Tortoise

Tortoise © Thrill Jockey

Streit gab es nicht. Aber die Meinungen über Tortoise auf der Rückfahrt aus Frankfurt hätten im Redaktions-Shuttle nicht unterschiedlicher sein können. Wo der eine in Traumwelten aus Schallwellen versank, flüchtete der andere vor emotionaler Leere.

{image}[Konzerteindrücke von Daniel Nagel:] Ich war noch nie ein besonders großer Tortoise-Fan. Einige Jahre lang besaß ich das Album Millions Now Living Will Never Die, das mich aber stets etwas langweilte. Dennoch reizte es mich, die Band aus Chicago im Konzert zu erleben. Vielleicht, so dachte ich, entwickelt ihre Instrumentalmusik live einen besonderen Reiz. Das Konzert belehrt mich schnell eines besseren. Tortoise bestehen aus hervorragenden Musikern, die offensichtlich gelernt haben, ihre Musik weitgehend von Emotionen frei zu halten. In gewisser Weise ist es beeindruckend, wenn sich zwei Schlagzeuger gegenübersitzen und sich ein Duell liefern, aber es wirkt berechnend und berechnet. Wenn alles bis ins kleinste Detail geplant wirkt, wo bleibt Freiraum für Überraschungen und Kreativität? Wie soll bei einer solchen Vorgehensweise Verbundenheit mit dem aufkommen, was auf der Bühne geschieht? Es vermittelt den Eindruck, ich beobachte Bauarbeiter beim Teeren einer Straße: Die Arbeit ist heiß, anstrengend und erfordert gutes Augenmaß. Nach einiger Zeit bin ich von dem unnahbaren Charakter der Musik genervt und verschwinde durch die nicht allzu dicht stehenden Zuschauer nach hinten. Während der Applaus in den vorderen Reihen groß ist, applaudiert hinten fast niemand. Dieses Phänomen kann man zwar bei Konzerten häufig beobachten, aber hier scheint es eine Punkt zu geben, an dem jeder Applaus einfach aufhört. Rätselhaft. Zur Zugabe begebe ich mich wieder in die vorderen Reihen und auf einmal, unvermittelt, bin ich für zwei Lieder regelrecht in der Musik versunken, irgendwo weit weg vom Mousonturm. Dann komme ich plötzlich wieder zu mir und denke: "Wenn das Konzert jetzt von vorne begänne, würde es mir dann gefallen?" Ich kann es nicht sagen. [Weiterlesen für die zweite Meinung:]

{image}[Konzerteindrücke von Markus Biedermann:] Reinfinden, "drin sein", sich in die Musik förmlich hineinfallen lassen, die Ton- und Rhythmus-Experimente der prägenden Chicago-Combo genießen – das sind die Stichworte für ein Tortoise-Konzert. Quasi keine Ansagen, quasi keine Show. Musikfreaks, die untereinander zwar mal die Instrumente wechseln, für die aber ansonsten John McEntires Bühnenverhalten synonym steht: Nüchternheit, Konzentration und Energie, die auf den Punkt ausgetoßen wird und sitzt. Dazu ab und an ein, im Wortsinne zu verstehen, verrückter Blick. Verrückt von gängigen Normen und Konventionen. Sein Schlagzeugspiel bereitete den Boden für alle erdenklichen Formen des Post-Rock, Tortoise machten instrumentalen Indie salonfähig. Millions Now living will never die und TNT waren Alben, die ihrer Zeit voraus waren und musikalisch scheinbar festgezurrte Grenzen sprengten. Heute sind Tortoise ihrer Zeit nicht mehr voraus, jetzt sind sie, als Band wie jeder einzelne der Musiker, auf den Punkt zur rechten Zeit da und bereit, mit alten und neuen Songs zu fesseln. Sie fesseln nicht nur, sie saugen dich als Hörer auch auf, und sie fordern dich heraus: Welcher Melodielinie folgst du? Jener, die die Gitarre gerade über das Bett aus Beats legt oder gehört deine Aufmerksamkeit doch Doug McCombs, der knapp vor und jenseits des zwölften Bundes seines Basses unfassbar kraftvolle Grooves in melodische Motive packt, die weder unter "einfach" noch unter "komplex" einzuordnen sind? Seine Reinterpretation der bassigen Mitten ist bis heute beinahe ebenso unerreicht, wie McEntires Sinn für ausufernde Songstrukturen. So oder so, am Ende ist man bei Tortoise erst "drin", wenn man gleichzeitig alles erfasst, also das gesamte musikalische Geschehen, ebenso wie die einzelnen Stückchen, die jeder der Fünf zu diesem Gesamten beiträgt. So ist diese Musik erdacht, so ist sie beinahe reißbrettförmig geplant, eben so, wie sich zum Beispiel der gesamte Schlagzeug-Rhythmus erst durch das Zusammenwirken – nicht des Duells – beider Drumsets ergibt. Eher etwas für Nerds, die vier Viertel zwar nicht verachten, diese aber auch nicht zu Weisheit letzter Schluss stilisieren? Mag sein. Aber ich bin davon überzeugt, um Daniels Frage zu beantworten: Ja, hätte das Konzert nochmal von vorne begonnen, es hätte dir gefallen. Für mich hätte es sowieso noch ewig weitergehen dürfen.

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