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Mando Diao (live bei Rock am Ring, 2014) © Tom Teubner

Schon seit dem Beginn ihrer Karriere sahen sich Mando Diao mit dem Vorwurf konfrontiert, ihre Musik sei im Grunde nur der Mainstream-Wolf im Indie-Schafspelz. Inzwischen hat die Band ein weiteres Album draußen und einen verheerenden Imagewechsel hinter sich, der als oberpeinliches Spektakel in der Zitadelle Spandau anschaulich wurde.

Ein Klischee besagt, dass in Schweden angeblich nur überdurchschnittlich attraktive Menschen herumlaufen. Das mag auch den Erfolg des Stockholmer Modelabels Cheap Monday erklären, in dessen Skinny-Jeans sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts überall auf der Welt Menschen hineinpressen – in der Hoffnung, der schwedische Sexappeal möge ein wenig auf seine Träger abfärben.

Ein anderes Klischee besagt, dass die schwedische Band Mando Diao das Schwergewicht des Indie-Mainstreams sei. Blutjunge Girlies mit Stirnbändern und ebenjenen Skinny-Jeans, sogenannte "Mando Diao-Mädchen", umjubelten seit Mitte der 2000er die Gitarre spielenden Hünen aus dem Norden und sorgten für die schmerzliche Erkenntnis, dass prinzipiell jede Subkultur groupieanfällig ist. Doch Zeiten ändern sich. Allerdings nicht immer zum Besseren.

Mittvierziger statt Groupie-Girls

Knapp zehn Jahre später sieht die Fanbase der Schwedenrocker ein bisschen anders aus: Auf dem Gelände der Zitadelle Spandau tummeln sich am Abend ihres Auftritts vorwiegend Menschen älteren Semesters. Nach Mando Diao-Mädchen sucht man hier vergeblich.

Nur ab und an huscht ein jüngeres Gesicht vorüber, während 40+-Pärchen sich erwartungsfroh aneinanderschmiegen oder alte Fußballkumpels sich mit Köstritzer aus dem Plastikbecher zuprosten. Eine Renaissancefestung mit wortwörtlichem Mittelalter-Feeling. Lediglich aus den nebenan aufgereihten Dixi-Klos strömt ein Hauch von Rock’n’Roll.

Nessi auf Facebook!

Das Vorprogramm bestreitet die Berliner Musikerin Nessi, die ihre Bekanntheit hauptsächlich einer Vegan-Kampagne für PETA und einem Allianz-Werbespot zur Versicherung von Musikinstrumenten zu verdanken hat. Nessi unterhält das Publikum mit etwas zu chartlastigen, wenngleich solide vorgetragenen Elektropopsongs. Hier und da ein bisschen schief, aber dennoch verzeihbar.

Dass sie zwischendurch gefühlte 50 Mal auf ihren bevorstehenden Auftritt bei Rock am Ring und ihre dringend benötigten Facebookfreunde hinweist, wirkt dagegen weniger sympathisch. Zum Abschluss gibt’s obendrauf noch ein Nessi-Foto mit ausgestreckten Armen vor einer jubelnden Fortysomething-Meute, das man inzwischen übrigens auch bei Facebook bewundern kann. Professionell geht anders.

Überirdisches Motto, unterirdischer Style

Allerdings ist in Sachen Performance-Peinlichkeiten das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht. Inzwischen bevölkern zahlreiche Roadies in weißen Raumfahrtanzügen die Bühne und errichten geometrische Figuren, um die rustikale Volksfest-Atmosphäre der Zitadelle mit ein bisschen Science-Fiction aufzupeppen.

Das Futurismus-Thema setzt sich fort, als Gustaf Norén schließlich mit Overall und wasserstoffblonden Haaren die Bühne betritt und wie ein Prophet einer Aliensekte verkündet: "We don’t want to live in this world anymore!". Anlass für diese messianische Ansprache ist übrigens, dass vor wenigen Monaten ein guter Freund der Band an Krebs verstorben ist. Der Auftaktsong "If I Don’t Have You" ist deshalb ihm gewidmet. Moment mal, in diesem R’n’B-Schmachtfetzen geht es doch offensichtlich um eine gescheiterte Liebesbeziehung? Naja, jeder trauert eben anders.

Space-Effekte und silberne Gitarren

Inzwischen hat sich auch Björn Dixgård dazugesellt und beweist mit schillerndem Goldkettchen vor der halbblanken Brust und einem Indiestirnband, mit dem er heute ziemlich allein dasteht, dass Bad Taste grenzenlos ist.

Silberne Gitarren fegen die eben noch zelebrierte Depristimmung mit "God Knows" von der Bühne und versetzen das hier anwesende Publikum in Wallung, das sich offenbar nicht an den dazu gemogelten Space-Effekten im Hintergrund stört. Kein Zweifel, das neue Image von Mando Diao ist bis ins letzte Detail durchdacht. Trotzdem stimmt es vorne und hinten nicht.      

Ein Song für die Ladies

Der Eindruck von einer in die Jahre gekommenen 90s-Boyband setzt sich fort, als Björn Dixgård für "Sweet Wet Dreams" die spanische Gitarre hervorkramt und "Women are the saviours of the world" ins Mikro säuselt. Das kann doch nicht euer Ernst sein! "Mon Amour, mon Amour", haucht Gustav Norén lasziv hinterher. Oh doch, sie meinen es ernst.

"Long Before Rock’n’Roll" bringt kurzzeitig ein bisschen alten Indieglamour zurück, täuscht jedoch auch nicht über den Umstand hinweg, dass die Zeit, als diese Band zumindest noch ansatzweise cool war, ebenfalls schon sehr lange zurückliegt.   

Was macht dieser Rastafara da nur?

Mando Diao verfallen nun vollends in den Ballermann-Modus und beschwören unaufhörlich neue Gefühle der Fremdscham herauf. Inzwischen hüpft Gustaf Norén mit freiem Oberkörper über die Bühne, während Björn Dixgård wie ein All-Inclusive-Animateur "Shake that Body!" ins Mikro krakeelt, als die ersten Riffs von "Down in the Past" erklingen.

Gekrönt wird das Ganze von dem plötzlichen Auftritt eines Rastafaras namens Mr. Natty Silver, dessen einzige Funktion offenbar ist, mithilfe eines kleinen Jamaika-Fähnchens das Publikum zum Klatschen und Winken aufzufordern. Der Höhepunkt einer sich stetig potenzierenden Konzert-Farce.

Gnadenschuss nach zwei Zugaben

Gustaf Noréns Worte "Im gonna stand here and sing till I die, motherfuckers!", klingen da wie eine regelrechte Drohung. Ganz so lange muss man dann aber doch nicht ausharren, denn zum Glück hat auch dieses Konzert nach zwei quälenden Zugaben mal ein Ende.

Mando Diao beschließen ihre Show mit ihrer neuen Single "Black Saturday" und posieren zum Abschied wie goldene Götter im Scheinwerferlicht. Die Mittvierziger-Partypeople freuen sich. Der Rest denkt sich: Ein schwarzer Mittwoch in Schwedens Musikgeschichte.         

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