Corinne Bailey Rae
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Corinne Bailey Rae Foto: Emma Hardy © Emma Hardy

Ob Soul und Jazz aus England von der bezaubernden Corinne Bailey Rae, deutscher HipHop von den Fetten Broten, Melodic Punk von Baxter aus Mannheim, Rock mit Elektrosounds aus Berlin/Melbourne von den Aufsteigern Dukes of Windsor oder Funk von The Bamboos aus Melbourne - die Alben in dieser Ausgabe sind aufs Neue eine bunte Mischung aus Genres und konnten unsere kritischen Ohren durchweg überzeugen. Sogar eine Bestnote hat sich eingefunden. Schaut und hört rein - können sie euch auch überzeugen?

Corinne Bailey Rae * Dukes of Windsor * Baxter * Fettes Brot * The Bamboos * Kenneth Minor * Sharon Jones & The Dap-Kings

Corinne Bailey Rae – The Sea | EMI

{image}Wenn ihr zart dahin gehauchter Gesang erklingt, fällt es äußerst schwer sich auszumalen, dass Corinne Bailey Rae ihre musikalische Laufbahn in einer Indie-Formation begann und sich das Label mit den Hau-drauf-Metalern von Slipknot teilte. Doch diese Zeiten sind vorbei und Bailey Rae ist längst im Pop etabliert. Pop? Von wegen! Auf ihrem gerade erschienenen zweiten Studioalbum The Sea befördert Corinne ihre Hörer mit kristallklarer Stimme und überwältigender Leichtigkeit in ungeahnte Sphären des Souljazz Himmels. Trotz Band-Begleitung scheint Are You Here nur minimal instrumentiert und wirkt in Verbindung mit dem verträumten Gesang Bailey Raes wie Balsam. Bei I'd Do It All Again, das bereits als Single ausgekoppelt wurde, plätschert die Akustikgitarre nur so dahin – Musik zum Schweben. Zudem schreibt die 31-jährige Engländerin all ihre Texte selbst. Dabei gibt sie sich nachdenklich bis sentimental, bleibt aber stets auf einem ansprechenden poetischen Niveau.

 

Dem Anspruch, auch einem Mainstream-Publikum gerecht zu werden, kommt die Chanteuse aus Leeds dann schließlich doch noch nach. So ist The Blackest Lily beispielsweise keinesfalls schwach, zergeht aber etwas durch seinen poppigen Rock-Ansatz. Bestimmt werden die Tempi durch die verschiedenen Gitarren, die zwischen akustisch, elektrisch und spanisch wechseln und teilweise durch Synthesizer ergänzt werden. Besonders starke Momente hat die süße Soulsängerin mit dem niedlichen britischen Akzent aber immer genau dann, wenn der Jazz durchdringt und der Sound mit simplen organischen Mitteln, wie einem Glockenspiel in Diving For Hearts, arrangiert ist. The Sea ist ein Album wie das Meer, das gleichzeitig vertraut und geheimnisvoll sein kann und dem es nicht an Tiefgang mangelt.

Wertung: ++++ (Andreas Margara)

 

Dukes of Windsor – It's A War | Motor Music

{image}Mit ihrer Hit-Single It's a War legten Dukes of Windsor schon einen tanzbaren Elektro-Song aufs Parkett. Nun erscheint ihr viertes Studioalbum, das den Titel eben jener Single trägt. Die Wahlberliner, die ursprünglich aus Melbourne stammen, haben in ihrer Heimat mit ihrem Gitarrensound und den dazu gepaarten Elektroeinlagen schon einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erreicht. Nach Goldstatus und hoher Chartplazierung der Alben The Others und Minus versuchen es die Vier nun in Deutschland. Schon der erste Song No Disguise vermittelt einen leicht düsteren und schwergängingen Eindruck, der sich, bis auf einige Ausnahmen, durch das ganze Album durchzieht. Die Lieder scheinen vielleicht beim ersten Hören schwer zugänglich, aber nach mehreren Anläufen entpuppen sich viele der Songs als echte Ohrwürmer. Sowie es bei Runaway der Fall ist, der eine eingängige Melodie und einen Refrain hat, den man für mehre Tage nicht mehr aus dem Ohr bekommt. Dies lässt den Song zu einem der besten des Albums aufsteigen. Direkt darauf folgt Crystal's Getting High, der einen Placebo-artigen Sound abliefert, dessen Refrain einfach hängen bleiben muss. Insgesamt wirken die Lieder teilweise sehr ähnlich, was aber auch an der Stimme von Sänger Jack Weaving liegen könnte. Die Qualitätsdichte der Lieder ist sehr hoch angelegt und Dukes of Windsor kommen vielleicht aus ihrem Newcomer-Status, den sie in Deutschland haben, bald hinaus. Doch leider tröstet das nicht über die teilweise gleichbleibenden Melodien hinweg, die man auf It's A War größtenteils findet.

Wertung: +++  (Julian Reinecke)

 

Baxter – generation.education | T-Recs Music

{image}Pünktlich zu ihrem 10jährigen Bandbestehen bringen Baxter ihre dritte Platte generation.education unter die Leute. Dem Melodic Punkrock bleibt die Mannheimer Band treu, doch im Gegensatz zu den beiden Vorgängern Out of Sight und Rearranged klingt das aktuelle Material deutlich rauer und dreckiger. Nicht ganz unbeteiligt daran ist der "neue" Gitarrist Matze, der auch für zwei Songs den Lead-Gesang übernimmt und zur eigentlichen Hauptstimme von Chris den perfekten Gegenpol bildet. Baxter haben sich auf jeden Fall weiterentwickelt und das merkt man auch ihren Texten an. Die ersten sieben Songs stehen ganz im Zeichen des Titels generation.education: An Gesellschaftskritik wird nicht gespart, der Menschheit wird die allmähliche Verdummung vorgeworfen und die Politik wird kritisiert, sie würde das alleingültige Recht für sich beanspruchen. Diese Titel transportieren aufgestaute Wut und versprühen dadurch eine enorme Energie. Obwohl der zweite Teil des Albums ein wenig andere Töne anschlägt, ist er nicht weniger emotionsgeladen. Versöhnlicher und fröhlicher frönen sie dem Melodic Punk im wahrsten Sinne des Wortes. Schnelle Riffs bilden das Fundament der Songs und das ab und an eingeworfene Frage-und-Antwort-Spiel zischen Hauptgesang und Background-Stimmen bringt einen guten Schuss Abwechslung in die Tracks. Abschließend bleibt nur zu sagen, dass Baxter ab dem starken Opener a coming decline bis zum bretternden Schlusstitel thirsty dogs ein stimmiges Gesamtbild und ihr bisher bestes Album abgeliefert haben.

Wertung: ++++ (Dorothee Nickel)

 

Fettes Brot – Fettes / Brot | Fettes Brot/Indigo

{image}Mit den beiden Livealben Fettes sowie Brot melden sich die Hamburger nach Monaten der Abstinenz zurück. Die 1992 gegründete Band zeigt mit den beiden Scheiben ganz deutlich, dass sie eine der größten deutschen Hip Hop Bands sind. Mit Aufnahmen aus verschiedenen Städten ihrer vorhergegangenen Touren bedanken sich die Brote bei ihren Fans mit zwei sauber produzierten und aufgenommenen Alben, die ihresgleichen suchen. Schon mit ihrer Single Jein haben Fettes Brot bewiesen, dass auch ein in die Jahre gekommener Pop-Hit wieder neu aufpoliert werden kann. Die beiden Alben sind insgesamt eine Empfehlung für Hörer, die auf ein Best-Off gewartet haben. Nicht nur altbekannte Hits wie Schwule Mädchen oder An Tagen Wie Diesen, sondern auch Lieder wie Der Beste Rapper Ist Offensichtlich Ich oder Automatikpistole vermitteln einen abwechslungsreichen Mix aus dem Repertoire von Fettes Brot. Auch kleine Überraschungen wie Ich bin müde, eine Coverversion des Rio Reiser Klassikers, oder die Einlagen von Pascal Finkenauer verzücken den Höhrer jedes Mal aufs Neue. Einige Lieder wurden auch neu arrangiert. Aus Bettina, pack deine Brüste ein wurde Bettina Superpunk und so klingt es auch, mit funkigen Gitarren und lässiger Melodie zeigen Fettes Brot wieder einmal die Wandelbarkeit ihrer Lieder auf. Abgerundet wird das Album Brot mit dem Klassiker Nordisch by Nature, der mit dem Einleitungs-Lied My Way By Nature eingeleitet wird. Besonders der Mix aus den astreinen Aufnahmen und der gut klingenden Live-Atmosphäre machen die Alben nicht nur zu einem Erinnerungsstück für Fans, sondern auch für Fettes Brot-Neulinge zu etwas ganz Besonderem.

Wertung: ++++ (Julian Reinecke)

 

The Bamboos – 4 | TruThoughts Records

{image}Funk-Nostalgiker aufgepasst! Mit ihrem neuen Album 4 haben The Bamboos wieder eine quirlige Portion Deep Soul im Gepäck. Sollte sich beim Hören keine Tanzfläche in der Nähe befinden, ist zu dringender Vorsicht geraten, da die heftigen rhythmischen Schwingungen zu akutem Bewegungsdrang führen und sich in unkontrollierbaren Zuckungen entladen könnten. Aus Northern Soul, Motown und ein wenig Mod speist sich das tanzbare Mashup der australischen Combo. 4 öffnet direkt mit der Singleauskopplung On The Sly, das neben Hammondorgel und Bläsern besonders durch den lasziv-lässigen Gesang von Kylie Auldist aufleuchtet und somit den anzüglichen Charme eines kleinen Funk-Clubs mitten in Harlem versprüht. Abwechslungsreich gestalten sich diesmal die auf Bamboo-Scheiben sonst eher spärlich gesäten Vocal-Parts, die bei Turn It Up auch mal von Gastrapper Lyrics Born und bei You Ain’t No Good von King Merc übernommen werden. Eines von nur drei Instrumentalstücken ist Up On The Hill, das mit Zither und Tamburin zu meditativem Funk-Yoga einlädt. Auf der zweiten Hälfte des Albums – wenn das Tanzbein dann allmählich vor Müdigkeit erlahmt – beginnt der nun von Auldist dominierende Gesang die Ohren mit Monotonie zu beträufeln. Der aufgefrischte Vintage-Soul-Sound verliert sich dann leider ein wenig im Mittelmaß. Erst mit dem Instrumentalstück Typhoon finden die Bamboos abschließend noch einmal auf die Spur zurück und veranschaulichen erneut ihre außergewöhnliche Verspieltheit. Insgesamt liefern die australischen Vorreiter des Retro-Souls ein gelungenes Nu-Funk-Album ab, das Neugierde auf ihre berüchtigten Live-Gigs macht.

Wertung: ++++ (Andreas Margara)

 

Kenneth Minor – In That They Can't Help It | Hazelwood Vinyl Plastics

{image}Der gute alte Indiefolk lebt, auch wenn er sich in letzter Zeit hier und da elektronisch verbessert hat, von den Beach Boys-Einflüssen ganz zu schweigen. Oberflächlich betrachtet schwimmen Kenneth Minor daher nicht gerade gegen den Strom. Bird Christiani und Co. wissen aber dennoch mit ihrer Leichtfüßigkeit zu überzeugen, denn bis auf kleine Versatzstücke verzichten sie auf elektronische Hilfsmittel und die Beach Boys. Vergleiche ziehen kann man aber trotzdem: Beatles an ausgewählten Orten und dazu der ewige Schatten des Bob Dylan, der sich dem Genre aber wohl angehaftet hat. Man kann Kenneth Minor aber daraus keinen Strick drehen, schließlich klingt jede dritte Indie-Band heutzutage auch irgendwann immer nach David Bowie. Die Eels werden auch hörbar, aber nicht in der tieftraurigen Version der Amerikaner, sondern entschlackter und, man kann es nicht anders sagen, leichter. Aber zurück zum eigentlichen Klang der Platte: Dezent wurde hier instrumentiert, Gitarre natürlich, etwas Bass und hier und da Einwürfe von Percussions oder einer Mundharmonika. Dazu kommt sogar ein kleiner hörbarer Loop in unscheinbaren Ecken, man geht dann doch mit der Zeit. Dass die Band aus Deutschland kommt, kann dabei schnell in Vergessenheit geraten. Sollte der Winter also doch noch irgendwann in nächster Zeit von uns gehen, so hat man hier ein wunderbares Album für einen Abend am nächsten See vor sich liegen – also an dem Ort, an dem dieses Album auch entstanden sein muss. Gerade zum Ende der Platte hin sammeln sich hier und da die Soundelemente, die besonders in solchen Momenten ihre Wirkung entfalten. Sollte der Winter hingegen bleiben wollen, sollte man In That They Can't Help It am besten auf dem Sofa mit einem guten Bier genießen, klappt auch.

Wertung: +++ (Stefan Berndt)

 

Sharon Jones & The Dap-Kings – I Learned The Hard Way | Daptone Records

{image}In Sachen Retro-Soul gibt es einfach kein vorbeikommen an den Dap-Kings, die den Spirit des 60er-Jahre-Funks inhaliert zu haben scheinen und ihn nun mit jeder einzelnen Note über ihre Instrumente versprühen. Amy Winehouse kann davon ein Liedchen singen, schließlich trugen die Musiker ihren Teil zum Erfolg des Topsellers Back To Black (2006) bei. Bereits zum vierten Mal haben sich die Soulbrüder um Bosco Mann nun mit Wuchtbrumme Sharon Jones zusammengeschlossen, um in Albumlänge aufzutrumpfen. Mit I Learned The Hard Way fegen die neun Dap-Kings einmal mehr wie ein Funkfeuerball durch die Tonleitern. Drapiert wird der extrem tanzbare Sound von Soulschwergewicht Jones, die dermaßen tief aus der Seele singt, als hätte sie Stax und Motown zum Frühstück vernascht. Gleich das erste Stück The Game Gets Old erweist sich als echter Sure Shot und bildet somit einen grandiosen Auftakt zu einer etwas mehr als halbstündigen Rhythmuslektion in puncto Black Music. Obwohl die 53-jährige Dame längst mehr als ein Insidertipp unter Soul-Connaisseuren ist, strotzt ihre kreischend-klare Stimme nur so vor Authentizität, was besonders schön auf Money zu vernehmen ist. An bedeutungsschwangere Begriffe wie Nu-Funk und Vintage ist bei dem brüsken Boogaloo, den Sharon Lafaye Jones ausstößt, eigentlich gar nicht mehr zu denken. Dafür sind Bläser, Dreiakkord und die auf sympathische Weise aneckende Soulqueen einfach viel zu überzeugend. Schwer zu überhören sind die Blues- und Gospelroots der aus dem amerikanischen Südstaat Georgia stammenden Entertainerin, die besonders stark auf Mama Don't like My Man durchdringen. Nahtlos knüpft die Funkeinheit mit dem Album an die bisherigen Werke an und so ist am Ende wieder einzig die knappe Spielzeit zu bemängeln.

Wertung: +++++ (Andreas Margara)

 

So werten wir:

+

schnell auf ebay damit, bevor es jemand merkt

++

hier mangelt es an so einigen Ecken und Enden

+++

das kann sich wirklich hören lassen

++++

ein TOP-Album

+++++

definitiv ein "must have"

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