Die Berliner Band ist seit ihrer Gründung in den 80ern berüchtigt, Klang und Raum in einer intensiven, oft erschütternden Symbiose zu vereinen, auch und gerade mit Mitteln fernab herkömmlicher Instrumente. Schlagbohrer und Betonmischer waren in ihren Anfangstagen wesentlicher Bestandteil der umfangreichen Bühnenrequisiten.
Archaische Energie
Vor diesem Hintergrund geht es vergleichsweise seit längerem überschaubarer zur Sache, aber keinesfalls weniger ausgefallen. Bassist Alexander Hacke setzt beim eröffnenden "Pestalozzi" einen Vibrator am Bass an, als stecke in jedem Geräusch eine archaische Energie, die die Grenzen des Musikalischen herausfordert.
Er hält damit nicht selten das einzige echte Melodieinstrument in der Hand, dienen Keyboards und Gitarre doch häufig als Klangteppiche. Der Rest ist Percussion. Und was für eine: Kanister, Blech und Einkaufwagen. Plastikrohre, Schläuche und Stahlverdrahtungen, an denen sich N.U. Unruh und Rudolf Moser wechselseitig abarbeiten.
Litanei und Klanglandschaft
Im Zentrum stehen dabei die Stücke des aktuellen Doppelalbums "Rampen (AMP: Alien Pop Music)" und des Vorgängers "Alles in Allem" – die Berlin-Platte der Band. "Wedding" und "Grazer Damm" sind schon zu Beginn zwei ausgemachte Highlights einer Performance, in der vertraute Instrumente und improvisierte Objekte miteinander verschmelzen.
Blixa Bargelds Stimme schwebt dabei als markanter Kontrapunkt über diesen Klanglandschaften, mal flüsternd, mal klagend, dann wieder eruptiv und wild, wie ein Priester, der eine apokalyptische Litanei anstimmt.
Alte Batschkapp, neue Batschkapp
Das leidige daran ist, wie wenig das Publikum mit der Dynamik umzugehen weiß und gerade in den hinteren Reihen die leiseren Passagen zerredet. Das wird auch mancher Ansage zum Verhängnis. Bargeld, der Glitzer ums Auge trägt, spricht so wie er singt: Bedacht, ruhig und pointiert. Nicht alles dringt bis zur Theke durch.
Dass sich die Band jedoch verfahren hat und am ehemaligen Standort der Batschkapp vorfuhr, erreicht trotzdem nahezu alle. "Umgezogen, vor elf Jahren. Ja, wir waren lange nicht in Frankfurt", flachst der Dirigent seiner sechsköpfigen Band, der wie seine Kollegen eine vornehme Bühnenfigur abgibt, die keinesfalls so anarchisch wirkt, wie die Platten ihrer Anfangsphase vermuten ließen.
"Befindlichkeit des Landes"
Gemessen an dem, was mit ihren Frühwerken an Tohuwabohu und Radau möglich wäre, geben sich die Einstürzende Neubauten überaus zivilisiert. Ganz dem Duktus der Alben diesseits des Jahrtausends entsprechend.
Älter als "Silence Is Sexy" von 2000 wird es dann auch nicht. Bei "Sabrina" wird zunächst die Bühne in tiefrotes Licht getaucht, dann geben "Befindlichkeit des Landes" und "Sonnenbarke" zumindest eine vage Vorstellung davon, wie es sein könnte, wenn die Neubauten rund um ihr Debüt frei drehen würden. Und das ist nahezu genial.
Chaos und Struktur
Dieser orchestrierte Krach, hinter dem ein tiefes Gespür für Struktur, für eine innere Logik steckt, die sich erst im Zusammenspiel von Chaos und Ordnung entfaltet, markiert den stärksten Teil des Abends.
Hier lösen sich die Grenzen zwischen Kunst und Musik, wenn sich die Zuhörer*innen in einem Labyrinth aus Geräuschen und Rhythmen verlieren. Dass die Bühne dabei ausgeleuchtet ist, wie ein Theater, scheint miteinkalkuliert. Schließlich gibt es hier Musik zu Schauen.
"Ja, dit war jut, oder?" laudatiert Bargeld sich dann selbst, nach diesem Dreiklang. "Dit war jut" schallt es aus dem Publikum zurück.
Persönlicher Moment
Während zwei Stagehands alle Hände voll zu haben, um den wechselnden Anforderungen ans Schlagwerk gerecht zu werden, erwähnt Bargeld seinen sechzehnjährigen Nachwuchs und damit verbunden, die Transgender-Debatte: "Geboren ist sie als meine Tochter. Aber jetzt ist sie mein Sohn", sagt er.
Es ist der persönlichste Moment des Abends, und während der Grad des Respekts für diese Einstellung sich noch sukzessive durch die Bierbecher nach oben drück, ist die Band bereits bei den Qualen des Krieges angekommen.
Lyrische Hörspielplatten
Mit "How Did I Die" von ihrem Konzeptalbum "Lament" über den 1. Weltkrieg schließt sie das reguläre Set, nicht ohne nochmals Kunststoffröhren für die Perkussionisten ausgetauscht zu haben. Die Katharsis aus Unerhörtem und Ungehörtem hat da kaum noch Luft nach oben. Fünf Zugaben später heißt es in "Susej" dann auch: "Lass uns nach Hause gehen, let us go home."
Nach Hause gehen mit dieser wunderbaren Grenzerfahrung, diesem Live-Auftritt aus aufgeladenem Ritual, einer Mischung aus industrieller Klanggewalt, urbanem Lärm und poetischer Düsternis. Dieses Neubauten-Konzert war die Gelegenheit, in ihr Panoptikum an lyrischen (Hörspiel)-Platten tatsächlich einmal bildlich hieinzuschauen.




