Melt! Festival 2008
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Melt! Festival 2008 Foto: René Peschel © regioactive.de

Das Melt! steht wie ein unerschütterlicher Stern am Festival-Firmament. Die goldene Hand von Booker Stefan Lehmkuhl, gepaart mit einer atemberaubenden Kulisse und technischer Finesse, trug bisher immer dazu bei, dass das Melt! jedes Jahr aufs Neue für Furore sorgt. Vorab standen auch dieses Jahr die Sterne gut, denn mit der isländischen Prinzessin Björk konnten sich die Organisatoren etwas Besonderes ins Boot holen und das Festival sogar auf einen dritten Tag erweitern.

{image}Der vorauseilende Jubel war erwartungsgemäß riesig, doch irgendwie kam manches anders... Schon vor der Abreise in Richtung Ferropolis, auch "Die Stadt aus Eisen" genannt, führt ein Blick auf die Wettervorhersage zu mehr oder weniger geringfügigen Depressionen. Ausnahmsweise hat sich der Wetterfrosch nicht getäuscht, denn Regen und Wolken werden zu einer ständigen Begleiterscheinung auf dem diesjährigen Melt!. Das Resultat: Niederschlag nicht nur von oben, sondern ab und an auch auf dem Zeltplatz oder gar vor der Bühne. Doch genug von enervierenden Auseinandersetzungen mit Verankerungsstiften und schützenden Pavillons, denn immerhin gibt es ja noch großartige Bands zu sehen: The Editors sind sicher eine davon und vor allem Frontmann Tom Smith sticht dabei ins Auge. Mit viel Charme und Energie gelingt es ihm allein durch sein Auftreten, die Menge mitzureißen – die Bretter Smokers Outside The Hospital Door und An End Has A Start sorgen dann für den Rest. Während des Konzerts konnte man sicher aber durchaus auch eine Frage stellen: Was wäre, wenn sie sich etwas mehr trauen würden? Kantige Songs sucht man bei The Editors weiterhin vergebens.

{image}Eines der Highlights am Samstag sind The Notwist, die sich niemand entgehen lassen will (wir sind schon längst süchtig). Doch bereits der Aufbau wird durch ein Unwetter verhindert und man kann eigentlich nur noch zusehen, wie die Techniker hektisch auf der Bühne rotieren, um drohende Schäden am geliebten Equipment abzuwenden. Nach einer langen Pause und einer relativ positiven Entwicklung des Wetters, betreten The Notwist die Main-Stage und bedanken sich für die Geduld der noch Anwesenden. Allein schon das gebotene Bühnenbild sorgt für amüsierte Gemüter, denn während die Achers & Co. Arbeit vom Fach liefern, vergnügt sich Console mit zwei Nintendo Wii Steuereinheiten und moduliert wild sein vom Laptop stammendes Signal. Schnell wird klar, wodurch sich das Melt! ebenfalls von anderen Festivals unterscheidet: Einen unfassbar guten Sound, der seinesgleichen sucht. Die gelungene Staffelung der Instrumente und ein kerniger Bassbereich tragen dazu bei, dass den Gästen jetzt phasenweise richtig heiß wird. Ein erstes Kompliment also an die Firma, die dies so perfekt ermöglichte und Gnade denen, die sich später den Bässen des Dubstep-Ungeheuers Skream aussetzen wollten.

{image}Anschließend steht zwar trockene Kleidung auf dem Programm, doch auf dem Weg zum Zeltplatz wird das erste Mal offensichtlich, dass sich 4000-5000 Gäste mehr als in den Vorjahren ziemlich auf den Bequemlichkeitsfaktor auswirken. Ein Faktor, den viele am Melt!-Festival sehr zu schätzen wissen und der dadurch etwas abhanden gekommen ist. Auch den ein oder anderen Sicherheitsmann scheint dies zu tangieren, denn diese wirken bei manchen Gelegenheiten übermäßig renitent. Die Veranstalter haben jedoch umgehend erste Schlüsse daraus gezogen. Bereits am zweiten Tag verkündet der PR-Chef der "Intro", Dirk Völler, dass man sich mit den Problemen, die unter anderem auch am Einlass entstanden waren, noch intensiv beschäftigen wird.

Die Melt!-Fotogalerien:

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Der Sonntag bringt eine ganze Reihe an Highlights mit sich – dezenten Sonnenschein und ein beständigeres Wetter inklusive. So zum Beispiel die Los Campesions!, die mit ihrem Sound irgendwo zwischen Architecture in Helsinki und The Feelies tief in der Pop-Punk-Kiste wühlen, über die Electro-Rocker Neon Neon bis hin zu Get Well Soon. Es ist kein Geheimnis mehr, dass Konstantin Gropper Songs schreibt, die wie eine Karussell der Emotionen wirken und gekonnt zwischen Minimalismus und Monumentalismus manövrieren.

{image}Ein guter Auftakt zum vielleicht eigentlichen Höhepunkt des Festivals, den Battles (Adrenalin!). Erneut ein ungewohntes Bild auf der Bühne: John Stanier sitzt mit seinem Schlagzeug ganz vorne, während Ian Williams, Dave Konopka und Tyondai Braxton weiter hinten agieren. Schon bei dem Soundcheck des Schlagzeugs wird klar, dass Stanier von einem anderen Planeten stammen muss. Ab dem ersten Takt klingt die hämmernde Snare etwa so, als würde ein LKW bei Höchstgeschwindigkeit mit einer Wand kollidieren. Wie ein lebendiges Metronom drescht er auf sein Set ein und schiebt Songs wie Atlas oder Tij nach vorne, während der Rest der Truppe Geräusche aus dem Laptop abfeuert – hier werden tatsächlich musikalische Grenzen ausgelotet. Die Einflüsse dieser Band sind vielfältig und spiegeln sich zum Teil auch hier wieder. So lassen sich neben HipHop und Post-Punk auch avantgardistische bzw. klassische Elemente entdecken, die an das Schaffen von Steve Reich erinnern. Wohl etwas, das bei Ian Williams aus seiner Zeit mit dem Math-Rock-Urgestein Don Caballero zurückgeblieben ist. Verdient sprechen Kritiker aus aller Welt derzeit von der "tightest band on earth". Anschließend treiben Hot Chip die Temperatur weiter nach oben und stimmen langsam aber sicher auf den Abschluss des Festivals ein: Björk.

{image}Mittlerweile lässt sich sogar Sternenhimmel entdecken und die Bühne ist mit allerlei bunten Objekten verschönert. Die Isländerin ist ja bekannt für ausgefallene Darbietungen und legt besonders viel Wert darauf, sich extravagant in Szene zu setzen. Die Band besteht aus dem Jazz-Perkussionisten Chris Corsano, der eigentlich bei Sunburned Hand of the Man und Sonic Youth sein Unwesen treibt, Mark Bell aka. LFO, einem Brass-Ensemble aus Island und weiteren Musikern. Björk braucht nur wenige Sekunden, um die Stimmung ganz nach oben zu katapultieren. Besonders lobenswert ist, dass sich Björk nie auf dem bereits Erreichten auszuruhen scheint, denn selbst ältere Songs wie Joga oder Hunter erstrahlen in einem neuen Licht. Die Variabilität dieser Musikerin zieht sich wie ein roter Faden durch das komplette Konzert: So wird New World auf ein instrumentales Brass-Werk reduziert oder für Mark Bell Platz eingeräumt, um seinen Techno-Hammer Freak aus dem Käfig zu lassen. Die Menge dankt es ihnen durch das Schütteln sämtlicher Gliedmaßen. Welch ein Festival-Abschluss!

{image}Trotz einiger Schwierigkeiten: Das Melt! überzeugte auch 2008 durch ein großartiges Musikprogramm und es bleibt anzunehmen, dass 2009 wieder alles genauso läuft, wie es die Melt!-Freunde eigentlich gewohnt sind. Erfreulich auch anzusehen, wie bunt angezogene Klappradfahrer Seite an Seite mit HipHoppern und Indie-Rockern feiern können. Wir werden jedenfalls wieder mit dabei sein...

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