Marius Müller-Westernhagen
Foto: Bryan Adams

Marius Müller-Westernhagen Foto: Bryan Adams

War Marius Müller-Westernhagen auch in den letzten Jahren eine umstrittene Person, so hat das Überschreiten der 60 Jahre wohl eine kleine Veränderung eingeleitet: "Ich wollte nie mehr als der Sänger in einer Band sein" sagt er in einem Statement zu seinem neuen Album, für dessen Produktion er erstklassige US-Musiker um sich versammelte. Der bloße Studioaufenthalt dauerte gerade mal zwei Wochen. "Williamsburg" dürfte das Reinhören wert sein. Unser Redakteur Jan Wölfer stellt euch die Scheibe vor.

{image}Kaum ein Künstler bietet gegenwärtig derartig viele Angriffsflächen wie Marius Müller-Westernhagen, der in den letzten 20 Jahren erst mit aufgeblasenen Inszenierungen in Fußballstadien, gepaart mit unerträglichen Radiohits, dann mit groß angekündigten Abschieds- und Comeback-Tourneen und schließlich mit ambitionierten, aber weder von Publikum noch von der Kritik geliebten Produktionen seinen Kredit bei vielen, die ihn dereinst gemocht haben, verspielt hat. Umso überraschender dann im September auf einmal das Video zu der neuen Single Zu lang allein, das Westernhagen ungewohnt bescheiden präsentiert, vor allem aber mit einer erstklassigen Produktion und Instrumentierung aufhorchen lässt. Westernhagen hat im Alter von 60 Jahren endlich eine Platte aufgenommen, die man als zeitlos, als erwachsen und auch – mit Abstrichen allerdings – als glaubwürdig wahrnehmen kann. Und gerade die Glaubwürdigkeit ist das große Problem, das er mit sich herumträgt: Zu oft waren es Rollen, die er einnahm, aber nie vollends überzeugend spielte. Der Armaniträger zu Gast im Kanzleramt, der am folgenden Abend vor seinem Publikum den alten Kumpel "Marius" gab, einschließlich einstudierter Überwältigung von der Publikumsliebe, war zu durchsichtig. Irgendwann fiel auch dem loyalsten Fan auf, dass die Tränen der Rührung ("Sowas habe ich noch nicht erlebt, könnt ihr bitte auch zu den anderen Konzerten kommen, die wir noch spielen müssen?") auf der letzten Tour schon an der gleichen Stelle kamen. Kurzum, die Erwartungen waren gering, umso mehr überrascht das Ergebnis.

{image}Dass Williamsburg sich in die Reihe seiner besten Werke einreihen kann, liegt vor allem an der Musik, die auf dieser Platte zu hören ist. Musik, die in New York von erstklassigen Musikern eingespielt wurde, und eine Produktion, die keinen unnötigen Ton auf das Band kommen ließ. Der Sound ist transparent, der Rhythmus groovt mal mitreißend, mal entspannt, die Gitarren schaffen den Spagat zwischen dem Wunsch, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber gleichzeitig songdienlich zu bleiben und der Sänger wird Teil der Band. Westernhagens Stimme ist hier an vielen Stellen mehr ein Rhythmusinstrument als die Melodie, die über allem liegt. Und man muss anerkennen, dass er von seinen Vorbildern James Brown und Chuck Berry die richtigen Lektionen gelernt hat. Ein an sich unscheinbares Stück wie Komm schon findet durch das Eins-werden von Gesang und Groove zu einer faszinierenden Basis, die von der Hammond dann wie von einem verliebten Eichhörnchen umtanzt wird und beispielhaft demonstriert, was die Qualität dieser Platte ausmacht. Ähnlich rhythmisch geht es in Schinderhannes zu, das als Song auch auf ein Album wie Pfefferminz oder Stinker gepasst hätte, aber leider einen Tick zu lang gerät. Keine Sekunde zu lang dagegen ist das feine Typisch du, das Larry Campbell (u.a. Bob Dylan) mit seiner Pedalsteel veredelt. Aber auch wenn die Bluesbasis verlassen wird, wie beispielsweise auf dem Tango Mit beiden Beinen auf den Füßen, macht die Band samt ihrem Sänger eine gute Figur.

Allesamt Titel, auf denen Marius Müller-Westernhagen keine Glaubwürdigkeitskonflikte erzeugt. Diese kommen allerdings bei dem an sich manierlichen Blues Wir haben die Schnauze voll zu tragen, wenn er den Verlust der Unschuld der Musik beklagt – an sich unvorstellbar, dass jemand, der die Musik so vergewaltigt hat wie er, sich sowas herausnimmt. Auch der Opener Hey Hey mit Zeilen wie "Antidepressiva, MTV und VIVA, Wetten dass, Viagra, Deutschland Superstar" lässt den Zuhörer im Unklaren darüber, ob hier jemand Kritik äußern will, oder einfach nur seinen Alltag beschreibt. "Sind wir daran beteiligt sind auch Kriege heilig" geht es weiter und man erinnert sich an Zeiten, als er nur noch durch seine Fotos mit Kanzler Schröder Schlagzeiten machte. Banale Zeilen, vermeintlich effektreißerisch, aber unverbindlich aneinander gereiht. Am Ende dann der Song Aus dir Mutter, der Schlimmes erahnen lässt, aber letztendlich auch belanglos bleibt. Das, was dazwischen zu hören ist, hat jedoch das Potential, viele alte Fans mit Westernhagen zu versöhnen, sofern sie ihm noch mal ihr Vertrauen schenken.

Marius Müller-Westernhagen – Williamsburg | Warner

01. Hey, hey
02. Schinderhannes
03. Mit beiden Füßen auf dem Boden
04. Komm schon
05. Liebeswahn
06. Typisch Du
07. Zu lang allein [Album Version]
08. Wir haben die Schnauze voll
09. Heute Nacht [feat. Della Miles]
10. Liebe stinkt
11. Ein Mann zwischen den Zeilen
12. Aus Dir Mutter

Wertung: +++½ (Jan Wölfer)

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