Marilyn Mason (Live in Neu-Isenburg 2009)
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Marilyn Mason (Live in Neu-Isenburg 2009) Foto: Thorsten Klein © regioactive.de

"Volksverhetzer", "Antichrist", "Jugendverführer" oder liebevoll "Reverend". Schock-Rocker Marilyn Manson trägt viele Namen. Besonders das Wort Schock-Rocker klebt an Manson so unangenehm wie alter Kaugummi unter der Schulbank, denn wirklich schocken kann er nach all den Jahren niemanden mehr. Letzten Montag verschlug es Amerikas Staatsfeind Nr. 1 mitsamt den Progressiv-Rockern Esoterica in die Neu-Isenburger Hugenottenhalle. Gelebte Sozialkritik im grotesken Rahmen.

{image}Wenn man schon mal in Deutschland tourt, dann aber stilgerecht: Mit Wehrmachtshelm und umgewickelter Deutschlandflagge (aktuelle Version). Was bei jedem anderem Künstler zu Protesten geführt hätte, ist man von Chef-Anarchist Brian Warner aka Marilyn Manson längst gewohnt. Der Gute möchte einfach provozieren – was bietet sich da mehr an. Doch bevor der feine Herr persönlich sämtliche (west-)weltlichen Werte in den Dreck zog, durften die vier Herren und die eine Dame von Esoterica von ihren Qualitäten überzeugen. Düsterer, progressiver Rock aus dem finsteren England, der unter Umständen an die Genregötter Tool erinnert. Ein solider Auftritt, wobei Bassistin Laura neben Frontmann Tobias die eigentliche Hauptrolle in der von Männern dominierten Band spielt. Nach dem fast dreiviertelstündigen Auftritt, der mit Botschaften wie "Don’t Rely On Anyone" sogar für Lebenserfahrung sorgte, durfte man eine gefühlte Ewigkeit vor der mit schwarzen Vorhängen abgeschirmten Bühne ausharren.

{image}Doch dann, nach diversen eingespielten Pausenfüllern wie Slayers Rain in Blood, betrat der Fürst der Finsternis mit laserpointer-bestickten Handschuhen und umringt von Nebelschwaden die Bühne. Was hätte bei solch einer Theatralik besser gepasst als der Opener Cruci-Fiction?

Nach diesem psychedelischen, ruhigeren Stück versetzte Manson das Publikum mit dem Fightsong in spontane Kampfeslaune. Mit der Nebenwirkung einer aufkommenden, tropischen Hitze, die von Herrn Manson mit "Thank You Motherfuckers" und "Its Hot as fuck" gewürdigt wurde. Nichtsdestotrotz spielte Manson tapfer Stücke wie Rock is Dead und Disposable Teens – zum Leidwesen des Meisters, der nunmehr neben dem Singen damit beschäftigt war, sich lästiger Körperflüssigkeiten zu entledigen.

{image}Kein Chef zum Verlieben: Leider standen Gitarrist Twiggy Ramirez und Bassist Andy Gerold direkt im Einzugsgebiet Mansons unhygienischer Eskapaden. Nachdem er sich im ärmellosem Shirt über seine verschwitzten Arme beklagte, erkannte Opportunist Manson, dass diese sich – frei übersetzt – "Prima zum Fist-Fucken" eignen und umarmte seinen Gitarristen leidenschaftlich. Auch blieb Bassist Gerold nicht verschont, denn Manson rotzte sich in die Hand und rieb diese demonstrativ an ihm ab. Selbst seine treue Assistentin, die ihn ständig mit frischem Sauerstoff aus einer angekarrten Flasche versorgte, wurde mehr als einmal erniedrigt, indem sie sich Richtung Publikum bücken musste. Da kam der Roadie, der ständig Mansons aufgeklatschten Mikros hinterher springen musste noch glimpflich davon. Ein klarer Fall für die Gewerkschaft. Aber Antiheld Manson hat auch vermeintlich positive Seiten: Er teilte jeden Schluck Bier, den er trank, väterlich mit der ersten Reihe, indem er dieser liebevoll ins Gesicht spuckte.

{image}Manson versteht sich zudem sehr gut darin, sein Publikum mit seinem großzügig ausgestatteten Kleiderrepertoire zu überraschen. Ungeschlagen an diesem Abend war sein Farmeroutfit zu dem Song Four Rusted Horses, auf das entweihte Kreuze projiziert wurden. Leider hat er im Eifer des Gefechts das Wort "zitieren" mit "zensieren" verwechselt und verbrannte daraufhin die sich in seiner Hand befindliche Bibel. 

Neben seinem Unterhaltungswert und den zur Schau gestellten misantropischen Charakterzügen, machte Manson auch musikalisch was her. Kein anderer Versteht sich darin so gut, Songs mit solch einer unterschwelligen düsteren Grundstimmung zu komponieren und diese dann auf jegliche unausgesprochenen und unangenehmen Thematiken unserer Gesellschaft zu übertragen.

Doch fiel die Setliste an diesem Abend etwas mager aus. Leider schafften es Mansons Interpretationen von Personal Jesus und Tainted Love nicht ins Repertoire, auch fehlten Must Haves a la mObscene oder This Is The New Shit. Diese Fülle wäre auch unvereinbar gewesen mit der relativ kurzen Spielzeit von ca. 75 Minuten. Immerhin schaffte es Beautiful People mitsamt Papierregen in die Ein-Song-Zugabe. Vielleicht hätte man den ein oder anderen neuen Song durch den ein oder anderen alten Song ersetzen sollen.

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