Amanda Palmer

Amanda Palmer

Es ist irgendwie viel zu schnell Herbst, dunkel und ungemütlich geworden. Das gute daran? Das Konzert von Amanda Palmer rückte endlich in greifbare Nähe. Ein paar Tage nach dem Auftritt: Amanda Palmer selbst schreibt auf myspace folgende Zeilen: "Everybody is in a generally blessed-out mood because our show in Heidelberg was magic. The best one of the tour. Beat London." Da treibt einen und bleibt doch die Frage: Was war da im Karlstorbahnhof passiert?

{image}Dienstag Abend im Heidelberger Karlstorbahnhof und alles ist so diesseitig trist, dass der Albumtitel Who Killed Amanda Palmer? allen Zweifeln daran, dass der Kopf der hoffentlich nur pausierenden Dresden Dolls heute zu uns herabsteigen könnte, fleißig das Wort redet. Wie auch immer. Manege frei für die Support-Band: Alles beginnt mit Battle Circus. Battle Circus kommen aus Auckland in Neuseeland und spielen Gitarre, Keyboard, Bass und Schlagzeug. Ja, das ist durchaus erwähnenswert. Denn gibt Frau Palmer ein Konzert in der Nähe, so ist der durch ausnahmslos begeisterte Konzertberichte und Schwärmereien erlebnisdurstig gemachte Ticketbesitzer gefasst auf Menschen die, sagen wir mal, auf Kämmen blasen, Mundorgeln rocken oder wild triangeln. Aber eine Bassgitarre? Unglaublich. "Easy listening" gibt es trotzdem nicht. Battle Circus sind ungefähr so humorlos wie ein Szenario, in dem sich Matthew Bellamy die Haare schert, sein Chakra endgültig gen Universum wendet und sich als außerirdischer Sektenführer geriert. Entsprechend nennt sich das Ganze "Progressive Rock", klingt etwas verkopft und manchmal auch nach Muse. Sie hatten es heute aber auch nicht leicht, so erzählen sie, denn: Wer sich in einem fremden Land mit der Situation konfrontiert sieht, dass deutsche Polizisten den eigenen Tourbus leer räumen, darf schon mal zum Lachen in den Keller gehen. Kann man machen. Ist aber nichts im Vergleich zum nächsten Auftritt.

{image}Denn: Der leicht verranzte Typ, der vorher mit Hut und Mantel etwas zwielichtig um den Club lungerte, entpuppt sich als Jason Webley. Und Jason Webley ist eine Legende. Zumindest verdient er eine zu sein. Es begann mit einem gekündigten Job und Globaltrips als Straßenmusikant. Der erste Ruhm wurde eingefahren, als Webley alljährlich zu Halloween seinen Tod inszenierte (Who killed Jason Webley…?) und im Frühjahr mit gefeierten Konzerten seine Auferstehung feierte. Mittlerweile hat er sein eigenes Label namens "Eleven Records". Und steht jetzt mit Akkordeon bzw. Gitarre vor einem ungeduldigen Publikum. Wenige Minuten später hält der Wahnsinn Einzug. Und spätestens als Jason Webley irgendwo zwischen Folk und Punk eine verkitschten Vision davon andeutet, wie es wohl ist, sich als Fremder am Morgen aus einer gemeinen Version von Bed & Breakfast zu winden, um den ganzen Tag im fiesen Niesel von, sagen wir mal, Edinburgh auf einem Street Art-Festival zu spielen, ja, da befinden wir uns bereits mitten im Referenzkosmos der jungen Straßenkünstlerin aus Boston namens Amanda Palmer. Jason Webley hat leider nur Zeit für eine handvoll Songs. Der letzte Song steht an und der völlig verschwitzte Vollsympath auf der Bühne brüllt den glücklich dreinschauenden Menschen vor sich – ihnen ist vermutlich gerade zum ersten Mal bei der akustischen Erfahrung eines Akkordeons ein fassungsloses "Geil!" entglitten – ein herzerwärmendes "Do you want to get wasted??" entgegen. Die Antwort ist klar. Der Großteil des Publikums lässt sich zu den hübschesten Peinlichkeiten (Finger in die Luft strecken und zwölfmal im Kreis drehen spart das Geld für den Alkohol) anstiften und Jason Webley beschließt ein wüstes Set passenderweise mit dem Drinking Song ("If God wanted us sober he’d knock the glass over") aufs Wahnwitzigste.

Die nächste im Support-Reigen ist Zoe Keating, ehemals aktiv bei Rasputina und nun Teil der Palmer’schen Live-Band. Und schon ist die Schunkel- und Gröl-Stimmung von der Tafel gewischt, hier wird es künstlerisch so ernst wie die Miene einer Klavierlehrerin von 1904. Mit Cello und Mac bastelt Keating ihre eigenen Songs immer wieder neu, sampelt und loopt was das Zeug hält, und stimmt ein auf die für den heutigen Abend prognostizierte Auferstehung der – wir erinnern uns an den Albumtitel – kürzlich gemeuchelten Amanda Palmer.

{image}Es ist bereitet, der musikalische Gaumen genug gekitzelt, es darf losgehen. Und schon betritt die nächste "Kleinkunst"-Katastrophe namens Danger Ensemble die Bühne, um den Hauptact des heutigen Abends aus der Grube zu beschwören. Etwas gruselig ist das schon, wie die vier AustralierInnen, in Nebelschwaden und rotes Licht gehüllt, an den Bühnenrand schweben, untermalt von einer rückwärts abgespulten Aufnahme eines Palmer-Songs. Amanda Palmer selbst bahnt sich den Weg durch das Publikum und betritt die Bühne über den Zuschauerraum. Die Großmeisterin des exaltierten Tastenspiels lässt sich zum Keyboard tragen, reißt sich den Schleier vom Gesicht und haut mit Astronaut in gewohnter Art wütend in die bemitleidenswerten Tasten. Da ist sie also. Amanda Palmer, irgendwo zwischen Carson McCullers Weisheit des Scheiterns und Sylvia Plaths unerbittlichem Anspruch an sich selbst. Der Mensch, der trotz angeblicher Schreibblockade immer noch einen Song nach dem Nächsten aus der Schublade zaubert, dessen Repertoire gleichermaßen launiges wie Coin-Operated Boy beinhaltet, als auch konzentriert vertonte Selbstsezierung à la Me & the Minibar oder Christopher Lydon.

Der fleischgewordene "Fuck Gender"-Spagat zwischen Tim Burtons Corpse Bride und Günter Grass’ Oskar Matzerath. Oder um es frei nach Dr. Scott aus der Rocky Horror Picture Show zu sagen: "From the day she was born she was trouble." Und was für einer.

{image}Alles Quatsch? Vielleicht. Mit einem Blick zur ansonsten versteinerten Zoe Keating sät Amanda Palmer Lächeln. Und dass ihr in Belfast ein Auto über den Fuß gefahren ist und sie zu ihrem einfach mal angenommenen Leidwesen an die Krücken und in eine Art homöopathischen Skischuh zwingt, lässt sie sich kaum anmerken. Wen auch immer wir da vor uns haben, da oben auf der Bühne hinter ihren Tasten geht es ihr sichtlich gut. Sei es in der Rolle der manischen Höllenorganistin oder der Songwriterin, die nicht ohne Stolz ihr erstes Soloalbum durch Europa karrt. Neben den Songs von ihrem eigenen Album gibt es mit Bad Habit, Mrs. O, Coin-Operated Boy und Half Jack noch eine knappe Hand voll Dresden Dolls-Songs, zumeist wiederum untermalt vom zappelnden, tanzenden, zuckenden, gruselnden Danger Ensemble. Strength Through Music beginnt mit einem Verweis auf die sich häufenden Amokläufe an US-amerikanischen Schulen, und als Violinist Lyndon Chester eine Liste erschossener Schüler zum Intro vorliest, fällt es schwer zu glauben, dass man sich heute Abend am selben Ort schon trunken vor Schwindel und schunkelnd in den Armen lag. Guitar Hero wird mit Gitarre und – natürlich – komplett als Playback geschmettert. Bei Bertolt Brechts Seeräuber Jenny ("Wenn man fragt, wer wohl sterben muss. Und dann werden Sie mich sagen hören: Alle!") aus der Dreigroschenoper geht der kollektive Spaß-Anspruch nochmal auf Grundeis, aber spätestens beim 13. Song hält niemanden nichts mehr. Warum? Die Bässe des obligatorischen Abschluss-Songs knallen aus den Lautsprechern und Jay-Z gibt den Anfang von Rihannas Umbrella zum Besten. Vom Band versteht sich. Simpel-gestrickte Wetter-Metaphorik, ein bratzender Beat und unartikulierte Quatsch-Lyrik (Ella-ella!) nach einer Stunde Amanda Palmer, das ist wie Scooter and the likes im Club um fünf Uhr Morgens. Es funktioniert. Immer. Nach dem Rihanna(!)-Cover folgt als erste Zugabe ein Cover der Einstürzenden Neubauten(!). Mittlerweile haben sich alle Bands und KünstlerInnen des Abends auf der Bühne zusamengefunden, nur um sich nach dem popkulturellen Anspruch der Neubauten in die höllendüstere Unsäglichkeit einer Interpretation und Intonierung von Bon Jovis Livin’ On a Prayer zu stürzen. Und dann, nach Another Year vom neuen Album, wird noch mal der Dresden Dolls-Back-Katalog durchforstet und raus kommt Girl Anachronism. Zugabe Nummer Fünf wird gefordert und noch einmal humpelt Amanda Palmer mit Krücken, Bier und Rüschenkleid zurück auf die Bühne. Jetzt soll endgültig Schluss und Höhepunkt des Abends sein, so dass sich Amanda Palmer hier zu ihrer europäischen Premiere an der Ukulele hinreißen lässt, um mit Hingabe, Pathos und beißendem Spott Thom Yorkes Creep zu pathologisieren, dass es eine Freude ist. 

{image}Man sollte es nicht für möglich halten, dass ein paar musizierende bzw. performende Menschen binnen weniger Stunden ohne weiteres Erzählstoff für Stunden und mehr bieten können. Können sie aber. Dass Zoe Keating das Publikum zur Namensgebung eines ihrer Songs aufgefordert hat, Amanda Palmer beim obligatorischen "Ask Amanda"-Spiel Rede und Antwort stand und einige lustige wie traurige Anekdoten ihrer Zeit in Heidelberg und Regensburg zum Besten gab, verkommt zur Randnotiz. Wie beeindruckend das Danger Ensemble den Auftritt Amanda Palmers unterstützt hat, konnte nur angedeutet werden. Aber: Geahnt hat man es ja schon immer, wenn man, teils ungläubig, teils neidisch, die atemlos-begeisterten Dresden Dolls-Konzertberichte über Brian Viglione und Amanda Palmer gelesen hat. Man muss dabei gewesen sein. Das gilt auch für Amandas Solo-Shows. So sei abschließend noch einmal, sozusagen zum besseren Verständnis, das Epizentrum des kreativen Oktobersturms selbst – Amanda Palmer - zitiert: "Our show in Heidelberg was magic." Jawohl. Und nicht weniger.

Amanda Palmer live in Heidelberg, Setlist:

Astronaut – Ampersand – Blake Says – Bad Habit – Mrs O – Strength Through Music – Guitar Hero – Die Seeräuber-Jenny (Die Dreigroschenoper) – Coin-Operated Boy – Have To Drive – Interlude – Half Jack – Umbrella (Rihanna)

Zugabe: Ein Stuhl in der Hölle (Einstürzende Neubauten) – Livin' on a Prayer (Bon Jovi) – Another Year – Girl Anachronism – Creep (Radiohead)

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