Dino Saluzzi

Dino Saluzzi

Dino Saluzzi und Anja Lechner versuchen sich bei einem Konzert im Rittersaal des Mannheimer Schlosses an der Umsetzung von Motiven des Tangos und scheitern an mangelnder Leidenschaft.

{image}Manchmal sind die Kontroversen über ein Konzert interessanter als das Konzert selbst. Im hintersinnigen Beiheft zum Konzert des Bandoneon-Spielers Dino Saluzzi und der Cellistin Anja Lechner schreibt Hans-Jürgen Linke von der Frankfurter Rundschau: "Anja Lechner und Dino Saluzzi spielen gar keinen Tango. Sie spielen Musik, Kammermusik vielleicht." In der Tat hat ihre Musik mit Tango nur wenig zu tun, obwohl Saluzzi nicht nur aus dessen Heimatland stammt, sondern häufig auf die Motive des Tangos zurückgreift, dem ja auch sein Instrument, das Bandoneon, untrennbar verbunden ist. Aber Kammermusik? Nein, Kammermusik erwarte die Zuhörer nicht, wird offiziell in den einleitenden Worten verkündet! Ja, was denn nun? Leider fällt die Antwort auf die Frage viel weniger interessant aus, als man zu hoffen Anlass hatte. Die Musik von Dino Saluzzi und Anja Lechner ist meistens bleiern schwer, getragen und langatmig. Es fehlen eingängige Momente, an die man sich später zurückerinnern könnte und vor allem fehlt die Leichtigkeit, das Lebendige, das Leidenschaftliche. Gegen "impressionistische" Musik, die aus Motiven und Stimmungen lebt, ist prinzipiell nichts einzuwenden, wenn allerdings die Stimmung nie variiert wird, dann offenbaren sich die Limitierungen der beteiligten Musiker in besonders deutlicher Form.

{image}Saluzzis Problem ist seine mangelnde Ausdruckskraft. Er spielt vornehmlich kurze Motive auf seinem Bandoneon, die sich unspektakulär im Saal verlieren. Die dynamischen Möglichkeiten des Instruments bleiben weitgehend ungenutzt, auch das Tempo erfährt keine größeren Veränderungen. Stattdessen plätschert die Musik in immergleichen Mustern vor sich hin, ohne den Zuhörern Halt oder Orientierung zu bieten. Präsenz, Charakter und Individualität werden sträflich vernachlässigt, hier gibt es nichts, das festhält, fasziniert und zu näherer Beschäftigung anregt. Anja Lechner ist vermutlich die interessantere Künstlerin, aber in diesem Kontext kann sie auch nichts bewirken, da Saluzzi ihr wie ein Felsbrocken am Fuß hängt.

Man müsste wohl ein musikalischer Archäologe sein, um aus den zusammenhanglosen Fragmenten, die Saluzzi spielt, irgendein Kunstwerk zusammenzusetzen. Das war nicht immer so. Auch wenn ein Album wie Once Upon A Time In The South kein Meisterwerk darstellt, es enthält immer noch hundert Mal mehr Abwechslung als das Konzert am vergangenen Samstag. Das Getragene war schon immer in Saluzzis Musik präsent, aber das Sehnsuchtsvolle überlagert inzwischen alles und verliert sich doch in einzelnen unergründlichen Seufzern.

Was Anja Lechner eigentlich musikalisch mit Saluzzi verbindet, bleibt unklar. Vielleicht handelt es sich, wie Linke meint, um die Ernsthaftigkeit. Schon allein das wäre keine gute Basis, um Elemente des Tangos zu verarbeiten. Saluzzis eklatanter Mangel an Leidenschaft erschwert es noch zusätzlich, die Leidenschaftlichkeit des Tangos überzeugend umzusetzen. Und Tango ohne Leidenschaft funktioniert nicht. Möglicherweise liegt dem ganzen Auftritt aber auch ein Konzept zu Grunde, das ich schlicht nicht verstanden habe. Bis es mir jemand erklärt, kann ich mit den Worten von Georg Kreisler zusammenfassen: "Zwei alte Tanten tanzen Tango mitten in der Nacht. Warum auch nicht, sie hätten sonst die Nacht nur schlaflos zugebracht."

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