Die Ärzte

Die Ärzte © die ärzte assistiert von Jörg Steinmetz

Die Ärzte gehören mit ihren fast zwanzig Millionen mal verkauften Alben zu einer der kommerziell erfolgreichsten deutschsprachigen Bands. 2007 haben sie ihr neustes Album namens "Jazz ist anders" veröffentlicht, mit dem sie derzeit auf großer Tour durch Deutschland, Russland, Ungarn, Tschechien und andere europäischen Staaten sind. Dabei machen sie auch in ihrer Heimatstadt Berlin Station – und zwar nicht weniger als sechsmal, verteilt auf zwei Trilogien zwischen Ende Mai und Mitte Juli. Der Ort: Die wie ein Amphitheater wirkende Kindl-Bühne Wuhlheide.

{image}Gleich sechs Konzerte in der 17.000 fassenden Berliner Openair-Stätte Wuhlheide auszuverkaufen hat wohl noch niemand geschafft. Es hat sich bisher auch noch niemand getraut, solch eine Vielzahl an Konzerten innerhalb nur eines Monats in der gleichen Spielstätte anzusetzen. Doch Die Ärzte haben es getan und waren dabei überaus erfolgreich. Bis auf das sechste und letzte Konzert am 13. Juli sind schon alle Termine restlos ausverkauft. Kein Wunder bei der Beliebtheit dieser Band in der deutschen Öffentlichkeit. Bela B., Farin Urlaub und Rodrigo Gonzales haben sich in ihrer sechsundzwanzigjährigen Geschichte, mit einer kurzen aber für die Fans schmerzhaften Auszeit zwischen 1989 und 1993, zu einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Bands gemausert. Sie überraschen ihr Publikum immer wieder in Form von Geheimkonzerten unter falschen Namen oder mit Sonderkonzerten, wie dem Silvesterkonzert im Dezember 2006 unter dem Namen "Ärzte statt Böller". Damit haben sie sich eine Fanbasis aufgebaut, die praktisch von sechsjährigen Kindern bis zu deren siebzigjährigen Großvätern reicht. Dies konnte man auch bei dem ersten der sechs Konzerte in Berlin beobachten, die anlässlich ihres neusten Albums Jazz ist anders im Rahmen der "Es wird eng/Jazzfäst"-Tour stattfinden. Ob im Innenraum oder den weitläufigen Sitzbänken: überall sah man Familien, aufgeteilt in drei bis vier Generationen. Kinder, Teenager, junge Erwachsene, Großväter.

{image}Das Tourmotto "Es wird eng" konnte man hierbei fast wörtlich nehmen. Denn man wusste zwar, dass es eng werden würde, aber dass dies – nach einem zwanzigminütigen Spaziergang vom Bahnhof – gut 90 Minuten Warten im Eingangsbereich mit beinhalten würde, hätte der Autor und wahrscheinlich auch viele der Fans nicht geahnt. Zum Glück war dieser Bereich aber bewaldet, so dass die Hitze um die 30 Grad den Zuschauern nicht wirklich die erwartungsvolle Stimmung dämpfen konnte, sondern mit Slogan-Rufen und später in der Wuhlheide mit Laola-Wellen überbrückt wurde. Die Veranstalter verschoben aus diesem Grund, zum Glück der jungen und alten Fans, den Konzertbeginn von 19 Uhr auf 20 Uhr, so dass alle zahlenden Zuschauer den Konzertbeginn pünktlich genießen konnten.

Die Bühne ist anfangs von einem großen Laken verdeckt. Darauf warnen die Worte: "Achtung, Jazz!" – eine Anspielung auf das Album Jazz ist anders, was mit der Musikrichtung des darauffolgenden Konzerts aber eher wenig zu tun hat. Höchstens, dass dieses "Jazzfäst" mit einem Song des Longplayers in einer Playbackversion anfängt – und so dann schließlich auch endet. Himmelblau und Vorbei ist vorbei sind die beiden Eckpfeiler, die den Rahmen für diese Veranstaltung abstecken.

{image}Innerhalb dessen präsentiert die Berliner Band ein "Best-of"-Programm ihrer langen Schaffenszeit, welches – wie bei den Ärzten üblich – auch das Publikum mit in die Show einbezieht. So sollen die Zuschauer beim Klassiker ½ lovesong das Schwenken von Feuerzeugen und Wunderkerzen nachahmen, doch erst bei den Zugaben Der Graf und Manchmal haben Frauen lässt sich dies perfektioniert in die Realität umsetzen. Es ist dunkel geworden. Der Einbruch der Nacht schafft eine Gänsehaut erzeugende Atmosphäre. Auch bei diesem Konzert gibt es die bei den Ärzten schon fast zur Routine gewordene Sitzlaola-Welle sowie bei Unrockbar eine Variante derselben, bei der die Zuschauer so lange sitzenbleiben sollen, bis der Refrain beginnt, um dann euphorisch hochzuspringen. Und bei Junge fordern die Ärzte eine sogenannte "Wall of Death", die zur Folge hat, dass sich inmitten des Zuschauerraums ein großer leerer Kreis bildet, bis die Wagemutigsten zu einem bestimmten Augenblick aufeinander zu rennen, um dann – wie von einer Wand – von dem Körper des Gegenübers abzuprallen. Blaue Flecken inbegriffen.

{image}Man merkt: Die Band hat ihre Fans im Griff. Und die Fans hören auf Die Ärzte, vergöttern sie teilweise. Passend dazu schweben im Song Lassn Redn dann auch Kreise wie Kronen über den Köpfen der drei Bandmitglieder. Das Mitsingen der Songs wird vorausgesetzt. Nicht ohne Grund erwähnt die Gruppe auf den bedruckten Tickets immer wieder, dass Textwissen ausdrücklich erwünscht ist. Zu diesem Mitmach-Wunsch gehört dann für alle erstmaligen Ärzte-Besucher aber auch die Vermittlung eines allgemeinen Grundwissens über den Ablauf einen solchen Konzerts, denn nach einer von der Band  durchgeführten Abstimmung sind in dieser Angelegenheit mindestens die Hälfte der Besucher Newbies.

So werden zunächst die Formalitäten erläutert: Die Ärzte seien "die beste Band der Welt, auch wenn es nicht so klingt", meinen sie selbstironisch, und ihre Konzerte dauerten in der Regel drei Stunden. Man brauche also Ausdauer. Die Musiker selbst halten sich während den Songpausen mit Nordic Walking fit. Ein guter Sport für die drei Musiker im Alter von um die vierzig Jahre. Solche Gags über das Alter machen sie immer wieder gerne. Die Ärzte wollen eben auch selbst gut unterhalten. So kommen bei Deine Freundin plötzlich nur mit Unterhosen und Boxershorts bekleidete junge Leute auf die Bühne, um zum funkigen Refrain "Pflegeleicht" zu tanzen und vom Publikum die Worte "Halt die Fresse!" entgegen geschrien zu bekommen. Ein Experiment der Band, um den Mitmachwillen des Publikums zu prüfen. Der Begriff "Fresse" ist hier auch ein gutes Stichwort für einen anderen, jedoch sehr alten Song namens Mitten in die Fresse rein, der an diesem Tag passenderweise seinen Eingang in die Setlist findet. Aber noch etliche andere ältere Songs werden performt, so z.B. Radio brennt, der mit Sirenengeheul einhergeht. Gleichzeitig probiert sich hier der Pilotenhut-tragende Schlagzeuger Bela an den Bongos. Westerland wandelt Sänger und Gitarrist Farin Urlaub dann in ein Gedicht um, und in dem antifaschistischen Song Schrei nach Liebe wird die Band schließlich gewohnt politisch und ruft zur Demonstration gegen Nazis auf. Hier kann die Band sogar erziehend tätig werden, denn durch ihre große Bekanntheit haben sie auch großen Einfluss auf junge Teenager.

{image}Alle diese Songs werden von Videoanimationen im Bühnenhintergrund begleitet, welche die Atmosphäre der Songs verstärken und gleichzeitig den Inhalt der Texte verdeutlichen. So erscheint bei ½ lovesong ein Herz, bei Der Graf wird eine Fledermaus im Vollmondlicht sichtbar. Aber auch Kerzenschein oder einfach nur simple grünliche Videoanimationen werden gezeigt.

Mit Ich bin dagegen endet nach 105 Minuten das Hauptset. Doch durch den Jubel des Publikums und die lautstarken "Wir wollen die Ärzte sehen"-Rufe bestärkt, kommen Bela, Farin und Rod mit 4 Zugabeblöcken noch einmal für stattliche weitere 75 Minuten Spielzeit zurück, bevor das Konzert schließlich so endet, wie es angefangen hatte: Mit der Playbackversion eines ihrer neuen Songs, nun dem Outro Vorbei ist vorbei. Dessen Motto: Man soll das Leben solange genießen, wie man kann. Denn wenn das Leben vorbei ist, dann ist es unwiderbringlich vorbei. Hier fängt der ansonsten eher an einer Stelle der Bühne stehende Sänger Farin Urlaub an zu tanzen. Eine eher ungewohnte Seite an dem großen, blonden Schlacks.

{image}So kann das Fazit zu diesem Auftritt nur lauten: Die Ärzte können auch nach 26 Jahren Bandgeschichte noch bestens unterhalten. Vielleicht sollten sie im Verlauf ihrer Konzerte aber auch einige der Aktionen verändern, zum Beispiel nicht immer Sitzlaola-Wellen fordern, denn das ist zwar anfangs noch sehr unterhaltend, kann sich aber zur Eintönigkeit und Langweile entwickeln, wenn man schon vor dem Konzert weiß, was einen erwartet – besonders im Rahmen von sechs Konzerten in der gleichen Stadt. Denn dann wird das für den mehrfachen Konzertbesucher mit der Zeit sicherlich etwas eintönig. Das Berliner Publikum ist – durch die unendliche Zahl der Konzerte in der Hauptstadt – in ihrer Qualitätsbewertung schließlich sehr anspruchsvoll. Das stellte selbst Farin Urlaub kürzlich in einem großen Stadtmagazin fest.

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