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"Pearl Jam Twenty" © Danny Clinch

HipHop-Größen treffen auf Frankfurter Pop-Punk, Wave, Indie und Math-Pop treten gegen Grunge-Ikonen an, Berliner Elektro- und R'n'B-Sounds messen sich mit englischen Popsongs: in diesem Ring wird einiges geboten. Und ob Frischling oder alter Hase, hier gibt es nur ein Maßband. Wer sich durchkämpft, wer sich gerade noch auf den Beinen hält, wer die Überraschung des Monats ist und wer der klare Gewinner ist, das könnt ihr hier erfahren.

krs-one * frogg * pearl jam * mika * the cinematics * findus * beat!beat!beat! * at the farewell party * king's tonic

KRS-One & BuckshotSurvival Skills | Duck Down Records

{image}Ach, was hat die moderne Technik nicht schon für grausige Spielarten von Rapmusik hervorgebracht? Jüngstes Beispiel dafür ist der als Stimmverzerrer mißbrauchte Auto-Tune, mit dem einst Naturschönheit Cher ihr Chart-Comeback feierte. Die Pop-Rap-Fraktion um Kanye West, T-Pain und Black Eyed Peas lässt sich dank dem inflationären Gebrauch dieser Tonhöhenkorrektur klanglich kaum noch auseinander halten. Wie man sich hingegen über Jahrzehnte hinaus im Business behauptet, ohne fernab der traditionellen HipHop-Produktion zu experimentieren, davon können KRS-One und Buckshot ein Liedchen singen. Auf ihrem Kollabo-Album Survival Skills singen sie gleich 14 davon. Vorab sorgte das Duo mit der Single-Auskopplung Robot schon für Wirbel, da sie damit die mangelnde Originalität vieler Künstler anprangerten und besonders den übersteigerten Einsatz nervtötender Gimmicks kritisierten. HipHop-Puristen und Verfechter klassischen Boom Bap Sounds müsste das Jointventure aus Teacher KRS-One und Buckshot, dem Kopf der Boot Camp Clik, also restlos überzeugen. Eröffnet wird Survival Skills direkt mit dem gleichnamigen Titelthema. Routiniert ergänzen sich hier die beiden Rapper im Wechselspiel auf den eingängigen Beat von Ill Mind, den DJ Revolution mit jeder Menge Cuts verziert. Weitaus melodischer wird es mit The Way I Live, wobei Buckshot behutsam seine Reime aneinandersetzt und Mary J. Blige gesangliche Unterstützung leistet. KRS-One hingegen nimmt die von Black Milk zwischen smooth und peitschend arrangierte Soundkulisse aus vollem Lauf und entlädt dabei so einiges an Energie. Neben den obligatorischen Hardcore-Vertretern der Boot Camp Clik kommen mit Talib Kweli, Pharoahe Monch, Immortal Technique und Slug gleich vier begnadete Lyricists als Feature auf jeweils einem eigenen Track unter. Für Think of All the Things haben die New Yorker ein weiteres interessantes Feature eingespannt: den aus Mogadischu stammenden K’Naan, der für seine politischen Texte bekannt ist. Überraschungen gibt es noch gegen Ende. Zum einen trifft KRS-One bei Murder 1 auf die Dancehall Legende Bounty Killer, zum anderen hat 9th Wonder zum krönenden Abschluss mit Past*Present*Future doch tatsächlich das gleiche Sample ausgegraben, das deutschen Rapfans sicherlich noch vom mittlerweile zehn Jahre alten Eins Zwo Album Gefährliches Halbwissen bekannt sein müsste. Achtung, Achtung: ein gutes Album!

Wertung: ++++ (Andreas Margara)

 

Frogg Blink Blink | BMG/Groove Attack

{image}"Wir sind Seeed und das ist unser Gebiet", proklamierte 2001 die allerorts beliebte Dancehall-Kombo aus Berlin. Dass die singenden Caballeros auch Solo für bombige Beats sorgen, haben die drei Seeed-Frontmänner Demba Nabé (Boundzound), Peter Fox und Dellé schon eindrucksvoll vorgemacht. Mit Blink Blink ist nun auch das Werk des Seeed-Saxophonisten Mo Delgado erschienen. Frogg nennt sich das Projekt, bei dem außerdem die aus London stammende Sängerin Mills und Luke 4000 involviert sind. Vorschusslorbeeren erntete das Trio bereits vorab für den Club-Banger Bitch, der einerseits von der Wuchtigkeit her an die Beats eines gewissen Timbaland erinnert, sich gesanglich aber nicht stark genug von einer gewissen Nelly Furtado abhebt, um als Unikat durchzugehen. Als Gesamtprodukt weiß die zwölf Track umfassende Scheibe aber zu überzeugen. Der Musikmix lässt sich am ehesten zwischen Electro und R'n'B ansiedeln, wobei die Bässe durchgängig druckvoll gehalten sind. Sauna, So’s ya Mama und eigentlich der Großteil der Stücke sind gut produziert, eignen sich aufgrund des streckenweise einfach zu monoton intonierten Gesangs von Mills aber weniger zum ausgedehnten Durchhören als vielmehr für das Auto und den Club. Highlight von Blink Blink ist der Song Shut Tha Fuck Down!, der nicht nur inhaltlich offensiv ausgerichtet ist. Hier rumpelt und scheppert es gewaltig. Besonders belebt werden die schweren Drums und die kraftvollen Basslinien durch organische Versatzstücke, die in Form von Instrumenten eingespielt werden. Nur selten findet man in Europa derart postmoderne Rhythmen, die gleichzeitig tanzbar sind.

Wertung: +++ (Andreas Margara)

 

Pearl JamBackspacer | Island

{image}In den 90er Jahren machten Pearl Jam zusammen mit Nirvana den Grunge populär und sind nach Kurt Cobains Selbstmord wohl die erfolgreichste Grunge-Band der Welt geblieben. So wurden ihre bisherigen Alben millionenfach verkauft und bis heute zählt die Gruppe zu einem der besten Liveacts der Welt. Auch ihr neues Album Backspacer muss sich vor ihrem bisherigen musikalischen Schaffen nicht verstecken. Es bietet Altbewährtes und balanciert geschickt zwischen ruhigen, emotional nachdenklichen und lauten, von Energie sprühenden Songs. Ersteres zeigt sich vor allem in dem Lagerfeuer-Atmosphäre auslösenden Just Breathe und dem balladenhaften The End, während Songs wie Gonna See My Friend, Got Some und Supersonic das Kraftvolle und Energiegeladene des Albums repräsentieren. Hier fegt die Musik wie ein Irwisch am Ohr des Hörers vorbei, der Sound wird rhythmisch und melodisch kräftig vorangetrieben und Sänger Eddie Vedder darf sich mit seiner starken, druckvollen Stimme an allen Ecken und Kanten austoben. Exemplarisch dafür ist eine Textzeile von Supersonic: "I Wanna Live My Life With The Volume Full". Und das macht Eddie Vedder in der Tat auch oftmals im wahren Leben — vor allem live — mit altbewährtem Sound und als einer der wenigen Vertreter, die den vergangenen Grunge-Sound auch noch heute aufrechterhalten.

Wertung: ++++ (Daniel Voigt)

 

MikaThe Boy Who Knew Too Much | Universal

{image}Die meisten kennen Mika wohl seit seinem Überflieger-Hit Grace Kelly, der sich als Single-Auskopplung des Debütalbums Life In Cartoon Motion mehrere Millionen Mal verkaufte. Mit The Boy Who Knew Too Much erscheint nun sein zweiter Longplayer und der besitzt vor allem eins: sehr viel Ähnlichkeit zum Vorgängeralbum. Im negativen, wie aber auch im positiven Sinne. Negativ zu bewerten ist, dass einige, neue Titel doch sehr ähnlich zu den Songs des Debütalbums klingen. Positiv, und das überwiegt auf diesem Album, ist dafür aber die Tatsache, dass die neuen Songs größtenteils genauso farbenfroh, fröhlich, verspielt, zauberhaft und kindlich daherkommen wie die älteren seiner Popsongs. Oft sind diese dabei kleine Hymnen, in denen Mika seine Stimme in überwältigend hohe Oktaven schraubt, die Töne in lange Silben zieht, mit anderen Stimmen Dialoge führt, gepfiffen wird oder Chöre ertönen. Highlights sind dabei das glitschig-glitzernde Rain, das fingerschnippende und sehr farbenfrohe Dr. John, das ohrwurmlastige By The Time, das nach Cartoon-Zeichentrickmusik klingende Toy Boy und der in ruhiger, aber melancholischer Weise auf diesem Album eine Ausnahme darstellende Song I See You. Und während auf dem Debütalbum in den Texten noch vor allem seine Kindheit eine Rolle spielte, sind es nun Jugenderlebnisse, die Mika hier verarbeitet. Scheinbar hat er eine Entwicklung durchgemacht. Die Frage kann gestellt werden: Wird das dritte Album dann folgerichtig vom erwachsenen Mika erzählen? Man darf auf jeden Fall gespannt sein!

Wertung: +++½ (Daniel Voigt)

 

The CinematicsLove And Terror | The Orchard

{image}Mit A Strange Education konnten sich The Cinematics schon 2007 einen Namen machen. Dabei bediente sich die Band vor allem an Sounds zahlreicher anderer Musiker wie Joy Division oder Interpol. Auf ihrem neuen Werk Love And Terror setzen die Glasgower diese Strategie in ihrer von Indierock und Synthiepop geprägten Musik nun weiter fort. So erinnern die teilweise tiefen Bassklänge und eine immer mal wieder spürbare düstere Stimmung abermals an Joy Division, aber auch Einflüsse von The Cure und The Clash sind herauszuhören. So ist der Sound von The Cinematics mal dramatisch, mal beschwörend, mal emotional. Dazu treten die oftmals eingängigen Refrains, die groovigen Gitarren und der affektvolle, energische und emotionale Gesang von Scott Rinning. Hervorzuheben sind vor allem der vom Stoner-Rock geprägte Titelsong Love And Terror, das von groovigen Gitarren und Dramatik durchzogene New Mexico, das sphärische Hospital Bills und das zwar unheimlich mystische, aber trotzdem wunderschöne Hard For Young Lovers. Für die Zukunft gilt allerdings: The Cinematics dürfen sich zwar von anderen Künstlern inspirieren lassen, sollten jedoch nicht weiter teilweise wie eine Kopie derselben klingen.

Wertung: +++ (Daniel Voigt)

 

FindusSansibar | Delikatess Tonträger

{image}Findus, das sind Simeon Kschamer, Kristian Kühl, Stefan Kühl, Moritz Buhmann und Jannes Heinrich. Fünf junge Musiker, die aus Ostholstein stammen und seit kurzer Zeit mit Konzerten im Norden Deutschlands für große Aufmerksamkeit sorgen und von Bands wie Kettcar und Smoke Blow für ihre mit deutschen Texten untermalte Musik zwischen Indie und Punk schon hoch gelobt wurden. Mit Sansibar erscheint nun das Debütalbum, und das hat in der Tat einiges zu bieten. Es ist authentisch, kurz und knackig, stürmisch konsequent, wütend, vorwärtstreibend, aber gleichzeitig auch emotional, gefühlvoll und leidenschaftlich. Es geht um die Jugend, die Generationen, um Fernweh und Liebe, um Alkohol und Träume, einfacher gesagt um das pure Leben. Schlichtweg um alles, was junge Menschen wie die Bandmitglieder von Findus interessiert. Verpackt ist das dazu in wunderbar eingängigen, einfachen, naiven, direkten Texten und geradlinigen Melodien, die hier wiederum einen ernormen Ohrwurmcharakter besitzen und den Hörer von der ersten Minute an mitreißen. Highlights sind dabei vor allem das ein Ziel und Sinn suchende Anfang Vs. Ende, das generationsübergreifende Eisenhart, New York Und Zurück, das mit Trompeten verzierte Weil Du Heilig Bist sowie Mount Everest, der die Schwierigkeit thematisiert, sich in bestimmten Situationen zu überwinden. Bald sind Findus nun auch auf Tour durch den Rest der Republik. Man darf sich darauf in jedem Fall sehr freuen!

Wertung: +++1/2 (Daniel Voigt)

 

Beat!Beat!Beat!Stars EP | Richard-Mohlmann-Records

{image}Beat!Beat!Beat! ist eine sehr junge deutsche Band, die ursprünglich aus Viersen nahe der holländischen Grenze stammt. Einer Gegend, in der lange Zeit größtenteils nur Musikstile wie Metal, Hardcore und Punk Beachtung fanden. Nichts, was die vier Schulfreunde Tim, Moritz, Marius und Joshua begeistert hätte und so gründeten sie Anfang 2008 die Band Beat!Beat!Beat!, um mit ihrer Mischung aus Shoegaze, Wave, Indie und Math-Pop für ein wenig Abwechslung in der dortigen Musikszene zu sorgen. Glück kam hinzu, als dann auch noch ein ARTE-Team zufällig bei einem Konzert in einem Hamburger Club anwesend war und Beat!Beat!Beat! im Netz durch Weitersagen zu einem immer größeren Geheimtipp wurden. Ein Status, der ihnen bis jetzt u.a. schon Festivalauftritte beim Dockville Festival und Jenseits Von Millionen beschert hat. Vor kurzem hat die Band beim unter der Regie von Muff-Potter-Musiker Dennis Scheider geführten Label Richard-Mohlmann-Records  ihre erste EP Stars aufgenommen und die klingt in der Tat sehr ambitioniert. So ist der erste Track Stars mit einer wunderbar entspannten Sommer-Melodie versehen, die von ebenfalls entspannt-sorglos-erregtem Gesang unterlegt ist. Der zweite Song We Are Waves kommt wiederum mit einer hervorstechenden Basslinie und nostalgischer Atmosphäre daher, während der dritte Song Fireworks durch einen eingängigen Refrain und großer Tanzbarkeit besticht. Abgeschlossen wird die erste EP von Beat!Beat!Beat! schließlich durch zwei Remixe der ersten beiden, auf der EP enthaltenen Songs Stars (The Cinematics Shoegaze Remix) und We Are Waves (Lauber Remix). Als nächstes wird sich die Band nun sicherlich verstärkt der Arbeit an einem Debütalbum widmen. Und sie wird sich wohl jetzt schon auf hohe Erwartungen einstellen müssen, denn ihre erste EP zeigt, welch großes Potential in der Musik der vier jungen Musiker aus Viersen steckt.

Wertung: +++ (Daniel Voigt)

 

At The Farewell PartyInfinity Is Miles Away | Antstreet Records

{image}Die Frankfurter Band At the Farewell Party veröffentlicht nach drei Jahren Bandgeschichte nun ihr erstes Album mit Namen Infinity Is Miles Away. Dafür, dass man ihnen noch die Marke Newcomer anhängen muss, haben sie live schon enorm viel performt und einiges an Erfahrung sammeln können. Und diese Erfahrung spiegelt sich auf ihrer Platte wieder: es ist ein gut produziertes Album mit Songs, die nach vorne gehen und trotzdem sehr viel Pop-Appeal versprühen. Ohrwurmcharakter hat gleich der erste Song, Togetherness, ebenso wie Titel Nummer drei, Into Misery, aus dem der Albumname entlehnt wurde: "I wanna reach infinity, but infinity is miles away". Allerdings zieht sich das nicht durch das ganze Album, wo sich immer wieder schwächere Nummern zeigen. Aber nicht von musikalischer Seite her, eher textlich wirkt die Band z.B. bei Timemachine unausgereifter. Einen großen Pluspunkt bekommen ATFP auf jeden Fall für die Stimme von Sänger Daniel Clarkston. Eher in der höheren Lage angesiedelt, klingt der Gesang durchweg kräftig und zeigt eine große Bandbreite. Irgendwie passt er auch gut zu dem Elektro-Part in Fire!Fire!, doch nicht jeder musikalische Ausflug passt ins Bild: in Final Nights rappt Clarkston, und das sprengt dann doch den Rahmen! Infinity Is Miles Away ist definitiv eine Empfehlung wert. Eine herausragende Stimme trifft auf gekonntes Handwerk. Instrumental kann man bei ATFP rein gar nichts bemängeln, von Uptempo-Nummern bis hin zu ruhigeren Klängen ist die Musik in sich stimmig und abwechslungsreich. Trotzdem zeigt das Album hier und da einige Schwächen. Auch wenn stilistische Vielfalt nicht immer schlecht ist, müssen ATFP versuchen, eine einheitliche Linie zu finden, ohne ihren eigenen Sound zu vernachlässigen. Insgesamt aber eine ordentliche Leistung für ihr Debütalbum.

Wertung: +++½ (Dorothee Nickel)

 

King's Tonic21 EP | Eigenvertrieb

{image}Nachdem 2004 das erste Album von King's Tonic, Haven't Heard Of You Either, über Distinct/Cms Sony erschienen ist und 2006 eine weitere Promo-EP über Rough Trade vertrieben wurde, nehmen King's Tonic aus Dortmund seit 2008 die Zügel wieder selbst in die Hand. Sie veröffentlichten im letzten Jahr Fuck Your Neighbour mit 12 Songs und jetzt ihre aktuelle Scheibe 21. Fünf Songs sind darauf zu finden, die in guter King's Tonic Manier aufwarten: drückender Rock und punkige Riffs machen den Sound aus, den die Ruhrpottler hier von der Leine lassen. Gesanglich wird man ein klein wenig an Bad Religion erinnert, was durchaus kein übler Vergleich ist. Man könnte bei King's Tonic nur ankreiden, dass sie zwar bei Eliza auch die Spaß-Punk-Seite bedienen, aber darüber hinaus nichts Abwechslungsreiches machen. Aber dafür haben die vier Jungs schon gesorgt, denn gleich der zweite Titel, When Our Worlds Collide, überrascht mit einer Rockballade. Insgesamt gehen die Songs ins Ohr und bleiben dort, sie haben einen hohen Wiederekennungswert und laden ein zum Mitsingen. Die Arrangements sind sehr gut gelungen und kreieren einen eigenen Sound, eben der King's Tonic Sound. Da überrascht es auch nicht, dass sie die letzten Jahre sogar international unterwegs waren: Unter anderem nach Asien hatte es die Dortmunder verschlagen. Als Hörer und Fan darf man hoffen, dass die nächste Produktion wieder eine LP ist.

Wertung: +++ (Dorothee Nickel)

 



So werten wir:

+

schnell auf ebay damit, bevor es jemand merkt

++

hier mangelt es an so einigen Ecken und Enden

+++

das kann sich wirklich hören lassen

++++

ein TOP-Album

+++++

definitiv ein "must have"

 

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