Auch Gleitschirmflieger sollten angesichts der Coronavirus-Pandemie Verzicht üben

Auch Gleitschirmflieger sollten angesichts der Coronavirus-Pandemie Verzicht üben © regioactive.de

Extremsportler sollten in der aktuellen Coronakrise Solidarität beweisen und auf die Ausübung ihres potentiell gefährlichen Sports verzichten. Dadurch entlasten sie das Gesundheitssystem, das mit der Corona-Pandemie vollständig ausgelastet ist.

Das Coronavirus greift immer schneller um sich. Die Zahlen der Infizierten steigen exponentiell und mit ihnen auch die Anzahl der Patienten, die intensive medizinische Betreuung benötigen. Krankenhäuser verschieben nicht lebensnotwendige OPs, um Betten für Corona Patienten vorhalten zu können.

Ein warnendes Beispiel

Was unser Gesundheitssystem aktuell nicht braucht, sind Patienten, die sich bei der Ausübung ihres Extremsports schwer verletzen und intensive medizinische Betreuung benötigen. Am Beispiel eines 50 Jahre alten Mannes, der am 15.3. bei Neuwied mit seinem Gleitschirm abstürzte und mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden musste, wird klar, welche Konsequenzen eine Startentscheidung in der aktuellen Situation mit sich bringt.

Das Unfallopfer bindet nicht nur Ressourcen, die in der aktuellen Lage an anderer Stelle gebraucht werden, sondern gefährdet auch sich selbst und andere, da Krankenhäuser bekanntlich die schnelle Verbreitung von Viren und Baktierien fördern können.  

Sie sollten es besser wissen

Wenn man bedenkt, dass diese Risiken in Zeiten in Kauf genommen werden, in denen über Ausgangssperren nachgedacht wird, Bundesländer zu Katastrophengebieten erklärt und viele Einrichtungen aus gutem Grund geschlossen werden, muss man sich der Frage auseinandersetzen, weshalb Mitmenschen derartige Entscheidungen treffen.

Es handelt sich nicht nur um ein paar wenige Sportler, denen das intellektuelle Rüstzeug für eine halbwegs objektive Einschätzung der Situation abhandengekommen ist, sondern teilweise um echte Szenegrößen, die ihrer Rolle als Meinungsführer, Influencer oder Multiplikator durchaus bewusst sein sollten.

Das Beispiel Wisnierska

Am Beispiel von Ewa Wisnierska, weltweit bekannte und angesehene ehemalige Wettkampfpilotin, zeigt die Hintergrunde des Entscheidungsprozesses, der dazu führt, dem egoistischen Trieb zu erliegen und der sportlichen Leidenschaft nachzugehen.

Wisnierska teilt das im Netz von vielen Seiten zurecht vehement kritisierte Interview eines angeblichen Experten zum Thema Corona-Pandemie, wodurch mehrere tausend Fans und Follower beflügelt werden, Warnungen und Empfehlungen seitens des Großteils der Wissenschaftler zu missachten.

Objektive Reaktionen mit Verweis auf die Zweifelhaftigkeit der Aussagen (beispielsweise auf der Korrektiv-Plattform Mimikama) scheinen bislang scheinen Auswirkungen auf die Verbreitung solcher Inhalte zu haben.

Uneinsichtige Vereine

Der unverantwortliche Umgang mit der Ausübung verletzungsintensiver Sportarten, spielt sich nicht nur auf der persönlichen Ebene ab. Auch einige Vereine ermutigen ihre Mitglieder, ihrem gewohnten Leben nachzugehen, um in Zeiten des Verzichts die eigene Normalität nicht aufgeben zu müssen. Die "Schwarzwälder Teufelsflieger“ weisen auf Vereinsseiten sogar noch ausdrücklich auf die Flugerlaubnis (sogar für Gastpiloten) hin: "Gästefliegen ist, wie für die Vereinsmitglieder auch, bis auf Weiteres gestattet."

Zwar werden auf gewisse Verhaltensregeln wie "Abstand halten" hingewiesen, das alleine kann jedoch keinen Flugunfall verhindern, der medizinische Kapazitäten binden würde. Umso problematischer wirken die relativierenden Worte von Ralf Baumann, des Vorstands der Schwarzwaldgeier Baden-Baden. Dieser erklärt, dass wir "in einer demokratischen Gesellschaft leben, in der es jedem selbst obliegt, wie er sich moralisch und ethisch entscheidet, solange dadurch kein Schaden für Dritte entsteht."

In der aktuellen Situation entsteht aber ein Schaden sobald ein Unfall wie der bereits erwähnte passiert. Da helfen auch keine Bitten wie "Fliegen gehen, wenn es risikofrei möglich ist und solange es gesetzlich erlaubt ist." Gleitschirmfliegen ist wie alle Extremsportarten niemals zu 100% risikofrei, was auch direkt eine aktuelle Aufnahme vom Dienstag 18.3. der Webcam der Schwarzwaldgeier bestätigt, auf der man erkennt, dass bereits ein Pilot direkt unterhalb des Startplatzes eine Baumlandung hinter sich hat. Das komplette Statement der Schwarzwaldgeier ist hier zum Nachlesen.

Keine klaren Vorgaben

Es fällt schwer, in der aktuellen Situation Verständnis für Menschen aufzubringen, die möglicherweise auf Kosten der Allgemeinheit ihren Sport ausüben. Zugegeben, Extremsport kann ein gewisses Suchtpotential erzeugen, bei dem die Ratio völlig aussetzt. In der aktuellen Situation sind die Dachverbände (z. B. der DHV), aber auch das Robert-Koch-Institut, Bund und Länder sowie das Luftfahrtbundesamt gefragt. 

Der DHV äußerte sich wie folgt: "Wir empfehlen anlässlich der Situation alle fliegerischen Aktivitäten zu reduzieren und sich angemessen nach den Regeln des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu verhalten." Doch was bedeutet "reduzieren". Soll jeder nur einmal starten? Ist dieser Start dann ungefährlich? Oder sollte nur eine begrenzte Anzahl von Piloten starten?

In letzter Konsequenz wird die Verantwortung an die Vereine weitergegeben und die entscheiden je nach Vorstand komplett unterschiedlich. Dabei ist die gemeinsame Leitlinie von Bund und Ländern recht deutlich. Diese besagt, dass der Sportbetrieb auf und in allen öffentlichen und privaten Sportanlagen, Schwimm- und Spaßbädern, Fitnessstudios und ähnliche Einrichtungen im Publikumsverkehr untersagt werden soll. 

Die Lichtblicke der Szene

Natürlich lässt diese Aussage Interpretationsspielraum. Dem gesunden Menschenverstand sollte aber klar sein, wo die Reise hingeht. Ziel muss sein, die Verbreitung des Virus zu bremsen und gleichzeitig das Gesundheitssystem zu entlasten. Da beim Ausüben von Outdoor-Risikosportarten Unfälle nie zu 100% ausgeschlossen werden können hat die Entscheidung zur Aufrechterhaltung des Flugbetriebs keinerlei solidarischen Hintergrund.

Neben fragwürdigen Beispielen gibt es jedoch auch positive Lichtblicke. So stellten Vereine wie der Sportfliegerclub Hockenheim oder der Verein der Bergsträßler Drachen- und Gleitschirmflieger direkt nach Bekanntgabe der offiziellen Leitlinie ihren Flugbetrieb ein.

Auch einzelne Piloten gehen mit positivem Beispiel voran – auch wenn es schwer fällt. Armin Harich ein Urgestein der in der Gleitschirmfliegerszene und erfolgreicher Wettkampfpilot hat sich bei Facebook nach anfänglichem Naserümpfen zu einer Entscheidung des Bayrischen Luftsportverbands wie folgt geäußert: "Das Unterstützen das wir durch die Krise kommen hat Priorität. Stärkt euer Immunsystem mit dem was sinnvoll ist. Entlastet die Krankenhäuser und Ärzte. Helft das die Verbreitung, gerade zu den schwächeren/älteren, möglichst gering ist."

Wie lange sollten Risikosportarten verboten werden?

Da die Zahl der Coronafälle gerade in der aktuellen ersten Welle rapide ansteigt und somit die Möglichkeit besteht, dass die Kapazitäten in den Krankenhäuser irgendwann nicht mehr ausreichen. Alle überflüssigen Operationen wurden abgesagt, um Betten zur Verfügung zu stellen, sollte sich die Lage exponential zuspitzen.

"Flatten the Curve" ist mittlerweile in aller Munde und beschreibt ein Prinzip, über das man den Ansteckungszeitraum möglichst lange hinauszögern will, um die Kapazitäten nicht überzustrapazieren. Gelingt das nicht, können manche schweren Coronafälle nicht intensiv behandelt werden. Ein rapider Anstieg der Todesfälle wie z. B. in Italien ist dann durchaus möglich.

Die Frage, ab wann Extrem- und Risikosportarten wieder mit gutem Gefühl ausgeübt werden können, lässt sich anhand der Visualisierung des ZDF beantworten. 

Erst zu dem Zeitpunkt, ab dem die Kurve wieder deutlich unter die Kapazitätsgrenze fällt und Unfälle problemlos parallel zu den Coronafällen behandelt werden können, ist ein halbwegs normaler Umgang mit diesen Sportarten möglich. Bis dahin bleibt nur an die Rücksicht der Vereine, Verbände und Sportler zu appellieren: Seid vernünftig und stellt aktuell eure Luxusinteressen hinter die Interessen der Allgemeinheit zurück. 

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