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Neil Young © Warner Music Group

Der Weltstar tourt im Rahmen seiner "Electric Rock Show" durch Deutschland: Zum Auftakt fegte Neil Young wie ein Wirbelwind über die Bühne der König-Pilsener Arena in Oberhausen und begeisterte seine Fans.

Wer in diesen Tagen Berichte über Neil Young liest, der läuft Gefahr, mit falschen Beschreibungen und Halbwahrheiten geradezu überhäuft zu werden. Vom "Folk-Pionier" und "Protest-Sänger" bis zum "Hippie" – kein Klischee ist irreführend genug, um nicht Verwendung zu finden. Journalisten allerorten zeigen sich überfordert mit dem Phänomen Neil Young, das sich einfachen Kategorisierungen und klaren Verortungen widersetzt. Es ist fraglos schwer, die Komplexität von Neil Young und seines musikalischen Werks zu erfassen. Daher beschränkt man sich am Besten auf die Feststellung, dass Neil Young sowohl ein konsequenter Rockmusiker ist, wie ein Meister der leisen Töne, der häufig auf Pop- und Country-Elemente zurückgreift. Seine Musik ist daher sowohl herausfordernd, aggressiv und laut wie leise, melancholisch und nachdenklich. Die thematischen Schwerpunkte sind nicht minder vielfältig: Als einer der ersten Musiker seiner Generation beschrieb er die tragischen Folgen des Drogenkonsums in der Musikszene. Sein Umweltbewusstsein, das sich vor allem in seiner Sorge vor der hemmungslosen Ausbeutung der Natur manifestiert, entwickelte sich ebenfalls früh.

Politisch hat sich Neil Young nur gelegentlich engagiert, dann aber umso eindeutiger und radikaler: gegen Nixon, für Reagan, jüngst gegen Bush. Außerdem ist er ein Freund der kleinen Leute, der Farmer Amerikas, der Außenseiter und der ewig Getriebenen. Gerne wendet er seinen Blick auch nach innen, äußert Sorgen und Selbstzweifel, quält sich mit Einsamkeit oder Versagensängsten. Oder er widmet sich den Menschen in seiner Umgebung und zeichnet lebensechte Portraits von ihnen. Mit anderen Worten: Neil Young hat viele Gesichter.

Beim Konzert am Mittwochabend in der König-Pilsener-Arena in Oberhausen dominiert zunächst der wütende Neil Young. Es ist, als wolle er seine Botschaft in die Zuschauer hineinprügeln, so aggressiv kracht seine Gitarre durch die gut gefüllte Halle. Dazu wippt, springt, hüpft, beugt und verrenkt er sich, wie man es vielleicht von einem viel jüngeren Musiker erwartet hätte, während die übrigen Bandmitglieder eher stoisch auf der Bühne stehen. Der schieren Wucht der Musik liegt dennoch eine eigentümliche, fast überwältigende Schönheit zugrunde: Im Feedback der schneidenden Gitarren fühlte man sich wie im Auge des Hurrikans: Während man von der Musik umtost wird, scheint die Zeit viel schneller zu vergehen. Dadurch wirkt selbst ein zwanzigminütiges Lied wie No Hidden Path nie besonders lang oder gar langweilig.

Während Neil Young über die Bühne wirbelt, malt ein Tourbegleiter im hinteren Teil der Bühne Bilder, auf denen die Songtitel zu lesen sind. Andere Gemälde wurden schon vorher vollendet und werden bei den entsprechenden Liedern auf einer Staffelei im vorderen Teil der Bühne aufgestellt. Bei manchen Songs bleibt sie jedoch gänzlich leer, beispielsweise bei der großen Überraschung des Abends: Time Fades Away. Das deutet darauf hin, dass die Setlist nicht bis ins letzte Detail feststeht. Das Lied selbst ist weniger brachial als Love And Only Love oder My My Hey Hey (Out Of The Blue), die das Konzert eröffnen. Die Schärfe beim Vortrag des eigentlich leichten, beschwingten Everybody Knows This Is Nowhere wirkt ungewohnt aber nicht unpassend.

Neil Youngs Gesang ist, wie sein Gitarrenspiel, ausgezeichnet. Von ihrer Ausdrucksstärke haben beide im Lauf der Jahrzehnte wenig eingebüßt. Wenn er mit solcher Spielfreude auftritt, wie an diesem Abend kann das Konzert eigentlich gar nicht anders als gut werden, so stark ist das Songmaterial und so intensiv und dicht der Klang seiner Band, die vom (Pedal-Steel)-Gitarristen Ben Keith, Bassist Rick Rosas und Drummer Chad Cromwell sowie von Pegi Young und Anthony Crawford (hauptsächlich Background-Gesang) gebildet wird. So gibt es nur wenig zu kritisieren: Bob Dylans filigranes All Along The Watchtower ist nicht das ideale Opfer für seine wild tosende Umdeutung – das ist Jimi Hendrix vor vielen Jahren fraglos besser, weil subtiler angegangen. Dirty Old Man ist kein besonders guter Song, ein wenig zu plump nach seinen Maßstäben. Aber das sind Details, die den Gesamteindruck kaum schmälern. Dass der Klang in der Arena exzellent ist, passt zum hervorragenden Gesamteindruck.

Die abrupte und trotz Vorwarnung überraschende Wendung hin zum ruhigeren, akustischen Teil des Abends erfolgt mit dem traurigen Oh Lonesome Me. Für Mother Earth begibt sich Neil Young zur Orgel und erzeugt eine erhabene, edle Stimmung, die das Publikum in ihren Bann schlägt. Mit The Needle And The Damage Done, Heart Of Gold und Old Man folgen drei seiner populärsten Lieder. Dass er sich seinem erfolgreichsten Album Harvest so ausgiebig widmet, begeistert sicherlich viele im Publikum, zumal die Arrangements den Studioversionen gleichen und ihnen in der Umsetzung an Güte nicht nachstehen. Teilweise fühlen sich die Zuschauer zum Mitsingen animiert, werden jedoch von Neil Young bald übertönt. Das überzeugendste Lied dieses Teils des Konzerts ist das grandiose Unknown Legend, das Portrait einer Kellnerin aus einer amerikanischen Kleinstadt, die leidenschaftliche Motorradfahrerin ist. In den ruhigeren Stücken offenbart sich erneut Neil Youngs glänzende gesangliche Verfassung. Eventuelle Fehler wären hier wesentlich schwerer zu kaschieren gewesen als bei den rockigen Auftaktnummern. Das freilich ist dank seines beeindruckend sicheren Gesangs überhaupt nicht nötig.

Zum Abschluss des mehr als zweistündigen Konzerts spielt Neil Young zwei Songmonumente. Words, ebenfalls von Harvest und No Hidden Path von seinem letzten Album Chrome Dreams II hat er geradezu episch arrangiert. Beide stellen sein Gitarrenspiel in den Mittelpunkt. Welche Freude es ist, seine ausgedehnten Gitarrensoli zu erleben, kann nur jemand nachvollziehen, der mit der Musik vertraut ist. An Ausdrucksstärke ist Neil Young in der Liga der Top-Rockgitarristen zu finden, so vielfältig sind seine Soli, so breit ist seine Palette an Emotionen, die er in seinem Gitarrenspiel zum Ausdruck bringen kann.

Neil Young muss nicht viel sagen, um das begeisterte Publikum zu überwältigen und dessen Leidenschaft für seine Musik zu erneuern. Es ist gut von Zeit zu Zeit daran erinnert zu werden, dass er einer der ganz großen Künstler unserer Gegenwart ist, ein unermessliches Reservoir an Kreativität. Er hätte dreimal siebzehn andere Lieder spielen können, die genauso passend und genauso großartig gewesen wären. Das abschließende Day In The Life verwandelt den Beatles-Song in ein feuriges Inferno, an dessen Ende Neil Young seine Gitarre zerstört. Man schicke Paul McCartney ein Bootleg dieser Aufnahmen, um ihn daran zu erinnern, was er im Laufe der Jahre verloren hat. Neil Young hat es noch: das Feuer. Und er brennt darauf, alle daran teilhaben zu lassen. Man kann ihm dafür nur dankbar sein.

Setlist: Love And Only Love – My My Hey Hey (Out Of The Blue) – Time Fades Away – Everybody Knows This Is Nowhere – Spirit Road – Dirty Old Man – Fuckin’ Up – All Along The Watchtower – Oh Lonesome Me – Mother Earth – The Needle And The Damage Done – Unknown Legend – Heart Of Gold – Old Man – Get Back To The Country – Words – No Hidden Path

Zugabe: Day In The Life

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