Highfield Festival Atmosphäre
Foto: Jochen Melchior

Highfield Festival Atmosphäre Foto: Jochen Melchior © FKP

Das Highfield-Festival gilt als das größte Rockfestival in Deutschlands Osten. Alljährlich geben sich hier am Stausee Hohenfelden nahe Erfurt mitten im August nationale wie internationale Bands die Klinke in die Hand, um die von Konzerten eher sparsam bediente Region wenigstens an drei Tagen im Jahr mit Rockmusik zu beglücken. So auch bei der schon 11. Auflage, wo sich neben den nationalen Stars wie Die Ärzte und Beatsteaks auch weltweite Größen wie The Hives, The Killers oder Bloc Party versammelten.

{image}Wenn man zum Highfield fährt, dann steht meistens eines ziemlich sicher fest: Man fährt zu einem der am schönsten gelegenen Festivals in Deutschland. Denn das Festivalgelände liegt, umgeben von einer Waldlandschaft, in unmittelbarer Nähe eines großen Stausees, auf dem das geübte Auge hin und wieder auch mal den einen oder anderen Künstler mit Tretbooten über das Wasser fahren sieht. Und dann ist das Highfield wohl auch einer der wenigen Festivals, die in der direkten Nähe einer Großstadt liegen, genauer gesagt: in der Nähe der Landeshauptstadt Erfurt, die gleichermaßen zum Shoppen einlädt. Aber geht das? Städtebesichtigung und Festivalatmosphäre? Ja, es funktioniert! So bietet der von den Veranstaltern eingerichtete Busverkehr mit dem so wunderbaren Namen "Highfield-Express", der tagsüber wie auch nachts zwischen Erfurt und Festivalgelände verkehrt, genügend Anlass die bekannte, historische Altstadt Erfurts zu erkunden und dies gegebenenfalls sogar mit einem Schluck Wein vom gleichermaßen alljährlich stattfindenden Weinfest zu feiern. {image}Es gibt also viele Anreize zum Besuch dieses Festivals und so ist es kein Wunder, dass der Veranstalter FKP Scorpio wenige Tage vor Beginn zum ersten Mal in der Festivalgeschichte vermelden konnte: Ausverkauft! Allerdings kamen die Fans dann wohl doch eher wegen der Bands zum Festival, als wegen einer möglichen Städtebesichtigung. Nachdem in den letzten Jahren Bands wie Foo Fighters, Queens of the Stone Age, Muse oder Placebo das Publikum in Begeisterung versetzten, war das Line-Up in diesem Jahr erneut stark besetzt.

Doch bevor die ersten Bands am Freitag die Bühne betraten, mussten die Fans sich erstmal mit grauen Wolken und leichtem Regen begnügen, der den einen oder anderen Festivalbesucher schließlich dazu veranlasste, Gummistiefel und Wanderschuhe auszupacken.

{image}Doch nachdem Daniel Wirtz mit seinem eher schwer verträglichen Deutschrock das Festival offiziell eröffnet hatte und The Subways kurze Zeit später mit ihrem Song Rockn‘ Roll Queen die Massen zum ersten Mal zum Kochen und Sieden gebracht hatten, vertrieben Tocotronic wenig später die Regenwolken mit Hits wie Freiburg, Hey Freaks und Kapitulation sowie ihren poesiehaften Ansagen. Und sie öffneten die vorm Song kapitulierende Wolkendecke für die so wärmenden Sonnenstrahlen.

Weiter ging es nun in erheiternder Sonnenstimmung im schwach beleuchteten Coca Cola Soundwave Tent, wo die selbsternannten Middle-Eastern-Psych-Pop-Snap-Gospel-Rocker Yeasayer aus Brooklyn mit einem atmosphärisch dichten Set und mit einer Mischung aus Folklore, elektronischer Musik und tanzbarem Rock das Publikum begeisterten. Kurz danach sollten eigentlich auch We Are Scientists die Bühne betreten, aber nach fast einstündiger Umbaupause hatten einige Besucher das Zelt verlassen, um sich auf die im diesem Jahr bei vielen Festivals vertretene Band Sportfreunde Stiller zu konzentrieren, die mit ihren Mtsing-Hits in gewohnt freundlicher und höflicher Weise auftraten und dabei auch Subways Rockn’Roll Queen auf Deutsch zum Besten gaben.

{image}Kurze Zeit später kamen dann Bloc Party auf die Bühne und beglückten die Fans bei dieser exklusiven Festivalshow mit einerseits einigen neuen Songs, darunter die Single Mercury von ihrem bald erscheinenden Album Intimacy, und mit einer tollen Lightshow, die zusammen mit dem am Himmel leuchtenden Vollmond und vor den knapp 25.000 Menschen eine wunderbare Atmosphäre vermittelte. Sänger Kele Okereke sang dabei wieder typisch überdreht und war sichtlich glücklich über die tanzende Menge, die praktisch schon vor den Konzerten über das ganze Wochenende hinweg von den Kameramännern, die wie ehrenamtliche Animateure wirkten, mit Gesten zum Feiern und Tanzen angestachelt wurden. Das entging Okereke nicht und dementsprechend lobte er dieselben mit einigen Grußworten. Auch lobenswert: Die deutschen Sprechversuche des seit etwa einem Jahr in Berlin lebenden Schlagzeugers Matt Tong.

{image}Bevor dann die britischen The Killers als erster Headliner des Festivals die Bühne betraten, ging es zuvor schnell nochmal in das Zelt, in dem das Zweier-Duo Dresden Dolls um Armanda Palmer und Brian Viglione einen charmanten und belustigenden Mix aus Musik, Kabarett und Schauspielerei bot. Besonders der Schlagzeuger Brian Viglione setzte sich hier wie ein Clown immer verschiedene Mienen auf und illustrierte die Musik mit ekstatischen Gestern oder stürzte dann auch mal gern über sein Schlagzeug. The Killers beendeten schließlich den ersten Festivaltag und brachten, mit weniger Arroganz als üblich und live überraschend stark, die Menge besonders mit ihrem Hit All these things that i’ve done zum Mitsingen. Um kurz vor halb zwei Uhr in der Nacht endete schließlich der erste Festivaltag und die meisten Besucher suchten bei sehr kühlen Außentemperaturen daraufhin entweder schleunigst die Zelte auf, oder aber sie stimmten sich im Discozelt bei der Ärzte-Fanparty schon einmal auf den nächsten Tag ein.

Zum Glück für die in der Nacht sehr an der Kälte leidenden Besucher, empfing der Samstag die Besucher dann mit einem strahlend blauen Himmel, Sonnenschein und milden Temperaturen. Die T-Shirts konnten damit endlich wieder gegen die lästigen Jacken ausgetauscht werden.

{image}Dabei bestimmte in der Reihe der Bandshirts besonders eine Band die Körper der Festivalisten: Die Ärzte. Gar hatte man den Eindruck, dass viele Besucher nur wegen dieser Band zu diesem Festival gekommen waren, obwohl Farin, Rod und Bela in diesem Jahr doch schon in jedem noch so kleinen Dorf gespielt haben. Doch zunächst hatten noch andere Bands die Möglichkeit ihr Bestes zu geben, und die Fans für sich zu gewinnen. Zum Beispiel Gogol Bordello, deren Sänger mit eigentümlicher Kleidung und seinem Gypsy-Punk die Menge begeisterte und auch nicht von technischen Problemen an seiner Gitarre zurückschreckte, sondern dafür eben einen anderen Song improvisierte. Mit mächtigem Tempo flitzte er hin und her über die Bühne. Oder die politische Rockgruppe The International Noise Conspiracy, die einheitlich in violetter Kleidung auftraten und deren Sänger und Ex-Refused-Mitglied Dennis Lyxzen mit seinem Umhang ein wenig wie Superman aussah, dabei immer wieder Wasser aus seinem Mund in die Luft spuckte oder mit seinem Mikrofonkabel herumspielte sowie artistische Meisterleistungen in Form von Spagaten und anderen Verrenkungen vollbrachte.

{image}Mit dem Punkrocker, Schriftsteller und Schauspieler Henry Rollins wurde es im Coca Cola Soundwave Tent dann erstmal etwas ruhiger. Er trat mit seinem Programm Spoken Word auf, bei dem er in moralischer, aufrüttelnder, aber auch unterhaltsamer Weise eine Stunde über sein Leben in Amerika, seinen Reisen durch die Länder der sogenannten Schurkenstaaten und über einige seiner Erfahrungen mit Deutschland berichtete. Alles in freier Rede ohne Hilfsmittel! Dieser Vortrag hatte etwas erfrischend Neues für ein Rockfestival, denn gab es zuvor schon einmal eine Lesung während eines Rockfestivals? So bedankte er sich auch höflich, dass die meisten der Zeltbesucher die Stunde mit ihm verbracht hatten.

Zwischenzeitlich hatten nun auch Vertreter der Hamburger Schule, Kettcar, mit ihrem Konzert begonnen. Dabei präsentierten sie insebsondere ihr neustes, düsteres Werk Sylt. Als bei der Ballade Am Tisch Bela B. als Gastsänger auftrat, brandete verstärkter Jubel auf, wo einige der seit Stunden nur auf die Ärzte wartenden Fans wohl ihre Finger im Spiel hatten. Mit Wir danken der Academy beendeten Kettcar schließlich ihr Set furios.

{image}Und dann warteten die Festivalisten auf einer der Höhepunkte des diesjährigen Festivals: Auf die schwedische Band The Hives, die im bekannten Dresscode schwarz/weiß die Bühne erstürmte und ein wahren Sturm an Moshpits, Gedrücke und Gedränge vor der Bühne auslöste. Sänger Pelle Almqvist hantierte dabei mit seinem Mikrofonkabel ebenso artistisch, wie der schon oben genannte Sänger von International Noise Conspiracy. Seine Performance wirkte dabei wiedermal so charmant überheblich, wie man es von ihm gewohnt ist. Und sie zeigten auch erneut, dass sie die Meister im Erschaffen eines Standbilds auf der Bühne sind. Fast hat man in dem Moment den Eindruck, sie wären zu Statuen erstarrt, wenn sie minutenlang regungslos in einer Position stehenbleiben.

{image}Mit I am Kloot hätte man dann den zweiten Festivaltag mit entspannter Gitarrenpopmusik ausklingen lassen können, doch viele entschieden sich dennoch dazu draußen zu bleiben, so dass I am Kloot dann leider etwas an dem Umstand des anstehenden Ärzte-Konzerts zu leiden hatten. So war das ganze Festivalgelände mit Menschen überfüllt, als man aus dem wärmenden Zelt in die zum zweiten Mal bitterkalte Nacht hinaustrat. Damit einige Autos vom Gelände fahren konnten, mussten die Securities die Zuschauer von der Straße drücken, die zum Ausgang führte. Die Ärzte um BelaFarinRod spielten ein "Best-of"-Set mit den üblichen – etwas kindischen – Spielereien in den Ansagen und den schon fast zur Routine gewordenen  Sitzlaola-Wellen. Trotzdem ist es auf Ärzte-Konzerten immer wieder amüsant zu beobachten, wie die jungen Fans einen fast nötigen, an den von der Band ausgelösten Aktionen mitzumachen. Zum Beispiel beim gemeinschaftlichen Sitzen vor dem Aufspringen beim Refrain im Song Unrockbar, wenn einige Hände am Hosenbein ziehen, damit man sich hinsetzt. Ansonsten wird man hier schnell als "Spielverderber" gebrandmarkt. Eine ernsthafte Initiative gab es dann aber auch. Und zwar für "Viva Con Aqua", eine Aktion, bei der man seinen Pfandbecher für Trinkwasserprojekte in Krisenregionen spenden kann. Die Ärzte riefen dazu auf, alle Becher auf die Bühne zu schmeißen, und so folgsam wie Ärzte-Fans nun mal sind, musste sich die Band wenige Sekunden später auf einen kräftigen Becherhagel einstellen.

{image}Den Sonntag ging der geneigte Fan dann etwas ruhiger an, und so traf man am Vormittag bei herrlichstem Sonnenschein einige Highfield-Besucher zum Beispiel auch in der Innenstadt Erfurts im Eiscafe oder im Restaurant. Der erste Höhepunkt folgte am frühen Nachmittag im Coca Cola Soundwave Tent. Denn nachdem dort die letzte Band von den Gewinnern des Soundwave Contest gespielt hatte, war nach einer etwas langen Umbaupause für das Ex-Screaming-Tree-Mitglied und zeitweiligem Queens-of-the-Stone-Age-Mitglied Mark Lanegan sowie seinem Kumpel, dem Afghan-Whigs und Twilight-Singers-Mitglied Greg Dulli, Zeit für ihr neustes Projekt Gutter Twins. Der Sound voller Gitarrenriffs und stark geprägt durch die so charakteristische und tiefe Stimme Lanegans, beeindruckte viele Zuschauer, darunter u.a. auch den Bassisten der Beatsteaks, der während dem gesamten Konzert im Publikum stand. Folgerichtig widmeten die Beatsteaks wenig später am Abend demselben Mark Lanegan auch einen Song. Doch zunächst sollten noch das britische Zweier-Duo Blood Red Shoes in dem aus allen Nähten platzenden Zelt einen mitreißenden und umjubelten Auftritt feiern und Madsen wieder mal die Perfektion ausrufen. Und auch Serj Tankian folgte noch, der bekanntlich ja in der amerikanischen Rockband System Of A Down tätig, jedoch gerade solo unterwegs ist. Allerdings klang das, was Serj Tankian – der mit einem Zylinderhut auftrat – da machte, auch nicht viel anders als das, was er mit seiner Band fabriziert. Während danach Dropkick Murphys, etwas kränklich wie sie meinten, auf der Hauptbühne ihre Plätze fanden und dabei ihre aus Irish Folk und Punk bestehende Musik zelebrierten, für gute Laune und einige Mospits sorgten, hatten die Ingolstädter Slut im Zelt ihren Auftritt mit Hits wie All We Need is Silence oder Why Pourquoi mit Euphorie zu Ende gebracht. Dann war es schließlich Zeit für den absoluten Höhepunkt des diesjährigen Highfield-Festivals.

{image}Die Beatsteaks. Mit ihrer unglaublichen Energie, dem Talent, die Euphorie aufs Publikum gekonnt zu übertragen, legten sie einen Auftritt hin, der nichts an Wünschen übrig ließ. Fast gänzlich alle Zuschauer standen geeint auf dem Festivalgelände und schauten gebannt zu, was sich die Beatsteaks an diesem Abend wieder ausgedacht hatten. Und die Zuschauer, die das Konzert verließen, verpassten eindeutig Aktionen, die die Idee der Sitzlaolawelle der Ärzte als schier langweilig werden ließ. Denn zuerst wurde die Menge dazu aufgefordert so aufopferungsvoll zu hüpfen, dass sich eine riesige Staubwolke bildete, und dann befolgten die Fans auch noch den Rat der Gruppe, trotz der Kälte all ihre T-Shirts auszuziehen und als Gestus des Abschieds oder der Freude über die vergangenen drei Tage die Shirts kräftig in der Luft zu schwenken.

In jedem Fall war das ein gelungener Abschluss für das größte Festival in Ostdeutschland, und die Zuschauer waren nach diesem Sport sichtlich müde, zufrieden und vor allem auch froh, bald wieder in ihrem eigenen Bett schlafen zu können. Kein Wunder angesichts der eisigen Temperaturen in jenen besagten drei Tagen des Highfield 2008.

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