Southside Festival 2009 - Atmo
Foto: Kliebhan

Southside Festival 2009 - Atmo Foto: Kliebhan © FKP Scorpio

Das Southside Festival war für ein Wochenende wieder einmal das Zuhause für mehr als 50.000 Gäste, die hauptsächlich aus Süddeutschland, der Schweiz und Österreich angereist waren. Für drei Tage avancierte Neuhausen ob Eck zum Mekka für Fans von Musik aller Art, von A wie Die Ärzte bis Z wie Anthony Zaro. 40 Jahre nach dem legendären Woodstock-Festival wurde zu vielen starken Bands traditionell im Schlamm gewühlt und der Zivilisation das blanke Hinterteil entgegengestreckt.

{image}Für das Verhalten auf Festivals existiert im Groben nur eine Regel: Es gibt keine Regeln. Internationale Fahrradweitwurf-Open trifft auf fragwürdige, öffentlich zur Schau gestellte Unterbekleidung und eine Einkaufswagen-Ralley – all das störte auf dem Southside jedoch niemanden, zumal die meisten der 50.000 Festival-Besucher vornehmlich ausgelassen feierten und der Musik lauschten, die von den 3 Bühnen heranschallte. 67 Acts standen auf dem diesjährigen Programm, darunter Die Ärzte, Kings of Leon, Franz Ferdinand und Fettes Brot als Headliner. Nachdem bereits am Donnerstag die Anreisewelle weitgehend abgeschlossen wurde, konnten die meisten Besucher den Freitag recht entspannt beginnen – die eigentliche Action startete erst um 16 Uhr. Strömender Regen und ungemütliche Temperaturen stellten sich dabei aber als gewisser Störfaktor heraus. Doch selbst dieser konnte einige Feierwütige bei Beginn der Live-Show des ersten "großen" Acts des Tages nicht mehr vom Tanzen abhalten: Um kurz nach 18 Uhr betrat Lily Allen die Bühne, was die Laune ihrer Fans vermutlich hob. Echte Begeisterung konnte allerdings nur bei wahren Anhängern der britischen Sängerin aufkommen: Unmotiviert und mit Zigarette in der Hand arbeitete sie ihre Show ab, ohne wirklich mitreißen zu können. Entschädigung erfuhr das Publikum durch den Auftritt der gewohnt und erwartet  guten Combo Fettes Brot, die zur "Prime Time" die Green Stage besetzten. Ob das reichlich überraschend auftretende "Wetterwunder", das sich zeitgleich zum Auftritt der "Brote" abzeichnete, in direkten Zusammenhang mit der qualitativen Verbesserung des auf der Bühne Gebotenen gebracht werden soll oder kann, sei einmal dahingestellt.

{image}Getoppt wurde der Auftritt der Hamburger HipHopper nur durch die Show der Ärzte. Zur Unterstützung des Vereins "Viva con Agua de St. Pauli", der sich für eine bessere Trinkwasserversorgung in Entwicklungsländern einsetzt, forderten Die Ärzte das Publikum auf, sie mit Bechern zu bewerfen. Hört sich seltsam an? Rund 3.400€ Spenden(pfand)gelder, die durch mehr als 2.000 geworfene und eingesammelte Becher eingenommen werden konnten, sprechen für eine erfolgreiche Spendenaktion. Noch dazu sorgte der "Becherhagel" für einige Erheiterung, zumal die Band das Bild mit ihrem Song Ist das alles untermalte.

{image}Den musikalischen Abschluss des ersten Southside-Tages begingen Nick Cave & The Bad Seeds. Wer gekommen war, um den Meister der gepflegten Melancholie zu erleben, den Sänger von Hit-Balladen wie Where the wild Roses grow und Into my Arms, kam an diesem Abend jedoch nicht ganz auf seine Kosten: Der einstige Gothic-Punker besinnt sich offensichtlich auf seine "alten Tage" seiner musikalischen Wurzeln. Die Dekonstruktion gängiger Hör-Schemata durch schöne Melodien, die nach einigen Minuten an dissonanten Lärmorgien zerschellen, scheint nun im Vordergrund von Nick Caves Schaffen zu stehen. Von Songs dieser Art hatte  der mittlerweile 52-jährige Australier beim Southside einige im Gepäck. Ob der Stilwechsel nun gefällt oder nicht – ihn mit abnehmender Professionalität gleichzusetzen wäre Unrecht. Während The Ship Song fiel die Beschallungsanlage aus, die Band spielte den Track allein mit Hilfe der Bühnenmonitore tapfer zu Ende. Nick Cave nahm dies mit Humor und überspielte die 5 bis 10 Minuten, in denen die Anlage wieder in Gang gebracht werden musste, mit einigen Witzen über deutsche Technologie und Ingenieurskunst.

Am Festival-Samstag war der Rasen auf dem Gelände längst zu einer einzigen Matschgrube mutiert, Schlamm vermischte sich mit Bergen aus Müll und Flüssigkeiten, von denen man gar nicht so genau wissen wollte, wo sie herkamen. Mit Chucks herumzulaufen war definitiv keine gute Idee, Gummistiefelbesitzer waren wohl die Sieger des Tages.

{image}"Schon" um 12 Uhr begann der live-musikalische Teil des Tages mit dem Auftritt von Bosse auf der Green Stage. Einen größeren Ansturm konnte allerdings The Gaslight Anthem verzeichnen, die drei Stunden später auf derselben Bühne folgten. Ein großartiges Konzert spielte die Band aus New Jersey, mit einem Schwerpunkt auf ihrem aktuellen und hochgelobten Album The '59 Sound. Los ging es mit High Lonesome, der Höhepunkt war sicherlich Film Noir und zum Abschluss wurde The Backseat gespielt, was passenderweise auch der letzte Track des Albums ist. Der Lobpreisungen auf die Band, die in ihrer Anküdigung gemacht wurden, kann nur beigepflichtet werden. Einzig bei den Sprüchen, die der Sänger dann und wann einfließen ließ, war nicht immer klar, ob sie nun witzig oder verstörend zu finden waren.

{image}Spätestens am Abend pilgerte der Großteil der Southside-Besucher zur Green Stage – Bühne frei für die Briten! Und die könnten eigentlich kaum verschiedener sein: Die Editors mit ihren trauerschweren Klageliedern und Franz Ferdinand, die es am Samstag als eine der ganz wenigen Bands schafften, die Menge vor der Bühne bis in hintere Winkel in Stimmung zu versetzen. Trotzdem war es eine gute Entscheidung der Programmmacher, die beiden Bands hintereinander spielen zu lassen. Darauf folgte das nächste Highlight: Kings Of Leon. Hierzulande spätestens seit ihrem Song Use somebody auch einem breiteren Publikum bekannt, lieferten die Pastoren-Söhne eine eineinhalbstündige Show ab, die Besucher später abwechselnd mit "geil" und "hammergeil" kommentierten.

{image}Parallel zu den Top-Acts auf der Green Stage hatte aber auch die Blue Stage am Samstag Abend einiges zu bieten. The Sounds, Anti-Flag, Disturbed und Nine Inch Nails traten hier auf, hatten allerdings mit dem schlechten Sound der blauen Bühne zu kämpfen. Fehlender akustischer Druck, geringe Lautstärke und sicherlich auch die gedämpfte Laune des durchnässten und müden Publikums machten insbesondere Anti-Flag und Nine Inch Nails Probleme.

Der Sonntag begann für viele mit den Sonnestrahlen, die sich erfolgreich durch die Wolken gekämpft hatten. Von Klagen über die kurze und kalte Nacht, bei weniger als zehn Grad im feuchtnassen Schlafsack, war allerdings nichts zu hören. Geweckt wurden viele übrigens mit den laut klingenden Glocken von AC/DCs Hells Bells, das von der Hauptbühne aus über das ganze Festivalgelände schallte. Den größten Teil des Tages wurde die Green Stage vom Publikum eingenommen, auf der unter anderem The Mars Volta, Pixies, Social Distortion und Faith No More spielten.

{image}Bezüglich des Programms der Blue Stage kam es zu kleinen und größeren Problemen, da durch Verspätungen der Zeitplan stark durcheinander kam, was wiederum Besucher und Bands zum Teil frustete und für Überschneidungen sorgte. Die Auftritte auf der blauen Bühne begannen zur klassischen "Kaffe&Kuchen"-Zeit mit The Ting Tings und Katy Perry, deren Bühnendeko aus Flamingos und Erdbeeren zu geteilten Ansichten innerhalb des Publikums sorgte. Im deutlichen Gegensatz hierzu stand der folgende Auftritt von Duffy, die mit ihrer Ruhe und Melancholie nicht unbedingt förderlich für die eh schon etwas angeschlagene Festivalstimmung war. Doch anschließend ging es etwas motivierender für das Publikum weiter: mit dem ziemlich basslastigen Sound von Moby. Der New Yorker Elektro-Künstler enterte die Bühne gegen 20 Uhr und riss das Publikum sofort mit. Nach jedem seiner Songs bedankte er sich ausgiebig für den tosenden Applaus. Zweifellos ein Highlight des Tages, wenn nicht sogar des ganzen Southside-Festivals stellte der Liveauftritt von Kraftwerk dar – einer der wenigen, die sie überhaupt spielen. Hier wechselten sich wilde elektronisch Klänge mit visuellen Effekten ab, dazu die bekannten Hits von früher. Einfach schön.

Auch die Red Stage blieb am Abschlusstag des Festivals selbstverständlich nicht leer: Unter anderem Auletta, Tomte und Get Well Soon spielten hier. Top Auftritte mit guter Resonanz seitens des Publikums, nur leider an vielen Stellen übertönt von den Acts der Green Stage.

Galerie, Bericht und mehr: Im regioactive.de Southside-Channel!

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