New Model Army (live in Mannheim, 2009)

New Model Army (live in Mannheim, 2009) © René Peschel

Letzen Dienstag besetzten die Mannen der New Model Army das Capitol in Mannheim. Strategische Hilfe bei dieser musikalischen Intervention wurde von den Wuppertalern Alternative-Rockern Winston geleistet.

Die Vorhut der Intervention übernahmen die nach dem Protagonisten aus Orwells 1984 benannte Wuppertaler 3-Mann-Kombo Winston. Ein schweres Los, wenn man bedenkt, dass die relativ junge Truppe sich dem Kommando deutlich erfahrener Veteranen unterstellt hat. Doch weit gefehlt, die Mission war mehr als nur "accomplished", denn das Zusammenspiel von David Eickmeiers grunge-artiger Stimme, Basti Bauers durchsetztungsstarkem Bass und Thorben Doeges Schlagzeugtalent, welches von Präzisionswegen her jeglichen Drumcomputer in die Schranken verweist, überzeugte auf voller Linie. Eine mehr als überzeugende Alternative des hart umkämpften Rockgeschäfts – intelligenter Punk mit Speedmetal-Alyren. Nach fast einer Stunde musikalischer Kriegsgefangenschaft der angenehmsten Art und Weise waren dann die aus Old England stammenden New Model Army zum Angriff bereit, stilecht benannt nach der republikanischen Revolutionsarmee zu Zeiten des englischen Bürgerkriegs. Eine treffliche Namensgebung, wenn man sich zu Gründungszeiten als Sprachrohr der unterdrückten Arbeiterklasse Englands, Ende der 70er sah. Die politischen Zeiten änderten sich zwar, die Haare ergrauten, aber revolutionäres Treibgut ist selbst heute noch, in ihrem aktuellen 11. Machwerk Today is a good Day, vorzufinden.

Den Auftritt der Engländer könnte man mit gutem Gewissen als mystisch bezeichnen. Zuhörer, die mit dem historischen Hintergrund von New Model Army unbefleckt waren, hätten die Band nach Frontmann Justin Sullivans schamanenhaften Auftreten und Wirken wohl eher in die Richtung amerikanischer Ureinwohner gedeutet. Ein Effekt, der durch die gekonnte Inszenierung als Lichtgestalten gestärkt wurde, sei es durch das sphärische Gitarrenspiel von Marshall Gill und Bassist Peter Nice direkt vor den Flutlichtern, oder dem melodischen Trommeln Michael Deans mit Unterstützung von Keyboarder Dean White, der gelegentlich auch zur Gitarre greift.

Die Setliste war ein ausgewogener Mix aus vermeintlich ruhigeren Stücken a la Purity bis hin zu dem deutlich schnelleren Stücken wie Vagabonds, das mit einem beeindruckenden Solo von Gittarist Gill eingeleitet wurde, White Coats und Wonderful Way To Go. Egal bei welchem Titel, Frontmann Sullivan beschränkt sich nicht auf das einfache Singen von Liedern, er durchlebt sie. Angefangen bei den erzählten Vorgeschichten zu den Songs, dem Deuten von Lebensweisheiten wie "Man wird nicht älter, man wird besser" oder den getänzelten Versinnbildlichungen. Ein schamanenhafter Eindruck bleibt bestehen, der noch unterstrichen wird, als Sullivan vor der Zugabe wie benommen von der Bühne torkelt.

Dass New Model Army eine gewisse Affinität gegenüber Deutschland aufweisen, inbesondere zum Capitol, an dessen sagenhafte Akustik sich Sullivan mit den Worten "Akoustic Paradies" nach über 11 Jahren erinnert, wird klar, als der Sänger auf deutsch die rhetorische Frage "so, sie wollen die alten Lieder?" stellt und den Song High dem Fall der Berliner Mauer widmet. Dieser Abend zeigte mal wieder, dass sich diese 5-Mann-Armee ihre Studiozeit strengstens rationieren sollte, denn New Model Army sind definitiv eine Live-Band.

-> Noch mehr Live-Fotos vom Konzert: New Model Army im Capitol Mannheim.

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