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Sänger Matt Berninger wirkt wie der Galerist von The National. © Julian Reinecke

Ob Kritiker, Fans oder US-Präsident Barack Obama – die US-Band The National scheinen derzeit alle zu lieben. Und in der Tat: Das aktuelles Album "Trouble Will Find Me" gilt zurecht als einer der besten Alben des Jahres 2013. Die Folge: Lange als Geheimtipp die Clubs bespielend, erorbern The National nun die ganz großen Bühnen. Dass das nicht immer eine gute Entscheidung ist, zeigte sich in Berlin.

Mehrzweckhallen sind zum Verzweifeln. Als monströse Ungetüme markieren sie ihr Revier inmitten des lebendigen Treibens ihrer Umgebung und erscheinen als leblose Betonklötze so trostlos und einsam, wie sonst nur Brachlandschaften.

Wenn zu Konzerten dann gelegentlich der leere Bauch gefüllt wird, bedanken sie sich zwar meist mit großen Musikstars. Doch die Fähigkeit, den Zuschauern die intime Emotionen ihrer Stargäste zu vermitteln, besitzen die Betonriesen zumeist nicht.

Max-Schmeling-Halle, ein lebloser Betonklotz

Die Max-Schmeling-Halle in Berlin ist solch ein Fall, zum Leidwesen von The National, den Zuschauern und der Konzertatmosphäre. Angesichts des intimen, zerbrechlichen, aber gleichzeitig auch so dynamischen Klangvolumens der Band fast ein Verbrechen.

Zu hoch ist die Hallendecke, zu riesig der Innenraum, zu "graceless" die Sitztribünen (Graceless ist im Übrigen einer der besten Songs von The National). Das Publikum wippt zwar leicht mit den Füßen, bewegt Kopf und Körper, doch der Funke will vorerst nicht überspringen.

Dabei geben sich The National Mühe und unterlegen fast jeden ihrer Songs mit farbigen Video-Collagen aus Kunstbildern, Wäremebildkamera-Aufnahmen des Live-Sets oder Archivaufnahmen.

Das im Song Afraid Of Everyone auf die gesamte Leinwand in Nahaufnahme projizierte Auge weckt klaustrophobische Geister, um nur ein Beispiel zu nennen.

Wie ein Galerist auf seiner eigenen Vernissage

Sänger Matt Berninger wirkt mit seinem Vollbart, seiner Designerbrille und seinem Anzug wie der Galerist dieser von der Band inszenierten Vernissage des bisherigen künstlerischen Schaffens.

Mit dem Mikrofon läuft er immer wieder von der einen auf die andere Seite der Bühne und scheint das Geschehen kontrollieren zu wollen.

Dann hält er aber in der Bühnenmitte inne, um mal zärtlich und zerbrechlich mit tiefer Bariton-Stimme trauererfüllte Töne anzustimmen, mal mit kraftvoller Wut lautstark den hineingefressenen Frust mit theatralischer den Kopf nach oben schnellender Verzweiflung herauszuschreien.

Plötzlich schmeißt er den Mikrofonständer auf den Bühnenboden und gönnt sich zur Beruhigung erstmal einen Schluck aus seinem Weinglas: ein Ritual, das der exzessive Wein-Liebhaber Berninger bis zum Ende des Konzerts mehrmals wiederholen wird.  

Die Flucht ins Publikum suchend

Schließlich gelingt der Kampf gegen die Halle dann doch, der Funke springt auf das Publikum über, denn plötzlich rauscht der Sänger in Windeseile durch die Zuschauermassen hindurch. Kurzes, ungläubiges und freudiges Erstaunen macht sich da breit.

Alles pünktlich zum dunklen Ober-Hit Fake Empire und noch vier weiteren Zugaben, darunter Mr. November. Dieser bedankt sich prompt draußen mit kaltnassem, leichtem Nieselregen.

Die Tristesse der Max-Schmeling-Halle passt doch irgendwie zur melancholischen Musik von The National.

Setliste The National

I Should Live in Salt | Don't Swallow the Cap | Secret Meeting | Bloodbuzz Ohio | Demons | Sea of Love | Slipped | Afraid of Everyone | Conversation 16 | Squalor Victoria | I Need My Girl | This Is the Last Time | Lucky You | Abel | Slow Show | Sorrow | England | Graceless | Fake Empire | Zugabe: Humiliation | Mr. November | Terrible Love | Pink Rabbits 

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