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Swans (live in Frankfurt/Main, 2013) © Johannes Rehorst

Im Eingangsbereich des Mousonturm warnen Zettel vor der Lautstärke des bevorstehenden Konzerts der Swans. Ohrenschutz gibt es kostenlos. Die Warnungen sind berechtigt: die Swans performen performen hier mit einer Urgewalt, die ebenso faszinierend wie unheimlich ist.

Es war klar, dass das Konzert der Swans im Frankfurter Mousonturm abartig laut werden würde, aber die brutale Dynamik der Musik bleibt dennoch nicht ohne Wirkung auf die Besucher. Nach dem Ende des eineinhalbstündigen Auftritts wirken manche so erschöpft, als hätten sie gerade einen Halbmarathon absolviert.

Ohrenschutz unverzichtbar

Selbst Besucher mit Swans T-Shirt suchen während des Konzerts Schutz im Foyer, gönnen sich Pausen, genehmigen sich ein Bier und diskutieren darüber, ob die Musik nicht leiser sein könnte. Ein Konzert der Swans ohne Ohrenschutz zu ertragen, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, jedenfalls wenn man in seinem Leben danach noch etwas hören möchte.

Umso unbegreiflicher ist es, dass ein Teil der Zuschauer auf diesen Schutz ebenso verzichtet wie Michael Gira, Sänger, Songwriter, Gitarrist und einziges dauerhaftes Mitglied der Band. Möglicherweise hört er tatsächlich kaum noch etwas, was sein Bedürfnis, den Regler weit über das gesunde Maß hinaus zu drehen, noch gesteigert hat.

Musik wie ein Naturereignis

In ihrer unmenschlichen Kraft erinnert die Musik der Swans eher an ein Naturereignis als etwas von Menschenhand geschaffenes. Sie besteht eigentlich nur aus Lautstärke und Rhythmen, die ebenso gewaltig und unbarmherzig sind wie die restlichen Instrumente, die ein gleichmäßiges Kontinuum aus purer Lautstärke erschaffen. Giras dünner, brüchiger Gesang vermag sich in diesem tosenden Meer kaum zu behaupten.

Bei aller Urgewalt ist die Musik der Swans bemerkenswert präzise und differenziert. Besonders erfurchtgebietend sind die Momente, wenn Schlagzeuger Phil Puelo und Thor Harris mit kräftigen Schlägen synchron auf ihr Drumkit einhämmern. Aber gerade Thor Harris spielt auch Musette, Posaune, Violine und Vibraphon, die jeweils als Loops im Hintergrund weiterlaufen, als weitere Bausteine im monumentalen Klanggebäude der Swans.

Der Gott der Lautstärke

Da die Musik der Swans nie zur Bewegung einlädt, verharrt das Publikum während des gesamten Konzerts in fast stoischer Haltung. Selten hat man so viele Männer im Alter zwischen 25 und 55 gesehen, die sich an Wände und Tribünen anlehnen. Es ist fast so, als suchten sie Halt, um nicht von dieser orkanartigen Lautstärke hinweggefegt zu werden.

Inmitten des Tosens besitzt das Konzert eine reinigende Wirkung in der Art, wie sie auch Feuer nachgesagt wird. Man fühlt sich ganz ausgeliefert, aber gleichzeitig abgeschottet von allen anderen Einflüssen. Die Musik der Swans exisitiert nicht in einer eigenen Welt, sie gestaltet sie selbst.

Anerkennung und Erleichterung

Bewegung existiert nur auf der Bühne: Michael Gira und seine Mannen, wippen auf der Bühne vor und zurück, als wollten sie den Rhythmus noch zusätzliche Wirkung verschaffen. Wenn Gira mit ausgebreiteten Armen hinter dem Mikro steht, sieht er aus, als rufe er den Gott der Lautstärke an, um ihn gnädig zu stimmen.

Nachdem die Swans ihre Show nach eineinhalb Stunden mit einem apokalyptischen Finale beenden, applaudiert dann auch das Publikum enthusiastisch, während Gira die Band vorstellt. Einerseits spricht daraus wirkliche Anerkennung für die kompromisslose künstlerische Vision des Michael Gira, andererseits aber auch Erleichterung, den Abend heil überstanden zu haben.

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