Rock am See 2008: Iggy & The Stooges
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Rock am See 2008: Iggy & The Stooges Foto: Marcel Benoit © regioactive.de

Knallende Hitze, strahlendes Sonnenscheinwetter, gute Laune, fantastische Newcomer und lebende Legenden: Das diesjährige Rock am See hatte alles im Aufgebot, was ein gutes Festival bieten muss. Ausgelassene Stimmung war vorprogrammiert, und nicht nur die Headliner Bad Religion, Iggy Pop und seine Stooges sowie Die Ärzte sorgten dafür, dass jetzt schon wieder die Vorfreude auf den nächsten Festivalsommer am köcheln ist.

Zuletzt verdrängten die Wettervorhersage, satte elf Stunden Sonne und Temperaturen um die 30 Grad sogar die auftretenden Bands als zentrale Werbebotschaft für das diesjährige Rock am See Festival. Eine Verzweifelungstat? Wohl kaum. In Anbetracht des üppigen Line-Ups und regem Zuschauerinteresse eher ein Luxusproblem. Die Meteorologen behielten recht und folglich waren die schattigen Tribünenplätze des Bodenseestadions auch den ganzen Tag über sehr gefragt. Trotzdem versammelte sich schon morgens eine stattliche Menge vor der Bühne, als dort The Subways als hochkarätige Opener erwartet wurden.

Nicht nur der große Zulauf ließ einen vergessen, dass man zu dieser Zeit eigentlich lieber frühstücken würde, auch der Auftritt der drei jungen Briten war allemal beeindruckend. Während Bassistin Charlotte Cooper ihre Deutschkenntnisse sprechend und singend unter Beweis stellte, zog es ihr Verflossener, Sänger und Gitarrist Billy Lynn, vor, das Drumset von Josh Morgan für seine Kletter- und Sprungeinlagen zu nutzen. Schon bevor sie die Bühne mit Rock and Roll Queen wieder verließen war klar, dass die Messlatte für die folgenden Bands gerade ziemlich hoch gelegt worden war. Das zu überbieten gelang den folgenden The Futureheads nicht, obwohl auch sie ein solides Konzert ablieferten.

Die Fans von Deichkind fieberten dem Konzert offensichtlich schon länger entgegen. Nicht nur, dass schon das Aufstellen der Trampoline – teilweise mit wahrhaft olympischen Ausmaßen – bejubelt wurde, auch war man bereits zu Hause fleißig beim Nachbasteln der Bühnenoutfits gewesen. Angekündigt wurde dann die "beste Partyband der Welt", wobei die Betonung wohl eher auf "Party" als auf "Band" liegen muss. Akustisch gibt es nicht übermäßig viel Arbeit auf der Bühne, wenn man personell so gut ausgestattet ist, wie die "Electric Super Dance Band" und außerdem einen großen Teil des basslastigen Geräuschteppichs nicht selbst mit Stimmbändern oder Instrumenten erzeugt.

Dafür bleibt dann umso mehr Raum für die Show. Die Liste der verwendeten Requisiten ist entsprechend lang und reicht von den schon erwähnten Trampolinen über Fitnessgeräte, Schlauchboote und Regenschirme bis hin zu Bettfedern und allem möglichen anderen Zeug, das irgendwie in die Luft befördert werden kann. Bei Bon Voyage wurde das Publikum vom Personal mit Wasser und von der Band mit Alkoholischem geduscht, worauf die das mit den einstudierten Choreografien etwas lockerer nahm und sich stattdessen mehr und mehr darauf verlegte, die Zuschauer von nun an selbst möglichst kontinuierlich zu bewässern. Manch ein Fan der gepflegten Punkmusik konnte mit dem Spektakel nicht ganz so viel anfangen, der weit überwiegende Teil war jedoch über Party, Tanz, Krawall und Remmidemmi in Urlaubsatmosphäre hoch erfreut.

Durchbruch oder One-Hit-Wonder? Welche Rolle Hey There Delilah für die Plain White T's spielen wird, bleibt letztlich noch abzuwarten. Ihr Auftritt bei Rock am See nährt jedoch nicht unbedingt die Hoffnung, es könnte sich um ersteres handeln. Dass es etwas gemächlicher zugehen würde war ja zu erwarten, aber auch für Freunde der Popmusik gab es wenig Grund in Begeisterung zu verfallen. Eher fade und wenig aufregend war das Dargebotene, der mehrstimmige Gesang gelegentlich fast an der Grenze des Nervigen. Aber kein Problem, nach der anstrengenden Show von Deichkind war der Zeitpunkt optimal, um sich noch einmal ein wenig zu erholen und zu verpflegen, bevor das Festival zu seinem mit lebenden Denkmälern des Punks gespickten Höhepunkt ansetzte.

Den Reigen der Dinosaurier eröffneten Bad Religion, die direkt mit 21st Century (Digital Boy) einstiegen und damit gleich für ausgelassene Stimmung und ordentlich Bewegung im Publikum sorgten. Interessant auch der Vergleich, wie es die Künstler angingen, ihr an diesem Abend durchschnittlich gerade einmal halb so altes Publikum zu unterhalten. Bad Religion, körperlich nicht mehr ganz so in Form wie einst, lösten diese Aufgabe primär musikalisch. Sie spielten ein überzeugendes Set und überließen allzu wildes Rumgespringe lieber den Jüngeren vor der Bühne, auf die Stücke wie der Punk Rock Song die gewünschte Wirkung hatten. Ganz anders Iggy Pop, der bei diesem Vergleich getrennt von seiner, nach dreißig Jahren Trennung nun wiedervereinigten, Band betrachtet werden muss. Obwohl auch sein Körper von exzessiven Jahren gezeichnet ist, präsentiert er sich durchtrainiert, natürlich mit freiem Oberkörper und figurbetonter Jeans. Auf der Bühne wirbelt er mal umher wie ein tollwütiges Tier, dann bewegt er sich wieder auf seine einzigartige, androgyne Weise. Seine exzentrische und provozierende Art funktioniert erfreulicherweise auch heute noch und stieß daher nicht überall auf Verständnis. Den maßgeblichen Wegbereiter des Punks einmal live vor sich auf der Bühne zu haben, wo er seine Musik nicht nur einfach spielt, sondern offensichtlich auch lebt, ist aber in jedem Fall eine sehenswerte Angelegenheit.

Abschluss in doppeltem Sinne war der Auftritt von Die Ärzte. Dieser war sowohl Schlusspunkt des Festivals, als auch der letzte Gig der "besten Band der Welt" für dieses Jahr – laut wilden Gerüchten sogar für noch länger. Der Auftritt in Konstanz wurde erwartungsgemäß nicht ihr schlechtestes Konzert, auch wenn ihnen hier – behördlichen Auflagen sei dank – für ihre Verhältnisse relativ enge zeitliche Grenzen gesetzt waren. Bewegendster Moment war Belas Heiratsantrag an Farin, den dieser aber ablehnte. Der durchweg positive Gesamteindruck des Festivals wird dadurch freilich nicht getrübt. Neben dem harmonisch abgestimmtem Programm und dem schon fast zu guten Wetter war es vor allem auch die ausgelassene und trotzdem sehr entspannte Stimmung bei den insgesamt 22.000, die jetzt schon die Vorfreude auf den nächsten Festivalsommer wecken.

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