Paul Simon

Paul Simon © Warner Music Group

Angesichts seiner herausragenden Beiträge zur Popmusik im Verlauf seiner fünfzigjährigen Karriere, wird Paul Simon zu selten die Anerkennung entgegengebracht, die er verdient. Es ist fraglos richtig, dass er sich in Sachen Charisma, Eleganz, Witz, Charme oder Rätselhaftigkeit nicht mit anderen Legenden der 1960er messen kann. Seine Fähigkeit, eingängige, kluge und bewegende Popsongs zu schreiben, ist jedoch fast unerreicht. Vorfreude auf sein Konzert in Lörrach war also garantiert.

Als Paul Simon die Bühne betritt, verhält sich der kleingewachsene, ergraute New Yorker denkbar unspektakulär. Ohne das Publikum anzusehen, dessen Jubel ihn und seine Band umtost, hebt er die Hand zum Gruß, so als wäre ihm die Bewunderung unangenehm.

In den ersten Liedern merkt man deutlich das Bemühen, seinen bekannten Klassikern ein neues musikalisches Gewand zu verleihen. "The Boy In The Bubble" verliert dadurch etwas von der atemlosen Spannung, die die Studioversion auszeichnet, ohne dass etwas Adäquates an deren Stelle träte. Besser gelingt die behutsame Neubearbeitung von "Slip Sliding Away", dessen Gesangspart subtil, aber effektiv, verändert wurde.

Es kann nicht überraschen, dass Paul Simons Neudeutungen nie so radikal ausfallen wie die Bob Dylans, denn das widerspricht seiner gemäßigten Natur, die nicht zu abrupten Kehrtwenden, sondern zur stetigen Weiterentwicklung neigt. Dennoch verdient sein Bemühen Respekt, nicht einfach die alten Hits in altem Gewand nachzuspielen, sondern sein Publikum zu überraschen.

Der Regen wäscht alle Lethargie weg

Als der Regen einsetzt, spielt die Band gerade eine mitreißende Version von "Me And Julio Down By The Schoolyard". Die Organisatoren haben vorgesorgt und Plastiküberhänge an das Publikum verteilt. Daher treten die meisten Zuschauer nicht die Flucht ins Trockene an, sondern harren im warmen Regen aus.

Paul Simon scheint davon keine Notiz zu nehmen, was vermutlich das Klügste ist, das er tun kann. Dafür verschwindet augenblicklich alle Lethargie und Routine, die man zu Anfang des Konzerts noch gelegentlich gespürt hat und dies bereitet den Weg für ein mitreißendes Konzerterlebnis.

Grenzen der angloamerikanischen Popmusik

Paul Simon kommt dabei zu Gute, dass der Klang sich im Laufe des Abends stark verbessert. Während der ersten Stücke des Abends wird sein Gesang von der üppigen Instrumentation fast verschluckt, später lässt er an Präsenz und Klarheit nichts zu wünschen übrig. Seine Stimme hat zwar einiges an Variabilität und Geschmeidigkeit verloren, ist aber insgesamt noch ausdrucksstark genug, um seinen Songs gerecht zu werden.

Die neunköpfige Band besteht aus zwei Gitarristen, einem Bassist, zwei Schlagzeugern/Perkussionisten und zwei Keyboardern, die außerdem eine Phalanx an Blech- und Holzbläsern sowie Akkordeon spielen. In ihrer Zusammensetzung aus Weißen, Latinos und Dunkelhäutigen verdeutlicht sie Simons langjähriges Bemühen, die Grenzen der angloamerikanischen Popmusik auszuloten und musikalische Ausdrucksformen aus anderen Teilen der Welt einzubeziehen.

Die Band funktioniert als Ganzes, ohne dass ein einzelner Musiker wirklich hervorstechen würde. Angesichts der sorgfältigen und ungeheuer kreativen Arrangements der Lieder ist das auch das Wichtigste.

Expressive Interpretationen von Heiligtümern der Popmusik

Es ist vorhersehbar, dass die Simon & Garfunkel-Klassiker am euphorischsten bejubelt werden. Das Bedürfnis der Zuschauer diese tausendfach gehörten Stücke ein weiteres Mal zu erleben, ist immer noch gewaltig. Allerdings bieten sie schon deshalb am wenigsten Raum für Neudeutungen, weil sie als Heiligtümer der Popmusik unantastbar sind.

Dennoch ist es erhebend diese Lieder aus dem Mund des Mannes zu hören, der sie geschrieben hat. Als die ersten Töne von "The Boxer" erklingen steigert sich der Jubel zur Ekstase.

"Still Crazy After All These Years", ein ebenfalls ungeheuer populäres Stück, eröffnet im Gegensatz dazu die Möglichkeit – zumindest in Bezug auf das Saxophonsolo – neue Wege zu gehen. Der Saxophonist ahmt nicht das klassische Solo des verstorbenen Michael Brecker nach, sondern liefert eine eigene, expressivere Interpretation.

Balanceakt der Gefühle

Paul Simon gelingt es ausgesprochen gut, eine Balance zwischen fröhlichen und nachdenklichen Liedern sowie den verschiedenen Phasen seiner Karriere zu schaffen. Es ist gerade der Abwechslungsreichtum, der das Konzert so überzeugend macht.

Die Stärke seiner Musik zeigt sich aber gerade auch in dem etwas weniger bekannten Songs: "How Can You Live In The Northeast" hebelt auf kluge, fragende Weise und mit ganz schlichten Mitteln religiöse und politische Vorurteile aus. "Train In The Distance" ist musikalisch ein fast meditatives Lied, das inhaltlich die traurige Bestandsaufnahme einer fehlgeschlagenen Beziehung darstellt.

Keine Reue

Daneben steht das gewaltige "The Cool, Cool River", dessen ekstatische Steigerung ungeheuer beeindruckt. Im Gegensatz dazu könnte man "Late In The Evening" fast als Partyhymne bezeichnen, die die Zuschauer zum Tanzen anregt und so den idealen Abschluss des zweistündigen Auftritts bildet. Trotz des zwischenzeitlichen Regens haben die meisten Zuschauer bis zum Ende ausgeharrt. Kaum jemand dürfte es bereut haben.

Selist Paul Simon

Gumboots / The Boy In The Bubble / Outrageous / Mrs. Robinson / How Can You Live In The Northeast / Slip Sliding Away / Me And Julio Down By The Schoolyard / You Are The One / Duncan / Train In The Distance / The Teacher / Sound Of Silence / The Cool, Cool River / The Only Living Boy In New York / Graceland / Father And Daughter / Diamonds On The Soles Of Her Shoes

Erste Zugabe: Still Crazy After All These Years / You Can Call Me Al / That Was Your Mother

Zweite Zugabe: The Boxer / Late In The Evening

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