Alex Turner von den Arctic Monkeys: sexy and he knows it

Alex Turner von den Arctic Monkeys: sexy and he knows it © Achim Casper

Ein neues Album, ein neuer Look und eine gerade noch überstandene Kehlkopfentzündung schwebten über dem Auftritt der Arctic Monkeys in Berlin. Am Ende des Abends stand fest, dass neben Alex Turners optischer Transformation sich auch musikalisch einiges verändert hat.

Da hatten die Berliner Arctic Monkeys Fans nochmal Glück: Nachdem die Band binnen der letzten Tage ihre Shows in Birmingham, Glasgow und Offenbach canceln musste, weil Alex Turner unter einer schweren Kehlkopfentzündung litt, war das Warten auf ihren Auftritt am 5. November in der Columbiahalle eine einzige Zitterpartie.

Geklappt hat es dann doch noch. Und Turner, der inzwischen wieder genesen und bühnenfit scheint, präsentierte nicht nur stilsicher ein paar Songs vom neuen Album AM, sondern gleich mal sein neues Alter Ego.

Gekonnter Retrorock: The Strypes

Bevor der Arctic Monkeys-Sänger mitsamt seiner Gefolgschaft die Bühne betrat, waren aber erstmal The Strypes dran – vier blutjunge Knaben aus Irland, die im einst von den Beatles salonfähig gemachten Bühnensakko so ziemlich die gesamte Retrorock-Bandbreite rauf und runter spielten.

Mit Erfolg: Die Gitarre von Chuck Berry, die Mundharmonika von den Doors und ein Pelle Almqvist entlehnter Performancegestus, bei dem die hübschen Sakkos allerdings knitterfrei blieben, fügten sich tadellos zu einem Rock‘n‘Roll–Blues–Garage–Mashup ineinander.

Warum Frontmann Ross Farrelly dabei in der stockdunklen Columbiahalle eine Sonnenbrille tragen musste, weiß zwar keiner so genau, aber zumindest sah es cool aus.    

Turners neues Alter Ego

Als um 21.15 Uhr dann zum Mainact-Auftakt das prägnante Riff von Do I Wanna Know durch den Saal hallte, gesellte sich zu der Sorge um Turners stimmliches Durchhaltevermögen aber auch noch eine andere Frage: Wer ist dieser Typ, der mit Rockabilly-Tolle, glitzernder Gürtelschnalle und einem schwarz-weiß abgesetzten Countryhemd so aussieht, als käme er soeben von einer Runde Black Jack in Las Vegas?

Das ist der neue Alex Turner. Der alte Alex, der lieber enge Poloshirts trug und sich die Gitarre bis unter die Achseln zurrte, ist ein für allemal weg. Doch nicht nur Turners Optik hat sich gewandelt, auch der Sound der Band hat sich seit ihrem Durchbruchsjahr 2006 stark verändert.

Poppiger, weniger krachig-progressiv und damit leider auch kommerziell gefälliger. Selbst alte Songs wie Dancing Shoes, Brianstorm oder Teddy Picker, einst rotzig-adoleszent für frühere Alben eingesungen, klingen hier und heute zuweilen ein bisschen glattgebügelt.

Von wegen scheu und introvertiert

Handwerklich bleibt dabei nicht viel zu beanstanden. Turner scheint bei einigen Passagen gesanglich ein klein wenig hinterherzuhinken, doch seine Stimme macht abgesehen von einem zarten Hüsteln alles mit.

Von der früheren Scheu und Introvertiertheit, einst das Markenzeichen des Sängers, ist inzwischen nichts mehr zu spüren. "Ihr seid schon ein echt gutaussehendes Publikum", säuselt er zwischen den Songs ins Mikro. Beim Spielen verlässt er sich lieber auf einen I’m-sexy-and-I-know-it-Hüftschwung à la Jarvis Cocker, der hier allerdings nicht ganz so ironisch rüberkommt.

Verlorene Unschuld

Die Arctic Monkeys entscheiden sich mit I Wanna Be Yours für einen ersten Abgang ohne großen Knall, kehren allerdings nach gefühlten 20 Zugabewehen wieder auf die Bühne zurück, um sich mit Snap Out of It, Mardy Bum und R U Mine? standesgemäß zu verabschieden.

"Alex Turner ist jetzt ein Mann, aber früher hat mir die Band einfach besser gefallen", resümiert eine Zuschauerin im Gedränge auf dem Weg zum Ausgang. Vorbei sind die Zeiten von schrammeligen Gitarrensounds, Polohemden und jugendlicher Leichtigkeit.

Turner, der als gefeiertes Songwritertalent im britischen Indiekosmos gilt, hat sich neu erfunden und gezähmt. Der schwarze Kamm, den er zwischen den Songs immer wieder durch seine Tolle zieht, ist hierfür das passende Sinnbild. 

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