Taubertal 2008 - Panteon Roccoco

Taubertal 2008 - Panteon Roccoco © regioactive.de

Das liebliche Taubertal rockt einmal im Jahr mit den ganz Großen. Dieses Jahr erwartete die Fans erneut ein Aufgebot namhafter Bands und Shows der Extraklasse. Das Festival war schon lange im Vorfeld ausverkauft - und die Massen wurden nicht enttäuscht, auch wenn die gute alte Taubertal-Tradition, durch Matsch zu laufen, um mit Zelt und Bier im Schlamm zu versinken, dieses Jahr nicht erfüllt wurde.

{image}"Und der Mann sprach: Es wird Regen geben." Die Fantas singen davon und jetzt sind sie selber bei den Franken gelandet. Erweist sich 2008 als Ausnahme? Am Donnerstag Abend sieht es jedenfalls noch nicht so aus und der Regen lockt zum fröhlichen Planschen mit Dúné, die im nahegelegenen Steinbruch auf Fettes Brot, Fanta 4, die Ärzte, Slut, Culcha Candela, She male trouble, die Schröders u.v.m. einstimmen. Die Warm-Up-Party mit den Dänen ist der Auftakt zu Spot@Taubertal. "Spot" ist quasi ein Band-Austauschprogramm zwischen der dänischen Organisation ROSA ("Dänisches Rock-Counsil" – direkt dem Kultusministerium unterstellt und mit Geldern unterstützt, die zur Verfügung gestellt werden, um dänische Nachwuchsbands zu fördern) und dem Taubertal-Festival. Es werden regelmäßig dänische Bands eingeladen in Deutschland zu spielen um deren Bekanntheitsgrad zu steigern. Dieses Jahr waren die Bands Lily Electric, Dúné, Schwarzwald Library und Nephew als Austauschgäste nach Rothenburg eingeladen. Besonders die Geschichte der Band Nephew bedeutet sowohl für ROSA als auch für das Taubertal-Festival einen großen Erfolg, da die Band kurz vor ihrer Auflösung stand (selbst verursachter Leistungsdruck), bevor der schon im Voraus zugesagte Gig in Rothenburg im Jahr 2001 stattfand. Durch die Festival-Stimmung beflügelt, entschieden sich die Band-Mitglieder im Anschluss jedoch dafür noch ein Album zu produzieren und gewannen damit Unmengen dänischer Rock-Herzen, so dass der gewünschte Erfolg doch noch eintrat und sie bis heute zur erfolgreichsten dänischen Band geworden sind. Im Taubertal kann man sich eben von den Qualitäten dänischer Rockmusik überzeugen lassen.

Es gibt eine große Plage, bei jedem Festival: Immer diese Entscheidungen. Jedes Jahr steht der Festivalbesucher vor denselben Fragen: Gummistiefel oder Wegwerfsneakers? Beck’s oder durstig? Haupt- oder Nebenbühne? Wir haben uns für Stiefel, Beck’s und weitestgehend Hauptbühne entschieden. Also ran an die Bands, wer hat uns denn in den 3 Tagen herrlich verzückt oder bitterlich enttäuscht?

{image}Beginnen wir mit dem Opener auf der Mainstage: SickCity kennt man aus München und damit von on3radio. Die vier Jungs liefern auf der Bühne eine Mischung aus Emo-Rock und Indiepop. Sehr gitarrenlastig unterstreicht der Sänger seine weiche, treffsichere Stimme. Die Bayern beweisen sich mit Songs wie crack whore als perfekte Eröffnungsband. Nicht nur die absolute Präsenz der Drums macht diesen Gig sehr tanzbar. Leider bleibt das Publikum aus.

Auf der Nebenbühne "Sounds for Nature" geht indes der Emergenza-Contest an den Start. Den Anfang macht die französische Band Namaste. Sie bringen einen Hauch Jamaika ins gerade wieder trockene Taubertal. Chansonlastiger Reggae oder reggaelastiger Chanson? Die 7 Franzosen überzeugen mit einem sehr eigenen Stil, der an den Instrumenten Cello, Saxophon und eine Sängerin beinhaltet. Mit dem ersten deutschen Teilnehmer Drowning Fate kommt dann auch gleich das Härteste auf die Bühne, was das Festival bis dahin im Aufgebot zu bieten hatte. Die 4 Jungs bringen Energie und Power auf die Bühne. Es wird geshoutet und die Sonne prasselt dazu erbarmungslos auf einen ein. Ungewohnt ist es, auf dem trockenen Boden in Gummistiefeln zu den durch ein Megaphon gebrüllten Songs zu tanzen. Richtig guter Metal mit sehr viel Gitarre, der einfach nur Spaß macht und eigentlich unser Favorit in dem Contest ist. Hart geht es weiter, denn Crossed Keys haben eine unglaubliche Röhre als Frontfrau, die durch Courtney Love-Charme zu verzaubern versteht. Sie reißt das Publikum mit und weist die Franken ein in die Zeiten von gutem hausgemachten Punk, der ehrlich und auf voller Lautstärke durch die Ohren ins Herz trifft. Von dieser Band wird man sicherlich noch viel hören, und wenn man das macht, dann bitte laut!

{image}Es gilt keine Zeit zu verlieren – ab zu Blackmail. Ob man sie mag oder nicht: sie sind Kult und definitiv Ausnahmemusiker. Das Publikum rockt mit ihnen, zu ihren alten Hits, und natürlich zu den Songs aus dem aktuellen Album. Dezent lustlose Momente reißt der Sänger sofort wieder raus und versteht es dabei, das Publikum mit Zuckerbrot und Peitsche zu verwöhnen. Technisch versiert ziehen sie das volle Programm durch und wir unseren Hut.

Adam Green dagegen wird den Erwartungen (mal wieder) nicht gerecht und stolpert desorientiert über die Bühne. Demonstrativ unmotiviert singt er monoton ein Lied nach dem anderen. Unwitzige Comedyeinlagen wie eine Banane, die er aus seiner Hose "zaubert" und danach angebissen ins Publikum wirft, bleiben der Höhepunkt seines Gigs. Erzeugen seine CDs zuhause ein gutes Gefühl, so schafft Adam live und on stage nur ein "höfliches mit den Knie wippen". Schade eigentlich, dass der Hoffnungsträger des Antifolk und Mainstreamgegner sein bekanntestes Lied Jessica nicht performen kann, weil er nicht einen einzigen Ton trifft. Eine traurige Entwicklung sagen wir und ziehen uns zur Emergenzabühne zurück.

Zu Die fantastischen Vier versammelt sich eine große Menge vor der Bühne. Sie haben große Hoffnungen geweckt, doch sie setzen auf eine massenuntaugliche Auswahl an Songs und legen ihr Augenmerk auf das Album Viel. Wider der Erwartung der Massen spielen sie lediglich eine Hand voll Klassiker, darunter M f G oder Sie ist weg. Der Auftritt bleibt deshalb auf der Bühne stecken und schafft es leider nicht wirklich, auf das Publikum über zu schwappen. "Wahre Hip-Hopper" sind bei Fanta 4 unstimmig, ob diese den HipHop durch Kommerzialisierung verraten haben, oder eben doch den ersten guten deutschen Sprechgesang produziert haben. An diesem Abend jedoch sind sich die meisten Festivalbesucher einig und nehmen es niemandem übel, sich vorzeitig auf das Campinggelände oder zu Jupiter Jones zu verabschieden.

{image}Viel zu wenig Publikum bei Jupiter Jones, dennoch glänzen sie als persönliches Highlight. Auf dem "Red-Bull After-Show"-Bus ist die Bewegungsfreiheit zwar stark eingeschränkt, aber die Atmosphäre im Steinbruch (halbe Strecke vom Festivalgelände zum Camping am Berg) macht einiges wett. Jupiter Jones sind zwar aus der Eiffel, können aber locker mit der Hamburger Schule mithalten. Sie spielen ihr grandioses entweder geht die scheußliche Tapete oder ich und überzeugen mit viel Bass, viel Gitarre, viel Schlagzeug und der sanften Stimme des Sängers. Markant und einprägsam zieht diese sich einem bis ins Rückenmark. Tanzwütig vertreibt sich das Publikum Zeit & Kälte bis zum Auftritt der Donots. Und da sind sie auch schon, pünktlich zum ersten richtigen Regenguss auf dem diesjährigen Taubertal. "We got the Noise" – ist zwar nicht mehr aktuelles Statement, aber dennoch Tatsache. Sie spielen ihre aktuelle CD coma chameleon sehr überzeugend. Alles in Allem ein sehr schöner Ausklang des Tages. Vernünftige Menschen würden jetzt schlafen gehen…

Viele Eindrücke vom Taubertal

findet ihr in der großen Fotogalerie.

Keine Müdigkeit vorschützen – kaum aus dem Zelt gekrochen, lacht die Sonne uns an diesem Samstag entgegen, also müssen wir auch wieder ran. Generell wirkt es, als würde die Sonne den Regen komplett ersetzen. Samstag und Sonntag werden richtig heiß und die Haut droht mit Sonnenbrand. Sicher, dass wir noch im Taubertal sind?

Die nächsten beiden Tage sind voll mit guter Musik. Einmal sind wir etwas irritiert und fragen uns, ob Adam Green noch mal sein Glück versucht. Es klingt wie er "in harmonisch". Doch nein, es sind die Editors, die das Publikum zum Träumen bringen. Sie lassen sich feiern und werden gefeiert, aber alles noch in ruhigen Bahnen, schließlich muss das Publikum sich ausruhen.

{image}Still No. 1 – der Name ist beim nächsten Act Programm: Slut begeistern mit dem immer noch aktuellen Album und beweisen die Attraktivität Ingolstädter PopRocks. Ein besonderes Highlight ist der Klassiker Die Morität von Mackie Messer, bei dem das relativ spärlich vetretene Publikum lautstark mitzusingen weiß. Die Zugabe beginnt mit Wednesday, Mädchenherzen schlagen jetzt höher, werden mit dem letzten Lied von Slut aber gleich wieder auf Hüpfen gepolt. Sie haben ihre Qualitäten belegt: Als heraussragende Live-Band mit der Fähigkeit ihre Instrumente zu beherrschen und die Menschen zum Mitmachen zu motivieren – so präsentierten sich Slut auf dem Taubertal 2008.

Nun stehen Panteon Rococó bevor. Die Mexikaner brauchen nur eine Minute, bis sich das ganze Volk auf den Hängen bewegt. Diese unglaubliche Bühnenpräsenz und Aktivität gepaart mit Anti-Bush-Parolen lassen das Publikumsherz gewinnen. Es wird gefeiert, es wird getrunken und Party pur mit mexikanischem Lebensgefühl verschenkt. Auch nach dem Auftritt zeigen sie sich ungewöhnlich publikumsnah: Sie laufen quer über das Gelände, geben freundlich Autogramme und stehen für jeden Fotowunsch Spalier.

{image}Fettes Brot haben nicht nur einen großen Namen, sondern auch große Fans. Von aktuellen Liedern wie Erdbeben bis hin zu eigenen Klassikern wie Jein, das Publikum schüttelt den Popo und grölt umso lauter. Man liest so oft, dass Fettes Brot erwachsen geworden sind. Und das stimmt. Für ihr Publikum geben sie alles und bekommen auch alles zurück. An Tagen wie diesen wird Wort für Wort, Atemzug um Atemzug von den Zuschauern getragen. Mitsingen und Abgehen ist Pflicht. Definitiv der größte Act auf dem diesjährigen Festival.

Auch danach wird weitergetanzt. Vormann Leise heißt es und geht laut her. Turbostaat wissen genau, wie man sich und das Publikum in Bewegung versetzt. Verschwitzt, verpogt und Ellbogen im Gesicht. Das ist guter beständiger deutscher FunPunk. Politisch und sozialkritisch schmettern sie einen Song nach dem anderen und die Fans sich ineinander.

Inzwischen wurde der Gewinner des Emergenza-Wettbewerbs bekannt gegeben: Glorian Cycles aus UK haben gewonnen. Die Nervosität auf solch einer Bühne zu stehen sieht man ihnen an, dennoch bieten sie Brit-Rock vom Feinsten. Mit schottischem Akzent singen sich die Inselbewohner in das Gedächtnis aller Anwesenden. Im Gespräch erzählen sie uns, wie sehr sie darauf hoffen, dass sie in Zukunft nur von der Musik leben und ihre Kellnerjobs endlich an den Nagel hängen können. Wir wünschen es ihnen sehr!

Schröders schaffen es sonntags um Zwei noch die Massen zu fordern und zum Niederknien zu bewegen. Sie geben alles. Sie sind zwar alt geworden, aber dennoch schaffen sie es immer, dass die Damen blank ziehen. Nackig wird Frösche mitgegröhlt, genauso wie "saufen saufen saufen saufen fressen und.."… ihr wisst schon. Die Instrumente ein bisschen verstimmt und die Stimme leicht angefressen, wissen sie wie man rocken lässt. Einmal gelernt.....! Großes Kino und sehr zu empfehlen. 

{image}Anti-Flag beweisen sich als Meister des guten amerikanischen Punk-Rocks und der absoluten Anti-Haltung. Das Publikum ist vom ersten Takt dabei und pogt im Rhythmus mit den kultigen Punkern. Ein Highlight in ihrem Auftritt ist der Rothenburger Kinderchor, der zur Unterstützung auf die Bühne geholt wird.  Moralischen Beistand für die Kleinen liefern die Mamas und Papas, die mit stolzgeschwellter Brust dem Nachwuchs auf der Bühne lauschen und sicher niemals in ihrem Leben ein so tolles Konzert erlebt haben.

Die Ärzte fallen hauptsächlich durch Arroganz hinter, auf, und vor der Bühne auf. Ein liebloser Auftritt, der nur durch das euphorische Publikum gerettet wird. Die Songauswahl zieht mehr auf alteingesessene Ärzte-Fans ab, als auf generelle Festivalbesucher, die zufällig auch vor Ort sind und sich auf's Mitsingen mit großen Hits wie Männer sind Schweine freuen. Das Gute an dem Auftritt ist: hier zeigt der Fan, was einen wahren Fan auszeichnet, nämlich die beste Band der Welt abzufeiern und einfach nur Spaß zu haben. Die Fans kommen auf ihre Kosten, der Otto-Normal-Festivalbesucher ins Dümpeln. Nachdem die ersten 20 Reihen jedoch im Ä-Logo erstrahlen ist alles gut und das Festival quasi vorbei.

Als Fazit zum Taubertal Open Air 2008 lässt sich sagen, dass tatsächlich für jeden Musikgeschmack etwas dabei war. Es gab wieder viele neue frische Bands, die bestimmt noch ihren Weg in der Szene und hoffentlich auch darüber hinaus machen werden. Wir drücken den Nachwuchsbands jedenfalls alle Daumen und sehen ja vielleicht die ein oder andere im nächsten Jahr auf der großen Bühne wieder. Wir sind ohnehin gespannt, ob man dieses Line-Up noch überbieten kann. Nein, wir sind nicht gespannt, ob das geht, sondern mit wem die Veranstalter des TOA genau dies schaffen werden. Denn ein herausragendes Line-Up gehört zum Taubertal wie das betrunkene Berghochkraxeln und Beschwerden übers Wetter – entweder ist es zu heiß, oder es schüttet aus Eimern. Aber irgendwie hat ohne ordentliche Schlammschlacht definitiv etwas gefehlt.

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