Die Frage "wo warst du, als du erfuhrst, dass sich Oasis getrennt haben?" dürfte für 20.000 Fans einfach zu beantworten sein: "Auf Rock am See!" Durch ein stimmiges Line-Up mit Mando Diao, The Hives, Kasabian, The Sounds, Sugarplum Fairy, Kilians und dem am Ende doch überraschend gut im Rahmen des Festivals funktionierenden Ersatz-Headliner Deep Purple geriet das Festival dennoch zu einem gelungenen Spätsommertag! Lest unseren Bericht von Jan Wölfer und zappt durch Marcel Benoits Fotos!

{image}Man hatte gehofft, dass sie noch diese eine Wochenende durchhalten, drei letzte Male noch ihr Hitfeuerwerk abbrennen, um danach erst aufzuhören. Dass zwischen den Gallagher-Brothers Eiszeit herrschte und Noel wohl auf absehbare Zeit kaum wieder ins gemeinsame Boot einsteigen würde, war bekannt. Schade, dass es nicht sein sollte und Noel bereits vor dem Auftritt auf dem Festival in Paris am Vorabend den Split erklärte. Bei den Fans in Paris, Konstanz und Milano bat er um Entschuldigung. Dumm gelaufen für alle, die vor allem wegen der legendären Britpopband Oasis aus Manchester zu Rock am See gekommen waren. Dessen Organisatoren ließen jedoch die Drähte heißlaufen, um einen Ersatz herbeizuschaffen, den sie dann in Form der Altrocker Deep Purple fanden, die gerade in der Gegend waren und an diesem Abend noch frei hatten. In einem anderen Line-Up, das weniger auf Britrock/Pop-Fans zwischen Teen und Thirtysomething abgezielt hätte, wäre das mit Sicherheit auch ein echter Joker gewesen. Doch zwischen Bands, von denen Oasis schon mit Abstand die ältesten gewesen wären, schienen die Veteranen um Sänger Ian Gillan eher wie eine Notlösung. Trotzdem gebührt der Festivalleitung dafür Respekt zugesprochen, dass sie es innerhalb von wenigen Stunden tatsächlich schafften, einen Ersatz-Headliner von diesem Status zu gewinnen. Und wie sich zeigen sollte, waren Gillan/Paice/Glover & Co. durchaus ein Act, der das Festival bereichern konnte.

Die Rock am See 2009 Fotogalerien:

Die Festivalatmosphäre *** Deep Purple *** Sugarplum Fairy *** The Sounds *** Kasabian *** The Hives *** Mando Diao

{image}Die Wetterbedingungen waren perfekt: Nur wenige Wolken trübten den Himmel, die Temperaturen waren angenehm spätsommerlich und auch die angestammte Location, das Bodenseestadion in Konstanz, sorgte für ein feines Festivalerlebnis. Der Verzicht auf den bislang praktizierten Erwerb von Getränkebons, und der damit verbundenen Notwendigkeit sich zweimal anzustellen, sorgte noch für ein weiteres Plus hinsichtlich der Besucherfreundlichkeit. Eine Besonderheit dieses in diesem Jahr zum 24. Mal stattfindenden Festivals ist die Trennung von Festivalgelände und Campinggelände, für das sich die Nutzung des Konstanzer Flughafens bewährt hat. Der Bus-Transfer zwischen den beiden Arealen klappte, auch wenn es zu den Stoßzeiten natürlich eng wurde. 20.000 Besucher geteilt durch eine Buskapazität von 200 (bei vollgestopften Bussen) ergibt immer noch 100 Fahrten. Aber auch die Polizisten und Sicherheitskräfte vor Ort waren zwar sehr präsent, jedoch meist entspannt und freundlich – perfekte Rahmenbedingungen also.

{image}Was die Auswahl der Bands betraf, war Schwedentag. Mit Sugarplum Fairy, The Sounds, The Hives und Mando Diao waren allein 4 der 7 Bands aus Ikealand. Man stelle sich vor, die Veranstalter hätten als Ersatz noch The Soundtrack Of Our Lives verpflichten können, dann wären wir alle über Nacht zu Wikingern geworden! Auch wäre es interessant zu erfahren, ob die in der Regel ja sehr anglophilen Schweden backstage in ihrer Landessprache oder der Gewohnheit halber auf Englisch parliert haben. Römpömpömpöm galore.

Das Festival wurde von der einzigen deutschen Band im Line-Up eröffnet: Kilians schlugen sich wacker in dem sich zur Mittagszeit füllenden Stadionrund. Die Brüder Carl und Victor Norén von Sugarplum Fairy versuchen jedenfalls den Oasis-Fehler zu vermeiden und lassen den großen Bruder (Gustav Norén von Mando Diao) seine eigene Band haben. So wird das Festival-Line-up dann zu Familientreffen. Ihre Musik ist zwar eigentlich schön und nett, aber irgendwie immer noch zu uneigenständig, um zu überzeugen. Hätten sie Oasis-Coversongs gespielt, wären sie wohl zum Abräumer des Tages geworden. Ein netter Mittagssoundtrack für das sich noch immer füllende Stadion war es jedoch allemal.

{image}The Sounds versuchten mit ihrer Mischung aus Popsounds, Beats und Gitarren dann, das mittlerweile gefüllte Stadionrund auf die Beine zu bekommen und diese dann in Bewegung zu bringen – eine Aufforderung, der einige dankbar nachkamen, insbesondere natürlich bei ihren bekannteren Nummern wie Painted By Numbers. Kasabian bekamen als verbleibende UK-Band der jüngeren Generation viel Zuspruch – die ganzen Mädchen und Jungs mit den Oasis-T-Shirts und den traurigen Gesichtern konnten hier erstmals einen Teil der mitgebrachten Liebe für UK-Pop abladen. Mit einem Song wie Fire, dessen Stophe auch auf dem letzten Oasis-Album seinen Platz gefunden hätte, huschte für Momente tatsächlich so etwas wie trotzige Begeisterung über ihre Mienen. Zuvor wurde das Publikum bei der MC-Ansage für Kasabian gebeten, für ein Photo, das den Gallagher-Brüdern per Email geschickt werden sollte, den ausgestreckten Mittelfinger empor zu recken – ein Bild, dass wir zu gern einmal sehen würden.

Die Rock am See 2009 Fotogalerien:

Die Festivalatmosphäre *** Deep Purple *** Sugarplum Fairy *** The Sounds *** Kasabian *** The Hives *** Mando Diao

{image}Langsam wurde immer greifbarer, dass im Programm ein Vakuum entstanden war: Auf den großen Transparenten, die an den Bühnenseiten gespannt waren, stand ganz oben fett ein Name, der alle ständig daran erinnerte, dass der Höhepunkt des Abend vielleicht nicht am Ende des Programms stand. Viele Gespräche drehten sich im Publikum darum, wohin man am besten nach Mando Diao gehen würde. Aber Bands wie Kasabian, die sich übrigens mit Kommentaren zur Absage des Headliners zurückhielten, profitierten sicherlich von diesem Vakuum. Sänger Tom Meighan, der aussah, als hätte er eine Statistenrolle in der 80er TV-Serie "Miami Vice" (die älteren werden sich erinnern), musste nur seine Hände in die Luft recken, um ca. 1000 Kids dazu zu bringen das gleiche zu tun. Wenn er die Hände in der Luft explizit forderte, bekam er fast das ganze Stadion. Der groovige Rock des Sixpacks aus London wurde jedenfalls dankbar vom Publikum angenommen.

{image}The Hives sind eine Band, die auf Festivals eine sichere Bank darstellt. Das gute alte Ramones-Prinzip: Nimm ein paar Jungs, zieh sie gleich an, gib ihnen Gitarren und ein Schlagzeug, lass sie einfach gestrickte Powersongs spielen und fertig ist die Rockparty. Schön aber, dass sowas noch funktioniert. Das zeigt, dass Rock’n’Roll auch noch in seinem sechsten Jahrzehnt die Kids rockt. Sänger Pelle Almqvist sorgt dafür, dass nicht ein Moment länger als zwei Sekunden vergeht in denen nichts von der Bühne kommt. Seine Animation gipfelt dann in Sätzen wie "If we feel great than you feel great. And if you feel great, then you feel great!” Heinz Struck revisited ("Fleisch ist mein Gemüse”). Später wird er selbst am lautesten "Zugabe, Zugabe” durchs Mikrophon rufen. The Hives rocken das Haus und bringen eine angenehme Lockerheit in die sonst eher auf Coolness bedachten Bands.

{image}Mando Diao war sicherlich jene Band, die das Headliner-Vakuum bei diesem Festivalpublikum am besten ausfüllen konnte. Aus der Band ist mittlerweile eine achtköpfige Livetruppe geworden, mit zwei Backgroundsängerinnen und einem Percussionisten, der auch Trompete spielte. Dadurch lieferten sie natürlich Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die sie als glatt polierten Abklatsch einer Britrockband bezeichnen. Ihre Stärke liegt in den zwei Frontmännern Gustav Norén und Björn Dixgård, die teils getrennt, teils gemeinsam in ein Mikro singen, so dass sich beinahe der Vergleich zu den ungleich ungestümeren und genialeren Libertines Pete Doherty und Carl Barat aufdrängt. Etwa zur Hälfte ihres Auftrittes stehen sie mit akustischen Gitarren zu zweit da und widmen If I Don't Live Today, I Might Be Here Tomorrow der Band, die eigentlich nach ihnen auf Rock am See spielen sollte. Ein stimmiger, gar versöhnlicher Moment nach all der in der Summe zumeist negativen Energie, die in Richtung Oasis bis zu diesem Zeitpunkt von der Bühne kam. Letztendlich waren es dann aber Songs wie Gloria, God Knows, Long Before Rock 'n Roll oder Down In The Past, die nahezu alle vereinten. Auffallend jedoch, dass der Sound, der von der Bühne kommt, alles andere als laut ist. Es gibt auch für die hinteren Zuschauer auf den Rängen keine zweite Lautsprecherreihe, die den Sound auch nach hinten trägt.

{image}Deep Purple hatten nichts zu verlieren. "Von denen kenne ich nur Smoke On The Water" dürfte einer der häufigsten Sätze dieses Festivals gewesen sein. Ironischerweise sind Deep Purple ja auch eine Band, die (sogar gleich zweimal: 1975 und 1993) den Ausstieg ihres Originalgitarristen Richie Blackmoore verkraften musste. Sie starteten wie weiland auf Made in Japan mit Highway Star und gleich war klar: Hier geht noch was!

Ian Gillan hat kurze graue Haare, ist jedoch (anders als vor 15-20 Jahren) schlank und rank und klar: Er trifft nicht mehr die ganz hohen Töne, die ihn damals zum Shouter Extraordinaire machten, aber sein Auftritt war solide und vor allem seine Ansprache dem Publikum gegenüber äußerst sympathisch und unprätentiös. Er und seine Mannen nahmen dankbar jede auch anfangs noch so zarte Reaktion des Publikums an und gaben sie gleich zurück. Als Gitarrist Steve Morse in Highway Star zum Solo ansetzte gab es Szenenapplaus. Es war das erste Gitarrensolo des Tages. Unglaublich, aber wahr: Die Injektion an 70s-Rock tat dem Festival auf einer gewissen Ebene gut. Es funktionierte einfach. Wie bei dem ca. 17 Jahre alten Mädchen, das garantiert noch nie mehr als einen Song (eben jenen Song, den sie alle kannten) von Deep Purple gehört hatte. Erst war sie verhalten, dann klatschte sie auf einmal mit, später applaudierte sie alles andere als dezent und meinte: "Die können ja richtig gut spielen!". Bei Fireball wurde deutlich, dass die Krone des schnellsten Songs des Abends nicht bei The Hives bleiben würde, und als dann endlich Smoke On The Water kam, da stand das Stadion Kopf.

Um das klarzustellen: Deep Purple schafften es nicht, das "god-shaped-hole", das die Absage von Oasis hinterlassen hatte, zu füllen. Sie versuchten es aber auch gar nicht erst, sondern kamen durch die Hintertür und füllten die angetragene Headlinerrolle dann noch mit Würde aus. Zum Abschluss gab es mit Hush und Black Night noch zwei Songs, die über eine Mitsing-Hookline verfügten und von den noch verbleibenden zwei Dritteln der Besucher dankbar aufgegriffen wurden.

Die Rock am See 2009 Fotogalerien:

Die Festivalatmosphäre *** Deep Purple *** Sugarplum Fairy *** The Sounds *** Kasabian *** The Hives *** Mando Diao

 

Noch nicht genug der Fotos vom Rock am See? Unser Fotograf Alex Rath war ebenfalls vor Ort. Seine Galerien findet ihr hier.

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