Fast hundert Jahre deutsche Geschichte – vom ausgehenden Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung – erzählt Jenny Erpenbeck in ihrem Roman „Heimsuchung“ am Beispiel eines Hauses und seiner Bewohner*innen. Dieses Haus, das an einem märkischen See steht, ist der Schauplatz für 15 Lebensläufe. Historie zeigt sich dabei nicht abstrakt, sondern durch die Menschen, die sie erleben, fühl- und greifbar: Da ist die den Traditionen verhaftete Bauernfamilie Klaras; der Architekten, der das Haus eigens auf die Bedürfnisse seiner geliebten Frau ausrichtet; die Familie des jüdischen Tuchfabrikanten, die durch den Faschismus auseinandergerissen wird, auswandern muss oder deportiert wird. Nach dem Krieg dann die Schriftstellerin, die aus Russland zurückkehrt, ihre Enkelin, die die Sehnsucht nach den Sommern am See in ihrem weiteren Leben mit sich herumträgt und sich mit den Rückgabeforderungen der Erben früherer Besitzer*innen herumschlagen muss.
Ein Stück deutscher Geschichte über Flucht und Vertreibung, Identität, Zeit und Raum: Jenny Erpenbeck zeigt in ihrem Jahrhundertoman, warum sie als eine der wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur gilt.
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