The Notwist (Pressebild, 2008)

The Notwist (Pressebild, 2008) © The Notwist

Aus metallischem Hardcore wurde elektronifizierter Indierock, wurde experimentelle Popmusik. Weilheim in Oberbayern wurde ein Synonym dafür, ein Ort, eine Haltung, eine Szene. The Notwist kommen von dort und prägten diese Szene. Mit den Songs des neuen Albums "The Devil, You + Me" im Gepäck gaben sie sich gemeinsam mit Dillon und Tocotronic nach langer Pause ein Stelldichein im Wiesbadener Schlachthof. Alle zeigten viel Engagement, der Gig war weit mehr als nur ein "Warm-Up" zu Southside und Hurricane .

{image}Den Abend eröffnete Dillon, bürgerlich Dominique Dillon de Byington, mit so charmantem wie explizitem Electropop, der sich zwischen Uffie, Peaches und Regina Spektor treffllich eingerichtet hat. Dies lockte aber noch nicht alle Gäste in den später bis zum Anschlag gefüllten Schlachthof. Draußen oder in der Kneipe nebenan holten sich die hartgesottenen Fußball-Fans noch die frischesten Infos darüber ab, wer wohl Deutschlands Halbfinalgegner sein würde. Wir wissen es mittlerweile alle. Und auch an diesem Wochenendabend sprach sich das Ergebnis gerade noch rechtzeitig rum, so dass niemand das folgende Set von Tocotronic zu verpassen brauchte.

{image}Tocotronic sind eine Band, die ihren exzellenten Studioalben live nicht immer gerecht werden kann. An diesem Abend zelebrieren sie jedoch ein begeisterndes Best-Of-Set mit alten und neuen Klassikern wie Verschwör Dich gegen Dich, Kapitulation, Imitationen von Dir, Hi Freaks und Let There Be Rock. Wenn Tocotronic nicht lärmend-planlos, sondern konzentriert, kontrolliert und zielgerichtet spielen, dann entwickelt sich eine faszinierende Symbiose aus Musik und Text, die verdeutlicht, was für ein fabelhafter Songschreiber Dirk von Lotzow ist. Sein engagierter Vortrag in seinem charakteristischen lakonischen Gesangsstil harmonisiert hervorragend mit dem druckvollen Rocksound der Band. Dass Tocotronic nie virtuose Musiker werden, ist offensichtlich. Angesichts der keinen Widerspruch zulassenden Gradlinigkeit des Auftritts fällt das jedoch nicht ins Gewicht: Tocotronic spielen so mitreißend und engagiert, wie man es sich nur wünschen kann.

{image}Die Zahl der Bands, die aus dem Umfeld von The Notwist heraus geboren sind, ist mittlerweile doch recht stattlich: Lali Puna, Console, MS John Soda, 13 & God, The Tied & Tickled Trio, um nur einige aufzuzählen. Alles Inkarnationen des Mutterschiffs, das erst vor kurzem – nach über fünfjähriger Abstinenz – mit The Devil, You + Me ein neues Album veröffentlichte. Auch live ist Notwists Abstinenz ganz offenbar ein notwendiges Übel, mit dem die Fans zu leben haben. Konzertbestätigungen der 1989 im bayerischen Weilheim gegründeten The Notwist sind deshalb immer etwas ganz besonderes. Markus Acher (Gitarre, Gesang), Michael Acher (Bass), Mecki Messerschmidt (Schlagzeug) und der längst zum festen Mitglied avancierte Martin Gretschmann (alias Console) glänzen eben nicht gerade durch unzählbare Liveshows – im Gegenteil. So musste man die drei auffeinander fogenden Dates, die sich die auch international gefeierte Band an diesem Wochende auferlegte, schon fast unter dem Stichwort Mammutprogramm ablegen. Erschöpfungserscheinungen waren hingegen nicht zu erwarten, schließlich sollten die Auftitte auf Southside und Hurricane erst noch folgen.

{image}Und tatsächlich betraten ausgesprochen frisch wirkende Musiker die Bühne. Verstärkt wurde das Quartett durch einen fünften Mann an zweiter Gitarre und einer der zahlreichen Keys/Synthies. Neben ihm und Console bediente auch Michael Acher ausgiebig Tasten und ließ die Saiten seines Basses auffallend oft unberührt, Markus Acher hatte sich zusätzlich zu seiner Gitarre ein DJ-Pult zurecht gestellt. Dieses instrumentale Line-Up gab durchaus gleich die Marschrichtung für das Set vor: Viel Material aus der von elektronischen Verzierungen geprägten jüngsten Bandphase, eher wenige alte Klassiker aus den Hardcore- bis Indiezeiten. Das Programm reichte nur zurück bis zum Album Shrink, von dem mit Day 7 eines der Highlights diesen Konzertes erklang. Die restlichen Songs des knapp über eineinhalbstündigen Gigs waren von den beiden Veröffentlichungen Neon Golden und The Devil, You + Me geprägt. Beide Alben bestechen ja durch eher ruhig angelegte Musik und die darin verankerte Liebe zum (Klang)-Detail. Doch live schlagen Notwist durch einen kräftigen Sound von Bass und Schlagzeug sowie anständig verzerrte Gitarren durchaus einen Bogen zu ihren Ursprüngen. Laut, dabei sehr dynamisch und rhythmisch präzise kommen sie daher, nicht nur wenn sie mitten innerhalb eines Songs oder an dessen Ende ein krachendes Indie-Gefrickel einwerfen. Durchgängig genauso kraftvoll wie auch virtuos bedienen sie ihre Instrumente und wirken dabei hochmotiviert und engagiert, mittendrin im dichten Sound erhebt sich dabei Markus Achers typisch nüchterne Stimme. So werden aus Liedern wie This Room oder Good Lies wahre Rocker und nur die ruhigsten Nummern bleiben live das, was sie auch auf den Platten sind: Ruhepunkte zum ausgiebigen genießen und sich darin verlieren.

Man kann eigentlich nur sehr, wirklich sehr selten "alles haben" – bei Notwists Konzerten aber schon.

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