songs in der ersten Hälfte des Sets deutlich mehr Zähne als auf dem Album, wird die zweite Hälfte mit Begleitung vom Lap Steel-Spieler der Swans, Christoph Hahn, zu einem wahren Noise-Spektakel. Hausswolff und Band geben hier alles, um die Drones von am Anfang in immer fremdartigere, bedrohlichere Sphären zu heben.

In Kombination mit den schrillen Vocals gelangt der Auftritt zu einem unerwartet eindringlichen Crescendo, das noch für einige Minuten nachhallt, bevor die Band schließlich die Bühne verlässt. Dieser Nachhall ist die perfekte Überleitung für das, was Swans nach nur kurzer Umbaupause zelebrieren werden. 

In the belly of a whale

Noch während sich die Band zu den Klängen eines Tape-Intros (Terry Riley?) vorbereitet, fällt die Abwesenheit von Percussionist und T-Shirt-Verächter Thor Harris auf. An seiner Stelle findet sich Keyboarder Paul Wallfisch – hinsichtlich der auffälligen Dominanz von Tasteninstrumenten auf dem letzten Album "The Glowing Man" ein durchaus logischer Schritt.

Es ist auch Wallfisch, der mit einem anhaltenden Ton und einer sich langsam dazu entwickelnden Keyboard-Melodie das Set eröffnet. Sein an Sun Ra und vor allem Alice Coltrane erinnernder, virtuoser Spielstil dominiert für einige Minuten den Song, bevor sich in langsamem Auf und Ab weitere Instrumente hinzugesellen. 

Giracracy

Im Verlauf des über 40-minütigen "Intros" zeigt sich, dass Gira nach wie vor der Kopf der Band ist. Alles hört auf sein Kommando, interpretiert seine zwischen Ekstase und Ausdruckstanz schwankenden Gesten. Zwar bleiben den einzelnen Musikern viele Leerstellen, die sie nach eigener Fasson füllen "dürfen", doch die Dynamik, den Verlauf des Songs steuert ausschließlich Michael Gira. Das führt dazu, dass er sogar dem Bassisten zwischendurch in die Saiten greift, weil dieser zu früh aufgehört hat zu spielen.

Der improvisatorische Ansatz, die Möglichkeit, die Songs mit jedem Auftritt neu zu gestalten war stets eines der vorrangigen Merkmale dieser Band. Und doch ist die Virtuosität, mit der die Beteiligten zusammenspielen, mit der die verschiedenen Sounds, Rhythmen und Ideen ineinandergreifen, jedes Mal aufs Neue beeindruckend.

Easy Listening?

So frei wie während des ersten Songs, der souverän in ein bombastisches Finale geführt wird, geht es jedoch erstaunlicherweise nicht weiter. Auch wenn die Gestaltung der einzelnen Songs nach wie vor die Tendenz zur Improvisation zeigt, zeigen sich Swans zumindest strukturell ungewohnt nah am Album. 

Das ist allerdings mitnichten etwas Negatives, im Gegenteil: Indem sie die Songstrukturen der einigermaßen kompakten Aufnahmen übernehmen, schafft die Band es, eine gute Portion zugänglicher zu sein als z.B. zu "The Seer"-Zeiten. Zwar ist die Tendenz zur Repetition nicht verschwunden, doch sind die Songs leichter, greifbarer geworden. Paradoxerweise klingen Swans nun freier und unbeschwerter als zuvor.

Tanzbare Katharsis

Die Konfrontation der früheren Alben ist einem diffusen, spirituellen Gefühl gewichen, dass das Publikum schnell packt und nicht mehr loslässt. Man muss kein Avantgarde-Liebhaber sein, um von dem ganz eigenen Songwriting eingenommen zu werden. Auf ihrer letzten Tour sind Swans tatsächlich ergreifender denn je, lassen den Zuschauer ihre Musik mit einer Intensität erleben, wie es wenige andere Bands schaffen.

So gibt es dann auch spätestens beim Finale "The Glowing Man" kein Halten mehr: Nach einem charakteristisch-ausladenden Spannungsaufbau entlädt sich der Song in einem gut 20minütigen Finale, dessen so repetitiver wie tanzbarer Groove fast Niemanden mehr stillstehen lässt.  

When will they return?

Ob es für das kathartische Gefühl, das nach dem Auftritt vorherrscht, einer solchen Lautstärke bedarf, ist natürlich fraglich – dass sie hilft, ist allerdings schwer zu bestreiten. Die Resonanz der Instrumente, die von allen Punkten des Schlachthofs zugleich widerzuhallen scheinen, trägt auf jeden Fall zur Wirkung, die Swans auf die Leiber des Publikums haben, bei. Das Klingeln in den Ohren erinnert immerhin daran, dass das, was gerade auf der Bühne passiert ist, keine Einbildung war.

Der frenetische Applaus, der auf das Ende von "The Glowing Man" folgt, fühlt sich an wie ein langsames Erwachen nach einem quasi-transzendentalen Erlebnis. Die Antwort auf die Frage, wie denn ein würdiges letztes Konzert dieser Band aussehen müsste, fällt erstaunlich leicht: "Genau so."

Doch ist das auch schon fast wieder egal, denn die wirklich brennende Frage nach diesem Konzert ist die, wer das riesige Loch, das Swans hinterlassen, füllen soll. 

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