Deichkind

Deichkind

Seit nunmehr 12 Jahren gibt es das Splash!, doch 2009 zum ersten Mal auf dem Gelände der "City of Steel", Ferropolis, wo seit Jahren das Melt!-Festival seine Zelte aufschlägt. Unter anderem kurzfristige Zusagen wurden als Gründe für den Standortwechsel angegeben. Für das wichtigste deutsche HipHop-Festival war ein würdiges, breitgefächertes Line-Up zusammengestellt worden. Internationale Künstler wie Method Man & Redman, Talib Kweli, Q-Tip und The Streets boten neben einem Großteil der deutschen Rap-Prominenz drei Tage lang feinste Livemusik. Doch auch Electro wurde in diesem Jahr ein großer Part zugeschrieben: Neben Bois Noize und dem TTC-DJ-Team sorgten MSTRKRFT für höchste Qualität in diesem Bereich. Und die Graffiti-Veranstaltung "Write for Gold", der Skatepark, eine Breakdancebühne und viele weitere Nebenaktionen machten das Splash! auch in diesem Jahr wieder zu einem Happening, mit Regen und gefühlten 300 Michael Jackson-Tributes!

{image}Während Freitags an der Arubabühne schon gegen 16 Uhr erste Klänge zu vernehmen waren, war der Reutlinger TUA um 17 Uhr der erste Live-Act der Hauptbühne des Splash! 2009, gefolgt von Prinz Pi und Santigold. Auf der Arubabühne gaben sich erst John Robinson und anschließend Frank'n'Dank die Ehre und überzeugten die Besucher, die offensichtlich nicht vollständig mit den beiden Vollblutplayern vertraut waren. Anschließend schallten wohlvertraute Klänge von der Hauptbühne: Talib Kweli gab hier sein Programm zum Besten. Der MC aus Brooklyn war kurzfristig als Ersatz für den aus familiären Gründen verhinderten Mos Def eingesprungen. Es hatte allerdings niemand damit gerechnet, dass Talib Kweli den Slot von Mike Skinner einnehmen würde, um somit das noch anstehende Programm der Hauptbühne um jeweils einen Slot nach hinten zu verschieben.

{image}So waren zum einen relativ wenige Besucher an der Mainstage, zum anderen sorgte die unzureichende Kommunikation der Planänderung für Verärgerung. Es hatte zudem zu regnen und stürmen begonnen, so dass der Sound sich oftmals im Nichts verirrte. So wurde aus einem durchschnittlichen Auftritt seitens Kweli ein eher dürftiges Gesamtpaket. Mit Mike Skinner, besser bekannt als The Streets, folgte der nächste Hochkaräter, der gleich doppelt von der Planänderung profitierte: Erstens war der spätere Auftritt gleichbedeutend mit einem größeren Publikum und zweitens standen zu seinem Auftritt die Deichkind-Fans auf der Matte, die nichts von der Planänderung erfahren hatten. Der Brite lieferte ein sehr solides Set ab, stellte sich zum Publikum in den Regen und sorgte mit seiner eigenwilligen, aber doch massenkompatiblen Musik für beste Stimmung. Deichkind, eine der besten Livegruppen Deutschlands, präsentierten im direkten Anschluss den Besuchern eine brachiale Trampolin-, Schwarzlichtunterhaltungsshow mit Schlauchbootbad in der Menge – ganz großes Kino!

Durch das riesige Angebot war es fast unmöglich, alles zu sehen zu bekommen, was man gerne wollte: Während The Streets und Talib Kweli auf der Volcano Stage spielten, gaben Zion I und Heltah Skeltah zeitgleich schwer beeindruckende Liveshows ab. Das Nachtprogramm für die Zelte und die Arubastage war ein Überangebot: Neben der schrillen Peaches und TY, Killa Kela und anderen sorgte Boys Noize für Tanzmusik bis in die Morgenstunden.

{image}Dementsprechend sollte es nicht verwundern, dass die Nacht des Freitag dem Großteil der Besucherschaft am darauffolgenden Tag noch ins Gesicht geschrieben stand. Aber Everybody's Darling Marteria aka Marsimoto hatte dennoch alle Sympathien auf seiner Seite. Sein Potpourri aus gewieftem Wortwitz, geschmackvollen Beats und einer Madlib-Huldigung ließ die müden Körper der Splash!-Besucher wieder in die Gänge kommen. Im Anschluss sorgten Atmosphere mit Liveband für anständige Unterhaltung – leider nicht immer mit genügend Druck, um die Menge zum Toben zu bringen. Doch mit einem Blick auf das weitere Programm konnte dies mit einem Achselzucken in Kauf genommen werden.

Das sehr Deutschrap-lastige Anschlussprogramm mit Laas Unltd, Curse, KAAS und K.I.Z. war ein voller Erfolg. Vor allem letztere, für ihre gewaltigen Liveshows bekannt, sorgten für massive Pogo-Action. Auf der Arubabühne zeigten Die Beleidiger (Sylabil Spill und der Retrogott) mit ihrem Entourage-Anhang, wie locker und entspannt man Rap präsentieren kann. Freestyles über Bismarck und vieles mehr - ausgezeichnet. Dylan Mills alias Dizzee Rascal, im letzten Jahr schon im Zelt ein absolutes Highlight, durfte sich in diesem Jahr auf der Hauptbühne bewähren. Doch dass Dizzee so bravourös und souverän agieren würde, kam positiv überraschend. Mit Fix up, look sharp knallte er der Audienz gleich zu Anfang ein Monstrum um die Ohren und steigerte sich bis zum Schluss immer weiter. Bonkers und Dance wiv me, seine beiden Nummer 1 Hits, untermauerten nochmals das Potenzial des Briten und unterstrichen die Wichtigkeit, auch solche Acts zum Splash! zu holen.

{image}Detroit-Rap die Zweite hieß es auf der Arubabühne: Black Milk, vielerorts als J.Dillas Nachfolger gefeiert, gab sich die Ehre. Unterstützt von Schlagzeug und Klavier servierte der auch gleichzeitig als Produzent agierende Rapper eine gewaltige Performance. Prädikat: Sehr gut. Doch von dieser Stimmung konnte man nicht lange zehren: Q-Tip, die A Tribe Called Quest-Legende und mit einem erst kürzlich erschienenen hervorragenden Soloalbum, trat nicht auf. Ob es nun aufgrund von Verdauungsstörungen oder etwas anderem nicht möglich gewesen sein mag, spielt rückblickend keine Rolle. Fakt ist, dass nach Mos Def mit ihm der zweite angekündigte große Ami-Rapper ausfiel. Anstelle des begnadeten Queen-MCs sollte Sefyu, Frankreichs große Raphoffnung die Lücke füllen. Doch ihm liefen die Massen davon! So profitierten Taktloss und die für Sefyu auf der Arubastage spielenden Maeckes & Plan B von Q Tips Ausfall. Für humorvolle Auftritte sind die beiden Stuttgarter seit Jahren bekannt, und so diente die Spontaneität ihres Auftritts als Sprungbrett für noch mehr Improvisation und gestellte Patzer. Das Publikum hatte stets ein Lachen im Gesicht – was als enorme Leistung zu verbuchen ist, da auch sie den großen Q-Tip zu kompensieren hatten.

Headliner für den Samstag waren Method Man & Redman, beide bekannt für ausgezeichnete Livequalitäten, die mit großer Spannung erwartet wurden. Nach den ersten vier Liedern, die ausschließlich dem neuen Album Blackout 2 angehörten, war die anfängliche Euphorie verflogen und die beiden mussten die Leute mit ihren Hits bei der Stange halten. Leider waren Red & Meth etwas unmotiviert und unterstützt von dem abermals schlechten Sound (v.a. das Mikrofon von Method Man war auf "Back up MC" eingestellt), waren sie meilenweit von ihrer Durchschnittsform entfernt! Auch die Interaktion mit dem Publikum basierte ausschließlich auf Werbung für das neue Album und den zweiten Teil ihres "How High"-Films. Den Rockwilder, ihren größten Hit, zelebrierten sie nicht wie gewohnt mit etlichen Backspins und letzten Endes gab es auch keine Zugabe – mit den Worten eines Fussballreporters: "Red & Meth fand nicht statt!".

Während der harte HipHop-Nerd sich Haitian Star aka Torch nicht entgehen lies, hämmerte an der Arubabühne wieder wilder Electro-Sound durch die Boxen: MSTRKRFT und TTC sorgten für technisch versierte, gut ausgewählte Tanzmusik. Dies sorgte auch mancherorts für Unverständnis, schließlich sei das Splash! in ersten Linie für HipHop bekannt! Aber rückblickend auf die Historie des Festivals muss sich dann auch der letzte Kritiker eingestehen, dass es neben Sprechgesang immer andere Musikstile zu hören gab, sei es Reggae, Dancehall oder Drum‘n'Bass.

{image}Über den Sonntag spielten sich skurrilste Szenen auf den Zeltplätzen ab und am See wurde geduscht und gebadet. Die meisten Konzerte des Anschlusstags fanden weniger Zulauf als gewohnt. Fiva MC hatte zwar abwechslungsreiche Texte und Lieder zu bieten, wurde aber schlichtweg von vielen nicht wahrgenommen. Sonntag war zudem der Tag der Überschneidungen: Samy Deluxe, Morlockk Dilemma und Jedi Mind Tricks spielten allesamt gleichzeitig, ebenso wie im Anschluss La Coka Nostra und Phat Kat, Tone sowie Guilty Simpson und danach Clueso, Olli Banjo und Kid Cudi. Zu erwähnen bleibt vor allem Samy Deluxes "Offener Brief", ein fünfminütiger A-Capella-Part, der seinen Standpunkt und seine Meinung zur deutschen HipHop-Szene deutlichst klarstellte.

Dass die Jedi Mind Tricks auch in Deutschland auf eine riesige Fangemeinschaft bauen können, war bekannt. Doch dass sie so frenetisch gefeiert würden, überstieg wohl auch deren Erwartungen. Detroit Rap zum Dritten: Die Detroit Moves Tour von Guilty Simpson, Tone und Phat Kat machte auch beim Splash! Halt und beglückte alle Fans des basslastigen Raps. Es war keine spektakuläre Performance, dafür aber ein weiteres Mal solide vorgetragene Motorcity-Musik.

Für nach Mitternacht gab es trotz der vielen Abreisenden ein beachtliches Angebot: Roots Manuva und DJ Vadim sorgten für HipHop, Alter Ego und Stanton Warriors für elektronische Musik und das Sensi Movement für Reggae und Dancehall.

Es sei hinzuzufügen, dass die neue Kulisse des Splash! eine wahrlich spektakuläre ist, insbesondere durch die riesigen Industriekräne auf der Halbinsel. Durch geteerte Flächen vor der Hauptbühne und auf den Hauptwegen kam es nicht zu den Schlammschlachten aus alten Zeiten. Auch eine Bühne direkt am Wasser und mit Strand hatte es beim Splash! zuvor noch nie gegeben. Die Erhöhungen rund um die Hauptbühne ermöglichten außerdem eine entspannte Sicht auf die Künstler, auch ohne sich dem Gedränge aussetzen zu müssen.

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